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«Heimat ist nicht unbedingt der Ort, an dem man geboren wurde, sondern der Ort, an dem man sich aufgenommen fühlt», lese ich im Zürcher Tages-Anzeiger (16.12.2015). Die Aussage ist von Ensaf Haidar.

Ihre eigentliche Heimat, Saudiarabien, ist nicht mehr ihre Heimat. Ägypten auch nicht mehr. Und auch der Libanon ist ihr ebenfalls keine Heimat mehr. Heute lebt sie mit ihren drei Kindern in Kanada.

Denn Raif Badawi, der Blogger und diesjähriger Sacharow-Preisträger, ist ihr Ehemann. In seinen Bloggeschichten schrieb er über seine Visionen einer freien, liberalen Gesellschaft. Weil er dies in Saudiarbien tat, wurde er wegen «Gotteslästerung» zu 1000 Stockschlägen und 10 Jahren Haft verurteilt.

Dies ist auch der Grund, weshalb seine Frau und seine Kinder flüchten mussten. Aber auch in Ägypten und im Libanon wurden sie bedroht und waren nicht sicher.

Politisches Asyl und Freitheit hat Ensaf Haidar mit ihren Kinder in Kanada gefunden. Deshalb konnte sie nach Brüssel reisen und am Mittwoch den Sacharow-Preis, den «Preis für die geistige Freiheit», für ihren Mann entgegen nehmen. Denn Raif Badawi, der eigentliche Preisträger, sitzt für seine Meinungsäusserung noch immer im Gefängnis.

Emotionen

An einem Tag, wo der Nebel Weitblicke verunmöglicht, werde ich zur Stubenhockerin und lese, was ich einmal aus der Zeitung riss. Die Inhalte sind bereits «von gestern» – in diesem Fall von Donnerstag, dem 26. November. Ja, nu – mich stört’s nicht.

Der Artikel handelt von der allgemein restriktiver werdende Asylpolitik Schwedens, beziehungsweise von deren Vize-Regierungschefin Åsa Romson. Beschrieben wird ihr Auftritt, bei dem sie vor versammelter Presse erklären musste, weshalb das Land nicht mehr so viele Menschen aufnehmen wird wie bisher.

«Asylpolitik zum Weinen» lautet die Überschrift und zitiert wird darin die grüne Exekutiv-Politikerin mit Worten wie «furchtbare Situation», «Schockwelle», «schwierige Debatte».

Beim Lesen klärt sich schnell einmal, dass der Titel kein Statement der Zeitungsredaktion zur Situation ist, sondern dass damit die Emotionen von Åsa Romson gemeint sind. Denn sie musste weinen, als sie den Regierungsentscheid mitteilte.

Wer weiss, vielleicht helfen Tränen, Erstarrtes und Verhärtetes aufzuweichen. Jedenfalls sind sie nachzuvollziehbarer als Politiker-Emotionen, die allein auf Machtansprüchen basieren.

 

Wurzel

Bei Hilde Domin habe ich ein Gedicht entdeckt, das mich unweigerlich an Doris Nachbarin erinnert. Noch einmal sehe ich das Bild vor mir, wie die ergraute Frau vor ihren Rosen steht, eine auswählt, sie abschneidet, um sie an den neuen Ort mitzunehmen und sich bei ihrem Anblick möglicherweise an die Jahrzehnte vergangenen Lebens erinnert, die sie mit Mann und Kindern verbracht hat.

Ich schrieb darüber in «Veränderung». Eine Blogleserin meinte daraufhin in ihrem Kommentar: «Entwurzelungen sind in jeder Phase des Lebens sehr einschneidend – wäre schön, wenn die beiden Menschen irgendwie den Kontakt zu ihren Wurzeln halten könnten.»

Das Entwurzeltsein kennt Hilde Domin ebenfalls. Bei der Machtergreifung der Nazis musste die deutsche Lyrikerin zusammen mit ihrem Mann erst nach Italien, dann nach England und später in die Dominikanische Republik flüchten. Eindringlich lesen sich ihre drei Zeilen:

Der Baum hat eine Wurzel.
Die Sonne
nimmt ihn nicht mit.

