erinnern (5)

Jeden Pullover habe ich aus dem Kasten gezerrt, auch die ältesten, die ich seit Jahren nicht mehr trage. Jeden habe ich geöffnet, gegen’s Licht gehalten und abgesucht nach diesen kitzekleinen Löchern.

Und so wurde ich wegen eines unscheinbaren Lochs zur Kammerjägerin. Das erste entdeckte ich zufälligerweise in meinem mir liebsten Pullover, dem hellen blauen aus Kaschmirwolle und daraufhin ein zweites in der violetten Jacke, auch sie ein Herzensstück, so wie jeder Pullover in meinem Schrank.

Nun habe ich sukzessive jedes wollene Teil gewaschen, wieder eingeräumt und Mottenblätter dazu gestellt. Obwohl der Sack der Textilsammlung bereit lag, habe ich es dieses Mal nicht geschafft, einen einzigen Pullover wegzugeben – selbst, die seit Jahren nicht mehr getragenen.

Schliesslich schützte und wärmte mich jeder. Schliesslich begleitete mich jeder und erinnert mich deshalb an eine gewisse Zeit.

Der stahlblaue (15-jährig) an den Besuch bei meiner langjährigsten Freundin in Hamburg. Der braune (12-jährig) an die Filmfestivals in Locarno. Der schwarze (22-jährig) an meine zweite Frauenliebe und unsere erste gemeinsame Wohnung in Zürich.

Und so werden Schrank und Pullover in Anlehnung an Louise Bourgois zum Hort der Erinnerungen, die wiederum meine Dokumente sind.

 

 

rückfällig

Und schon wieder das «Café du Bonheur». Ja, auch dieses hat für mich etwas von einem Stammstisch.

Kurz nach halb neun Uhr schliesse ich die Haustüre und mache mich auf den Weg. Auf der Strasse empfängt mich ein klarer, kühler Morgen. Der Brunnen am Bullingerplatz plätschert fröhlich. Der Kaffeeduft umhüllt mich wie ein feiner Seidenschal – auch wenn’s ihn hier noch nicht gibt und es nur meine Vorstellung ist.

Liebend gerne würde ich mich jetzt zu den Gästen setzen, aber ausgerechnet heute geht es nicht. Spinnt’s mir, frage ich mich und als Antwort summt mir der Kinderreim durch den Kopf: «Dä Hans-Dampf im Schnäggeloch hätt alles, was er will. Und was er will, das hätt er nöd, und was er hätt, das will er nöd.»

Wie oft habe ich über verlorene Strukturen und nicht mehr eingebunden sein gesprochen. Wie oft habe ich dies vermisst. Und ausgerechnet heute, wo ich eine «rückfällige» Pensionierte bin, wäre ich lieber eine «wirklich» Pensionierte.

Mein Kollege und ich bereiten für Ende September einen dreitägigen Kurs vor, den wir in den vergangenen Jahren zusammen für Fernsehen und Radio entwickelt haben. Wir treffen uns, so wie früher auf der sogenannten Piazza zum Kaffee und datieren uns erst einmal über unsere Leben auf.

Ich sehe Gesichter, höre Geschichten und denke, die Alten haben ausgedient, sie gehören mit ihren ethischen Ansprüchen zur Kategorie «Auslaufmodell». Weniger weil sie alt sind, vielmehr weil sie für alte Werte einstehen – Vertiefendes statt Oberflächliches. Ich sage zu meinem Kollegen: «Zum Glück kann uns unsere Erinnerung niemand nehmen.» Louise Bourgeois hätte dazu noch den Satz gestellt: «Sie sind unsere Dokumente.»

Nach der ernsthaften, aber lustvollen Vorbereitung, fahre ich mit meinem Kollegen Richtung Stadt. Résumierend sage ich: «Die Rückfälligkeit hat gut getan. Die Wehmut, die mich während der letzten Arbeitstage vor der Pensionierung befallen hat, ist glücklicherweise nicht zurückgekehrt.»

erinnern (4)

Ich hänge in Doris‘ Garten die Wäsche auf, als mich die Bekannte sieht. Sie liest fast täglich meine «Post’s» – eben nicht «Blogs» wie mich gestern Clara Himmelhoch in einem Kommentar über meine nicht adäquate Wortwahl aufgeklärt hat.

Die Bekannte, um aufs Thema zurück zu kommen, ist um einige Jahre älter als ich. Sie freut sich jeden Morgen, wenn sie Online geht, jeweils als erstes direkt auf den für sie eingerichteten Link dauerferien zu klicken. Oft reagiert sie darauf, allerdings nur verbal. Sie redet lieber mit mir, als dass sie dieses «modernde Zeugs» wie «gefällt mir» oder «schreibe einen Kommentar» anwenden würde.

