gehen (10)

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Dieses Hinweisschild in welche Richtung ich im Notfall zu fliehen habe, befindet sich in der historischen Villa Planta, im alten Teil des Bündner Kunstmuseums.

Damit endet die «gehen»-Serie nach 10 Ausgaben.

Dass ich ausgerechnet für mein Reisen in die Provinz – böse formuliert – mit soviel Inspirierendem beschenkt werden könnte, ahnte ich bei meinem spontanen Planen nach Chur zu fahren nicht, um dort sowohl das neue Museum als auch die beiden Ausstellungen «SOLO WALKS» und Zilla Leuteneggers «TINTERELLA DI LUNA » zu besuchen. Doch wie bereits in «gehen (3)» beschrieben, entwickelte sich an diesem Ort diese Idee. Dass sich mit einem einzigen Ausflug gleich 10 Geschichten schöpfen liessen, eröffnete sich erst vor Ort.

Um ehrlich zu sein, mich im «Gehen» fliessen zu lassen, hat mir echt Spass gemacht. Dennoch wähle ich nun diesbezüglich, dem Foto entsprechend, den Abgang – allerdings, nicht ohne noch zwei Dinge zu erwähnen.

Erstens (oder zweitens): Ausfliegen beflügelt Seele und auch Geist; wirkt anregend. Da mit meiner Pensionierung, dem Ausstieg aus dem Berufsalltag eine Quelle des Austausches und geistigen Auftankens versiegt ist, werden für mich Ausflüge und Eintauchen in (auch) Unbekanntes wichtig, so meine Erkenntnis.

Zweitens (oder erstens): Bei den Blogleserinnen und – leser möchte ich mich bedanken, fürs Mit-«gehen» und fürs sich damit Auseinandersetzten. Ohne euch wäre thumb_thumb_Bildschirmfoto 2016-06-28 um 17.11.20_1024_1024 einfach nicht gegangen. Danke!

 

 

gehen (9)

Nein, keine Angst, kein Endlosblog zu «gehen». Jetzt geht es nicht nur ums «Gehen», sondern auch ums Hier und Jetzt.

Als ich nach dem Besuch bei meinen beiden Freunden wieder zu Hause bin, blättere ich im Buch über den «tibetischen Buddhismus als Religion und Psychologie», wie die Unterzeile zu «Das offene Geheimnis» von Walt Andersson lautet. Noch einmal denke ich an die Begegnung mit den beiden Männern. Noch einmal,daran, dass das Buch – eine Einführung in den Buddhismus aus westlicher Sicht -, das ich als Geschenk erhielt, sich der eine 1981 erwarb. Damals feierte ich meinen 30sten Geburtstag und war überglücklich, dass in Frankreich mit François Mitterand endlich ein Linker zum Präsidenten gewählt wurde.

Heute, 35 Jahre später, denke ich nicht unbedingt, was alles vergangen und gekommen ist, sondern studiere den Fünfzeiler, der an und für sich schon eine Kürzestantwort auf die Frage nach dem Wesentlichen ist:

Es gibt nichts anderes als das Wissen von Diesem,
Anderes, als Dies kann niemand erkennen.

Es ist Dies, das gelesen wird, dies, das man meditiert, 
Es ist Dies, das sich findet in Abhandlungen
   und in alten Legenden,
Es gibt keine Schule des Denkens,
   die Dies nicht zum Ziel hätte.

SARAHA

Sicherlich führt nur Gehen zu «Dies». Aber jedes Gehen setzt auch ein Innehalten voraus.

gehen (8)

Unlängst habe ich die beiden Männer, über die ich in «Vielfalt» schrieb, besucht – selbstverständlich nicht ohne Voranmeldung.

Im Treppenhaus, vor der Wohnungstür, die der eine zum Eintreten bereits geöffnet hat, steht – und das ist überraschend neu für mich – eine Gehhilfe.

«Was?», entfährt es mir noch bevor ich den einen Freund zur Begrüssung küsse. «Ja!», seit Samstag. Etwas später, als wir zusammensitzen, sagt er, der in der äusserlichen Wirkung etwas feinere, dass er es trotz seiner 86 Jahre gedanklich nicht schaffe, das Alter zu akzeptieren. Er habe noch so viele Ideen im Kopf, doch der Körper sei einfach zu schwach dafür. Sein Partner zuckt mit den Schultern, meint in seinem lakonischen Tonfall: «Tatsache ist, dass wir an der Schwelle von alt zu gebrechlich stehen.»

Er lächelt, ich schlucke leer, im Bewusstsein, dass er recht hat.

Danach fragt mich der Robustere nach meinen Ferienplänen. Ich erwähne, dass ich mit meiner Schwester und meinem Schwager anfangs Winter eine Reise nach Marokko geplant hätte. Er kommt ins Schwärmen. Er erzählt von Orten, die sie 1968 zusammen besucht haben. Er nennt alle beim Namen.

Noch einmal: Schluck.

Selbst als ich mir den Namen einer Stadt im Süden, die für ihn die zauberhafteste überhaupt war und fast schöner als alle andern, merken will, ist er bereits wieder ausradiert.

Wie schafft er das bloss, frage ich mich nicht zum ersten Mal.

