heiss

«Diese Hitze …», sage ich zu Doris, als ich aus meinem Mittagsschlaf auftauche, platt wie ein Sandsack auf der Bettdecke liege und nochmals einen Anlauf nehmen muss, um meinen Gedanken zu Ende zu formulieren: «Diese Hitze ist mörderisch. Vor allem für Alte. Da kann man ja nichts anderes machen als schlafen» Noch während des Aussprechens denke ich, was ich deshalb auch noch hinzufüge: «Dazu gehöre nun ja auch ich.» Doris lacht nur. Sie hat ebenfalls tief geschlafen.

Weil es im Laufe des Tages heiss heisser am heissesten wird, waren wir heute Morgen schon um fünf Uhr auf dem See zum Rudern. So wie gestern und vorgestern. Es war bereits warm, der Rundumblick weit, der Tag am Erwachen, die Geräusche auch und einfach schön wie wir bei dieser Morgenröte im Gleichtakt über den Bodensee glitten. Auch dies ist Luxus.

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Luxus

Diese Woche hatte ich zwei fixe Daten in meiner Agenda: Am Montag Balance, Dehnen und Körper stärken, genannt Turnen. Am Donnerstag die Verabschiedung meines langjährigen Vorgesetzen im Fernsehen, der sich vor gut einem Jahr entschied, lieber die frühzeitige Rente zu beanspruchen. Lange habe ich mir überlegt, ob mir diese Apéro-Stimmung gut tut – alle im Arbeitseifer, alle mit den Worten auf den Lippen wie «mach es gut», «wir sehen uns wieder», «schön war es mit dir» und und.

Ich habe mich fürs Hingehen entschieden. Denn schliesslich hatte ich während meiner 43 Arbeitsjahre nicht nur so loyale Chefs wie ihn. Nur schon aus Respekt und Wertschätzung gegenüber dem langjährigen Weggefährten wollte ich zu Gesäusel und Ernsthaftigkeit.

Viele freuten sich, mich wieder zu sehen. An einigen ist es sogar vorbei gegangen, dass ich daran bin, mich in der neuen Lebensphase einzupendlen. Viele fragten mich: «Und, was machst du so?»!

Ohne zu antworten, stellte ich erst einmal die Gegenfrage: «Wenn du wählen könntest, was würdest du an einem heiss heisser Tag wie heute am liebsten machen?»

Ihre Antworten: «Wandern.» – «Schwimmen.» – «In der dunklen und kühlen Wohnung flach liegen.» – «Lesen.» Keine und keiner sagte «arbeiten», obwohl fast alle direkt von der Arbeit kamen. Bemerkenswert – wie auch immer.

Und ich? Ich habe es geschafft, die Woche ohne fremdbestimmtes Eingespannt sein, aus dem Tag heraus zu entscheiden, was ich als nächstes machen werde und dabei nicht schon zum Voraus ein zeitliches Ende determiniert. Ich blieb, ich machte – oder auch nicht – so lange ich wollte. Dabei ist mir oft «Bär» in den Sinn gekommen, der Amerikaner aus Seattle, den ich in Stykkishólmur kennen gelernt habe. Ich sah ihn, in seiner vollen Rundlichkeit im Sofa stecken und mir, als er erfuhr, dass ich anfangs Juli erstmals Altersrente beziehe, mit sonorer Stimme zujubelte: «Von nun an musst du nie mehr müssen». Ich glaube, diese Woche habe ich dies ziemlich gut geschafft. Dabei habe ich mich sauwohl gefühlt und immer wieder gedacht: «Welch ein Luxus, welch ein Privileg.»

grüezi Züri

Der Begrüssungsslogan am Zürcher Flughafen ist eigentlich immer ein Schock, woher ich auch immer anfliege. Ich ertrage es jedes Mal kaum – dieses Cleane, Propere, Spiegelnde und dieses Vermarkten «unseres» Schweizer Luxuses, symbolisiert durch Nobel-Schokolade, Nobel-Uhren, Nobel-Banken …

So war es auch heute. Die Landung war entsprechend hart. Sie hatte zwar keinen Bruch von Nase und Brille zur Folge wie der Misstritt im Lavafeld. Doch wenn Doris und ich zusammen ein gutes Wegstück durch unsere Ferien reisen, ist die geografische Trennung am Ende der gemeinsamen Zeit immer wieder schwierig – sie geht zurück an den Bodensee und ich besteige den Zug in die Gegenrichtung, nach Zürich. Da liegt für viele, die uns noch nicht so gut kennen, der Gedanke schon fast auf der Hand, beziehungsweise die Frage auf der Zunge: Weshalb kein Zusammenziehen, würde doch vieles viel einfacher machen? Sicher wäre dies eine Möglichkeit, aber wir finden beide, dass sie nicht unseren Leben entspricht, weil wir beide mit unseren Biografien dort verwurzelt sind, wo wir wohnen und unsere Arbeit ist oder, was mich anbelangt, bis zur Pensionierung war. Selbst im meinem neuen Lebensabschnitt wollen wir diese Form beibehalten, weil sie auch bereichert – so empfinden wir es wenigstens beide. Deshalb gehört inzwischen zu gemeinsamem Leben und Zusammensein das Pendeln zwischen «hier-und-dort», «dort-und-hier». Nichts desto trotz: «Grüezi Züri» stimmte mich heute nach der Landung der Icelandair nicht freudig.

«Und?», werden sich nun wohl einige fragen: «Was hast du nach sieben Wochen Island als erstes gemacht?».

Ich habe Koffer, Rucksack und Tasche gleich beim Wohnungseingang auf den Boden gestellt, wo sie vier Stunden später noch immer liegen, und freute mich über Karte und Blumenstrauss, die mir meine Nachbarin zur Begrüssung auf den Tisch gestellt hatte. Dann legte ich mich aufs Bett, schloss die Augen, hörte das Rauschen des Windes, im Dialog mit den Blättern. Dabei dachte ich, etwas traurig: «So ein Irrsinn: Keine 12 Stunden später und über 2500 Kilometer südlicher mache ich fast als erstes dasselbe wie in Reykjavik als letztes.»

Kein Wunder; da kann die Landung nicht sanft sein. Da hilft zur Begrüssung kein «grüezi Züri». Da benötigen wir – meine Seele und ich – wohl eher ein Isländisches »Þetta reddast«, was soviel heisst wie: «Das wird schon».