Ich höre ihre Reaktionen auch gerne. Häufig kommt ihr in Verbindung mit dem Lesen etwas Zusätzliches in den Sinn – auch im Zusammenhang mit den unmöglich zu öffnenden Verschlüssen. Als sie mich nun im Garten sieht, begrüsst sie mich fröhlich. Dieses Problem sei doch nichts Neues, vor 30 Jahren habe einer darüber gesungen. Den Namen des Liedinterpreten hat sie vergessen, Refrain und Melodie sind allerdings noch gespeichert: «Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche zieh’n», beginnt sie zu singen. Und dann nochmals.

Sie lacht, strahlt und sagt: «Mensch, weisst du, mit deiner Geschichte hast bei mir alte Erinnerungen wach gerufen.»

Als ich später auf der Suchmaschine den Satz, in der Kombination mit «Lied» eingebe, kommt als erstes: Mike Krüger, Der Nippel, 1980.

Ich mag mich ans Lied nicht mehr erinnern, dafür an Mike Krüger mit Gitarre und langem Steckenhaar. Damals war ich 30-jährig, lebte in Biel und fand es elend hart, als Journalistin Artikel zu schreiben. Oft sass ich morgens am ovalen Tisch der Gemeinschaft und wäre, wenn irgend jemand aus der Runde eine spitze Bemerkung über meine Sätze fallen liess, am liebsten unsichtbar geworden.

Weil die Bekannte von Erinnerungen spricht, erinnere auch ich mich. Wie sagte Louise Bourgois: «Ich brauche Erinnerungen. Sie sind meine Dokumente.»

verschiedene Welten

IMG_2026Mein Hin-und-Her (siehe gestern), das Pendeln zwischen «da und dort – dort und da» hat viele schöne Seiten. Zum Beispiel mein «Käfeli» gleich ums Eck, da wo ich in Zürich wohne. Hier, im «Café du Bonheur», machte ich Halt, als ich am Montag nach Verlassen der «Hafenstadt Romanshorn» in der Stadt landete, wo einmal ein rostiger Hafenkran aus Rostock temporäres Kunstwerk war.

Bevor ich überhaupt meinen Briefkasten leere, wo sich Zeitungen der letzten vier Tage zu Altpapier stapeln, setze ich mich in mein Kaffee des Glücks, wie «bonheur» nicht nur in der Übersetzung heisst. Hier kennt man mich. Die Bedienung fragt, als ich bestelle: «Möchtest du die Zeitung dazu?» und bringt mir gleich beide Zürcher Tageszeitungen. Das ist auch Heimat. Wenn ich mir dazu noch eine Zigarette, die ich mir gegen 50 Rappen aus dem Glas nehme, zwischen die Lippen stecke und sie rauche, ist dies für mich ebenfalls richtiges «bonheur». Und wenn ich dann noch unverhofft Bekannte erblicke, denke ich, das Hin-und-Her hat viele gute Seiten.

Und tatsächlich treffe ich zwei Bekannte nach deren Arzttermin. Sie, die Mutter meines Nachbarn. Er, der langjährige Freund der Mutter. Die Pensionierten, beide über 70, haben dieses Mal mir unvertraute Rollen. Nicht sie, sondern er geht an Krücken. Mit einer schweren Vergiftung lag er während 14 Tagen im Spital. Nun pflegt sie ihn – auch dies ist für beide eine unverhofft neue Rollenverteilung. Er sagt, halb scherzend: «Sie ist eine gute Nanny». «Diesen Part», antworte ich, «hast du ja schon oft übernommen.» Und sie, die Bekannte, atmet tief durch: «Ja, das Alter.»

Als sie, gut aufeinander achtend, weitergehen, wende ich mich erneut der Zeitung zu. Ich lese von Patty Smith‘ Auftritt, dem «kompromisslosen Konzert» am «Paléo Festival». Am Ende habe die powervolle 68-jährige in Publikum gerufen: «Öffnet eure Hände, denn ihr seid frei!»

Wie verschieden Welten sein können, speziell im Alter.

Zu Hause krame ich aus der Schublade eine schon lange nicht mehr gespielte CD von ihr und Patty Smith rockt für mich mehrmals überlaut: «RAVENS». Wie sagte Louise Bourgeois?: «Ich brauche meine Erinnerungen. Sie sind meine Dokumente».

erinnern (3)

Mit: «Du musst immer hin und her», verabschiedete mich meine Lebenspartnerin am Montagmorgen, als ich nach vier Tagen Ostschweiz wieder nach Zürich fahre – von ihrem Lebenszentrum in meines. Dies ist unsere Realität. Denn sie ist durch ihre Berufsarbeit ortsgebunden. Ich nicht – auch als ich, als Ausbildnerin mit einem Jahrespensum von 50 Prozent und blockweisen Einsätzen in der Fernsehwelt aktiv war, war das Pendeln für mich mit sehr viel weniger Aufwand verbunden, als für sie.