Und dann kommt der Zeitpunkt zum Gehen. Er steht auf, verschwindet in seinem Arbeitszimmer und kommt mit einem Buch zurück, das er mir nun überreicht.

Unlängst erzählte er mir nämlich, dass er sein Büchergestell leere – das müsse er schliesslich machen, diese Arbeit könne er, wenn er dann gegangen sei, nicht andern überlassen. Daraufhin füllte er unzählige Papiersäcke mit Buddhistischen Sachbüchern, um diese in Österreich einer bestimmten Bibliothekt zu vermachen. Als er vor Wochen darüber redete, musste er gespürt haben, was ich dachte.

Jedenfalls ging er daraufhin in den Keller, suchte nach einem bestimmten, das er, wie er mir nun erzählt, mit einem Griff im richtigen Sack ortete.

Und nun umarme ich ihn, bedanke mich für «Das offene Geheimnis» und gehe gerührt nach Hause.

 

 

gehen (7)

Und nun erzähle ich, was ich im Anschluss an den Ausstellungsbesuch im Bündner Kunstmuseum in Chur auch noch machte, ausser heimzufahren.

Der eine Gedanke verfestigt sich während des Reisens immer mehr. Und so treibt es mich nach meiner Ankunft am Zürcher Hauptbahnhof auf direktestem Weg dahin, wo Zilla Leuteneggers Galerie beheimatet ist – im ehemaligen Industriequartier. Ich trete ein, sage, dass ich wegen Zilla’s Kunst nicht nur in München, sondern auch im Bergell, in der Kartause in Ittingen und ebenfalls schon in dieser Galerie war. Und nun einfach wieder kommen müsse, weil es ein tief gehegter Traum von mir sei, ein Bild von Zilla zu haben.

Die Galeristin ist erfreut, zeigt mir am Computerbildschirm Bilder aus Serien. Das Entscheiden fällt mir nicht leicht, vieles geht mir durch den Kopf und letztlich sind es Moment, Bauch, Situation, die mir bei der Wahl helfen.

Und so wird bei mir zu Hause schon bald ein Bild aus der Serie «Balance» an der Wand hängen. Eine Tänzerin, schwebend auf dem Seil von Zeit und Raum, von einer Welt in eine Welt gehend.

Ähnlich der Figur schwebe ich anschliessend nach Hause; virtuell auf einem Seil – real auf zwei Rädern.

 

gehen (4)

Für Zilla Leutenegger bin ich vor einem Jahr nach München gereist. Und diese Woche nun auch nach Chur. Im neu eröffneten Bündner Museum (siehe «gehen 3») gibt es ein Mini-Museum innerhalb des Museums, genannt «Labor» – ein konzeptuell und räumlicher Freiraum, den geladene Kunstschaffende frei nutzen können.

Zilla Leutenegger, die in Chur aufgewachsene Künstlerin, ist die erste, die diesen Raum bespielt. Während der Bauzeit hat sie das Entstehen des Raumes verfolgt. Dabei hat sie, die in ihren Werken häufig das faszinierene Spiel von Schatten und Licht einsetzt, auch dieses Mal, das vom spanischen Architekten-Duo konzipierte, einfallende Licht zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit genommen.

Und so gibt es im «Labor» unter anderem ein grossflächiges, dunkles Bild – ein Raum mit Flügel mit einzelnen Lichtflächen. Und wie von Zauberhand gehen Licht-und-Schatten Muster des Fensters über die Wand. Typisch für Zilla Leutenegger und dennoch überraschend.

Einfach magisch wie diese von der Künstlerin arrangierte Licht-Schatten-Fläche über Wand und Bild kriecht, schwebt. Geht.

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gehen (3)

Dass «gehen» so verschiedenes bedeuten kann, wird mir bewusst, als ich in Chur durch die Ausstellung «SOLO WALKS» gehe.

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Im Neubau des architektonischen Kunststückes, das das Alte – die Villa Planta, einer der bedeutensten Bauten Graubündens des 19. Jahrhunderts – mit dem Neuen zusammenhält, bewege ich mich rund um die schlanke, überlange Figur «L’homme qui marche». Die Plastik aus Bronze erschuf Alberto Giacometti. Gleich gegenüber hängen an der Wand Zeichnungen des in Graubünden geborenen Künstlers – es sind Skizzen aus Paris.

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Sein künstlerisches Schaffen, wird mir bewussst, ist von «gehen» stark geprägt.

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Henri Cartier-Bresson, Alberto Giacometti an der Rue d’Alésia, Paris, 1961

Als 20-Jähriger verliess Giacometti das Bergell und reiste erstmals nach Paris. Er ging aus dem Tal. Um in seinem künstlerischen Schaffen weiterzukommen, musste er «gehen». Zudem hat er sich als Maler und Skulpteur über die Jahre intensiv mit «Gehen» auseinandergesetzt. «Gehen», lese ich nachträglich im Katalog, «ist die Existenzform des Künstlers».

Mit fortan fokusiertem Blick gehe ich durch die Ausstellung «SOLO WALKS». Ich suche nach den mehrfachen Formen des Gehens.

Ich finde dabei die Antwort, dass reflektieren ohne «gehen» nicht geht.