Stammtischgespräch

Wie es Stammtische so an sich haben: Sind sie für einmal nicht von Freundinnen und guten Bekannten belegt, dann setzen sich immer wieder Unbekannte dazu mit denen man ebenfalls zu guten Gesprächen findet. So war es heute am Hitze-Morgen auf der Sitzbank im Seebad Enge. Selbstverständlich stellte ich mich der Unbekannten als frisch Pensionierte vor, als wir ins Plaudern kamen.

Doch davon will ich gar nicht erzählen – auch nicht, was ich an diesem super heissen Tag so alles gemacht habe. Zuerst dies, anschliessend das, dann … Nein, behüte die Leserin, den Leser – behüte mich davor.

Heute beschäftigte mich unter anderem die Frage, ob es geeignete Koeffizienten gibt, um zu berechnen wie viel Zeit ein Mensch in einer bestimmten Lebenslage braucht, um sich an die neue Situation zu gewöhnen, so wie es einen für den Jetlag gibt. Man weiss: Je grösser die Zeitverschiebung beim Reisen ist, desto grösser sind die damit verbundenen, körperlichen Probleme. Bereits ab fünf Stunden gerät die innere Uhr aus dem Gleichgewicht. Die Faustregel lautet, dass der Körper pro verschobener Stunde einen Tag zur Anpassung benötigt.

Wie ist es mit dem Kulturschock? Wenn ich hierfür eine ähnliche Berechnungsmethode anwende, würde dies heissen, dass ich nach sieben Wochen Island fürs Einfinden im Alltag und fürs innerliche Gleichgewicht bis zu sieben Tage benötige. Nach meiner unsanften Landung am Samstag bleibt mir also noch etwas Zeit.

Und wie lange dauert es, bis man sich nach 43 Arbeitsjahren an den sogenannt wohlverdienten Ruhestand gewöhnt hat? Ans Leben mit anderen Herausforderungen? Welcher Koeffizient gilt hier fürs Berechnen? Ich weiss es noch nicht. Jedenfalls sagen viele, erst wenn sie im Rückblick darüber sprechen, dass sie in etwa ein Jahr benötigt hätten, um ihren Tritt zu finden. Auch darüber wird gesprochen, wenn ich am Stammtisch sitze.

grüezi Züri

Der Begrüssungsslogan am Zürcher Flughafen ist eigentlich immer ein Schock, woher ich auch immer anfliege. Ich ertrage es jedes Mal kaum – dieses Cleane, Propere, Spiegelnde und dieses Vermarkten «unseres» Schweizer Luxuses, symbolisiert durch Nobel-Schokolade, Nobel-Uhren, Nobel-Banken …

So war es auch heute. Die Landung war entsprechend hart. Sie hatte zwar keinen Bruch von Nase und Brille zur Folge wie der Misstritt im Lavafeld. Doch wenn Doris und ich zusammen ein gutes Wegstück durch unsere Ferien reisen, ist die geografische Trennung am Ende der gemeinsamen Zeit immer wieder schwierig – sie geht zurück an den Bodensee und ich besteige den Zug in die Gegenrichtung, nach Zürich. Da liegt für viele, die uns noch nicht so gut kennen, der Gedanke schon fast auf der Hand, beziehungsweise die Frage auf der Zunge: Weshalb kein Zusammenziehen, würde doch vieles viel einfacher machen? Sicher wäre dies eine Möglichkeit, aber wir finden beide, dass sie nicht unseren Leben entspricht, weil wir beide mit unseren Biografien dort verwurzelt sind, wo wir wohnen und unsere Arbeit ist oder, was mich anbelangt, bis zur Pensionierung war. Selbst im meinem neuen Lebensabschnitt wollen wir diese Form beibehalten, weil sie auch bereichert – so empfinden wir es wenigstens beide. Deshalb gehört inzwischen zu gemeinsamem Leben und Zusammensein das Pendeln zwischen «hier-und-dort», «dort-und-hier». Nichts desto trotz: «Grüezi Züri» stimmte mich heute nach der Landung der Icelandair nicht freudig.

«Und?», werden sich nun wohl einige fragen: «Was hast du nach sieben Wochen Island als erstes gemacht?».

Ich habe Koffer, Rucksack und Tasche gleich beim Wohnungseingang auf den Boden gestellt, wo sie vier Stunden später noch immer liegen, und freute mich über Karte und Blumenstrauss, die mir meine Nachbarin zur Begrüssung auf den Tisch gestellt hatte. Dann legte ich mich aufs Bett, schloss die Augen, hörte das Rauschen des Windes, im Dialog mit den Blättern. Dabei dachte ich, etwas traurig: «So ein Irrsinn: Keine 12 Stunden später und über 2500 Kilometer südlicher mache ich fast als erstes dasselbe wie in Reykjavik als letztes.»

Kein Wunder; da kann die Landung nicht sanft sein. Da hilft zur Begrüssung kein «grüezi Züri». Da benötigen wir – meine Seele und ich – wohl eher ein Isländisches »Þetta reddast«, was soviel heisst wie: «Das wird schon».