Die gedankliche Verbindung zum Heute geschieht unweigerlich. Wiederum verlassen tagtäglich Menschen ihre Heimat, weil es dort, wo ihr Baum eine Wurzel hat, keine  Zukunft gibt.

Flucht (2)

Er ist ein kleverer Junge. Als ich meine Fahrkarte löse, schiebt er sich langsam in mein Blickfeld. Er zeigt mir, wohin Billet und Rückgeld fallen. In der Hand, mit der er mir Anweisungen gibt, hält er einen leeren Pappbecher, der jede seiner Bewegungen mitmacht.

Zwei Tage später stehe ich mit meiner Schwester und ich am selben Ort. Wiederum lauert der Junge wartend hinter dem Automaten und hofft auf wenige Münzen Trinkgeld. Ich realisiere erst jetzt, dass er hier, in der Wärme der U-Bahnstation, mit Mutter und zwei Geschwistern lebt. Ich frage ihn nach Herkunft und Alter. Er zeigt sieben Finger und sagt: «Rumania.»

Weil ich kategorisch gegen Geldgaben bin, kaufen wir im nahe gelegenen Lebensmittelladen Mandarinen, Bananen sowie Schockolade und überreichen den gefüllten Plastiksack im Vorbeigehen.

In unseren Rücken hören wir Freude.

Geschichten über angekommene Flüchtlinge sind in den Tageszeitungen täglich ein Thema. Immer wieder wird in den Lokalteilen die überforderte Lageso (Landesamt für Gesundheit und Soziales) heftig kritisiert, die erst vor kurzem im Stadtteil Moabit Zelte aufgestellt hat, …

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… damit die Menschen nicht in Kälte und Regen auf ihre Registrierung warten müssen. In der heutigen «taz.berlin» wirft die Sprecherin für Integration, Migration und Flüchtlinge der Grünen dem amtierenden Sozialsenator (CDU) vor, den Notstand zu inszenieren. Die Politikerin wird mit folgendem Satz zitiert: «Da sollen Bilder produziert werden, die die hilfsbereite Stimmung kippen lassen.»

Dieses Berlin will ich nicht ohne Augenschein verlassen und fahre deshalb mit der U-Bahn nach Moabit. Ich folge dem Strom und keine fünf Minuten später sehe ich, worüber ich oft gelesen habe: die unzählbar vielen Menschen in den von Helfenden verteilten Pelerinen. Sie stehen Schlange vor roten Amtsgebäuden, auch vor der Impfstelle und vor dem Wagen fürs Röntgenbild.

Ich frage mich, wie werden diese vielen Menschen integriert werden können? Welche  Zukunft erwartet sie? Wie wird sich dieses Land entwickeln? Fragen ohne Antworten. Fragen mit Befürchtungen.

Am Ende dieses Nachmittages steige ich wieder einmal am Rosenthaler Platz aus. Ich gehe dem Bahnsteig entlang; mein Blick geschärft. Doch die Bank ist leer, der Junge nirgends.

Ich wünschte mir für sie eine bessere Zukunft.

Flucht (1)

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Ostdeutsche auf der Flucht in den Westen – dieses Foto hängt an der Wand der Notaufnahme Marienfelde im Westen Berlins und zeigt Menschen, die im August 1961, beim Bau der Mauer, vor der Aufnahmestelle in der Schlange stehen. Derselbe Ort hat heute zwei Eingänge. Der eine führt zum Museum «Erinnerungsstätte Notaufnahmelager» mit seiner permanenten Ausstellung zur Flucht im geteilten Deutschland. Der andere ist der Zugang zum Übergangswohnheim, wo heute vorübergehend Hunderte von Familien aus Syrien, Afghanistan und dem Iran leben.

Meine Schwester und ich öffnen diejenige Tür, die zur deutschen Vergangenheit führt. Wir sehen Zahlen, die wir kaum glauben: In vier Jahrzehnten, bis zum Umbruch 1989/90, verliessen rund 4’000’000 (4 Millionen) Menschen die DDR. Allein im März 1953 – drei Monate vor dem Volksaufstand «17. Juni» – waren es 58.605, die dem Land den Rücken kehrten. Wir hören Zeugen, die erzählten, weshalb es für sie keinen andern Weg als die Flucht gab: Verfolgung, Willkür, Folter. Wir lesen Zitate von Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und sind erschüttert, weil sich die Dramen wiederholen. Heute ist’s nicht anders: Tagtäglich erreichen zwischen 500 und 700 Flüchtlinge Berlin – Frauen, Männer, Mädchen, Knaben.