Und nun, da ich theoretisch bei Doris bleiben könnte, steige ich am vergangenen Montagmorgen kurz nach sieben Uhr trotzdem in den Zug und fahre nach Zürich, um wenige Tage später wieder zurück zu kehren. That’s life.

Ich antworte Doris beim Umarmen: «Typisch Zwilling – immer hin und her!» Nein, selbstverständlich finde ich es nicht immer so locker, wie es klingt. Oft fällt mir das Gehen schwer. Oft auch nicht, weil wir beide wissen: Jede braucht ihren Raum, um unabhängig von der Andern ihren Rhythmus leben zu können. Zudem schenkt uns – und ich meine explizit uns – die temporäre, geographische Distanz auch Nähe, Tiefe, zusätzlichen Austausch und manchmal auch Entspannung in gewissen Bereichen, die konstante Nähe nicht mit sich bringen würde.

«Anyway», würde nun meine Zürcher Freundin sagen, über die ich in «diesig» schrieb, um Gesagtes, beziehungsweise Geschriebenes zu beenden. Auch ich lasse es dabei bewenden. Denn das Hin-und-Her hat, wie alles im Leben, nicht nur Nachteile sondern auch Vorteile.

Ich habe mir angewöhnt, meine Fahrten von da/dort nach dort/da – manchmal weiss ich gar nicht mehr, was «da» und «dort» ist, weil nach sieben Jahren beides auch ein «Da» ist – zu dokumentieren. Ich fotografiere aus dem Zug Stimmungen, Situationen und jahreszeitliche Veränderungen der Natur. Dazu ein Satz-Zitat aus Ulf Küsters Buch «Louise Bourgeois», der  Skulpteurin, die fast 100-jährig wurde: «Ich brauche meine Erinnerungen. Sie sind meine Dokumente».

Montagmorgen, 27.7.2015: «Hafenstadt Romanshorn»

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Freitagabend, 3.9.2010: Unterwegs mit meinem ersten Buch von da/dort nach dort/da

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Freitagnacht, 26.10.12: Unterwegs mit meinem zweiten Buch von da/dort nach dort/da

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Samstagmittag, 27.12.2014: weiss

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Ü90

Ich melde mich zurück!

Vergangene Woche war ich zuerst in München, dann im Klöntal. In der Grossstadt schaute ich vom Hotelzimmer aus auf den Englischen Garten; im Glarnerland auf das Glärnischmassiv, hinter dem sich das «Vrenelisgärtli» versteckt. Woche und Abend liess ich bei einem Bier ausklingen – nicht irgend ein Gebräu, sondern ein «Vrenelisgärtli». Es grollte ein Gewitter. Mein Tischnachbar, ein Klöntaler mit Leib und Seele, war perplex, als ich auf seine Frage die Sage vom «Vrenelisgärtli» erzählte. Was ich dabei nicht erwähnte: dass ich die Geschichte erst seit knapp zwei Wochen kenne, als ich sie assoziativ für den Blog «diesig» benutzte.

In München besuchte ich anfangs letzter Woche, zusammen mit meiner Schwester, unter anderem die Ausstellung von Louise Bourgois. Absolut toll und überwältigend, was die Künstlerin, die fast 100 Jahre alt geworden ist, geschaffen hat. Zu sehen waren ihre ersten Zeichnungen sowie ihre überdimensional grossen Spinnen- und Zellenarbeiten und auch ihre allerletzten, grossformatigen Bilder auf denen sie, kurz vor dem Tod, ihre Metamorphose angekündigt hat. Als 70-jährige, als sie erstmals ein eigenes Atelier besass, erfand sie die «Zellen» und arbeitete damit nochmals 30 Jahre an ihrem Thema «Kindheit». Sie schuf insgesamt 60 solcher «Zellen», deren innerer Raum eine Art dreidimensionale Psychoanalyse darstellt. Die Hälfte davon ist im «Haus der Kunst» zu sehen. «Sensationell», schreiben Kunstkritiker.

Im Klöntal war ich in einer Gruppe, die während dreier Tage auf dem Bergsee unter Anleitung eines Trainers lernte, die eigene Rudertechnik zu verfeinern. Bereits zum vierten Mal habe ich diesen Anlass in dieser traumhaften, hochalpinen Kulisse organisiert. Als wir in unserer gewohnten Bodenseeformation im Doppelvierer sitzen und realisieren, dass wir durch üben unser Boot immer besser übers Wasser gleiten lassen, sagt Doris: «Wenn ich auch einmal, so wie ihr, 30 Jahre rudere, werde ich euch ebenbürtig.» Ich protestiere, weil es einerseits nicht stimmt, was sie über sich sagt und andrerseits, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass ich mit über 90 Jahren noch rudern kann. Aber wer weiss, wo ich noch Schub geben kann.

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