weitergeben

Zukunft ist, wenn die Vergangenheit nicht vergessen geht.

Diese eindringliche Botschaft leben die 93-jährige Chizuko Uchida und der 98-jährige Shuntaro Hida, indem sie sich tagtäglich gegen das Verdrängen der zerstörerischen Wirkung der Atomkraft stellen. Die beiden haben damals, als die Atombombe das Leben in Hiroshima zerstörte, die katastrophalen Folgen als Krankenschwester und als Arzt erlebt. Kein weiteres Mal soll so etwas geschehen.

Selbst wenn ihr Einsatz wie ein Tropfen auf einen siedend heissen Stein ist, geben sie nicht auf, diese Vergangenheit der Zukunft zu erhalten; würdevoll und überzeugend ihre Haltung. Auch dank dessen, dass sie in Aya Domenig eine Filmautorin gefunden haben, die in der Aufarbeitung ihrer eigenen japanischen Wurzeln, den Appell der beiden Überlebenden an die Menscheit in «Als die Sonne vom Himmel fiel» weitergibt.

bloggen

«Heimat ist nicht unbedingt der Ort, an dem man geboren wurde, sondern der Ort, an dem man sich aufgenommen fühlt», lese ich im Zürcher Tages-Anzeiger (16.12.2015). Die Aussage ist von Ensaf Haidar.

Ihre eigentliche Heimat, Saudiarabien, ist nicht mehr ihre Heimat. Ägypten auch nicht mehr. Und auch der Libanon ist ihr ebenfalls keine Heimat mehr. Heute lebt sie mit ihren drei Kindern in Kanada.

Denn Raif Badawi, der Blogger und diesjähriger Sacharow-Preisträger, ist ihr Ehemann. In seinen Bloggeschichten schrieb er über seine Visionen einer freien, liberalen Gesellschaft. Weil er dies in Saudiarbien tat, wurde er wegen «Gotteslästerung» zu 1000 Stockschlägen und 10 Jahren Haft verurteilt.

Dies ist auch der Grund, weshalb seine Frau und seine Kinder flüchten mussten. Aber auch in Ägypten und im Libanon wurden sie bedroht und waren nicht sicher.

Politisches Asyl und Freitheit hat Ensaf Haidar mit ihren Kinder in Kanada gefunden. Deshalb konnte sie nach Brüssel reisen und am Mittwoch den Sacharow-Preis, den «Preis für die geistige Freiheit», für ihren Mann entgegen nehmen. Denn Raif Badawi, der eigentliche Preisträger, sitzt für seine Meinungsäusserung noch immer im Gefängnis.

Haltung

Um meine Ohren nicht in jedes überlaute Gespräch reinzuhalten, entfalte ich zu Beginn der gut 30-minütigen Bahnfahrt die Neue Zürcher Zeitung zum Vollformat (47x64cm) und bin damit für alle Mitreisenden als «Fossil» erkennbar. Wer liest in Zeiten der Kleinstformate noch gross Papierenes – damit meine ich nicht das Inhaltliche.

Denn was ich auf Seite 5 lese, lässt mich am Ende des Artikels über die Grenzen der persönlichen Bereitschaft reflektieren.

Die chinesische Journalistin Gao Yu war schon zweimal im Gefängnis. Im Frühjar wurde die 71-jährige Regimekritikerin nochmals zu fünf Jahren Haft verurteilt und nun aus gesundheitlichen Gründen vorübergehend entlassen.

Ich lese, wofür sie bestraft worden ist: Angeblich hat sie, so die Anklage, geheime Dokumente der Kommunistischen Partei Chinas beschafft und diese an eine in den USA ansässige chinesische Webseite weitergegeben.

Bei den weitergeleiteten Unterlagen soll es sich um «Dokument Nr. 9» handeln. In diesem wird aufgelistet, worüber an chinesischen Universitäten und in den Medien nicht gesprochen werden darf – über Werte wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte.

Auf der Rangliste der Pressefreitheit, erstellt von «Reportern ohne Grenzen», belegt China unter 180 Staaten Rang 176.

Gao Yu hört trotz Torturen und weggesperrt werden, nicht auf, sich als Bürgerin und Journalistin für die Grundwerte einzusetzen.

Mein Respekt vor soviel persönlichen Bereitschaft und Haltung.

 

(Link zum Artikel: http://www.nzz.ch/international/gao-yu-in-china-aus-haft-entlassen-1.18653658)