Zitate aus «Erinnerungsstätte Notaufnahmelager»:

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hoffen

IMG_1082 (do)          Fast ebenso interessant wie die gezeigten Filme sind jeweils die anschliessenden Diskussionen mit den Filmschaffenden. Zum einen, weil man ihre Gesichter sieht und hört, wie sie argumentieren. Zum andern, weil hinter ihren auf die Leinwand projizierten Geschichten, noch weitere Geschichten stecken, die etwas über Entstehen, Motivation oder Umstände aussagen.

Für «Lampedusa in Winter» hat die Crew auf Initiative des noch nicht einmal 30-jährigen, österreichischen Regisseurs Jakob Brossmann mit der Kamera während gut 100 Tagen die Einheimischen gefilmt. Und dies ganz konsequent: Ohne ein Interview nur beobachtet. Brossmann sagt, sie hätten «andere» Bilder gesucht, nicht diejenigen, sich ewig gleichenden Aufnahmen, die wir von den unzähligen Fernsehberichten her kennen würden.

Doch auch Regisseur und Crew, gesteht er, seien bevor sie nach Lampedusa reisten, von den zuvor eingebrannten Bildern geprägt gewesen und vor Ort dann entsprechend überrascht worden: «Wir mussten erst umdenken», sagt er. Sie hätten nicht eine Bevölkerung angetroffen, die fremdenfeindlich gegen die auf der Insel gestrandeten Flüchtlinge ankämpfte, sondern Menschen, die sich um ihren Zugang zum Resten von Italien sorgten. So geht es im Film auch um die Flüchtlinge, die Dramatisches hinter sich haben und letztlich von der Insel weggeflogen werden. Aber in «Lampedusa in Winter» geht es vor allem um Fussball spielende Kinder, um nach Flüchtling suchende Marinesoldaten und um Fischer, die für eine neue, seetüchtige Fähre demonstrieren, nachdem die alte durch Brand  zerstört worden ist. Denn ohne Verbindung zum europäischen Markt sind Einnahmequelle und Existenz der Einheimischen bedroht.

Einmal mehr ein Tag, an dem wir nach einem eindrücklichen Dokumentarfilm und drei Kurzfilmen aus Ländern in schwierigsten Situationen – Griechenland, Rumänien und den Philippinen – jeweils aufgewühlt den Kinosaal verlassen und hoffen, dass die jungen Talente trotz allem ihre Zuversicht behalten, weil wir durch ihren Blick viel erfahren können.

vier Minuten

IMG_1082 (3)         «Kann in vier Minuten überhaupt etwas erzählt werden», fragt die Freundin meiner Schwester am Mittagstisch. Sie zweifelt. Ich nicht und sage: «Eine klar begrenzte Aussage kann kräftig unter die Haut gehen.» Sie bleibt skeptisch und meint, dass es für Geschichten aus Libyen die Länge eines Dokumentarfilmes bräuchte.

Die zehn Kurzfilme, die unter dem gemeinsamen Titel «Libyen Shorts» gezeigt werden, handeln vom Alltag in Tripolis, eritreischen Flüchtlingen, Verhaftung, Zensur, Rechte der Frauen. Vier Minuten «Land of Man» reichen, um desillusioniert zu sein. Eine junge Frau, gefilmt im Auto, das wie ein Gefängnis wirkt, erzählt, dass sie als Regisseurin arbeiten möchte. Doch ihr Vorhaben ist eine «Mission Impossible» (auch dies ein Filmtitel). Denn kein Mann will «unter» einer Frau arbeiten.

Bei der anschliessenden Diskussion stehen vor dem Publikum drei junge Regisseure mit ihrer Produzentin, der Vertreterin des schottischen Filminstitutes, das gleich 2011 nach der Revolution beschlossen hat, in Filmförderung vor Ort zu investieren. Quasi als Unterstützung und Hoffnungsschimmer für eine junge, heranwachsende Generation. Doch «there is no hope», keine Hoffnung, ist ihr Fazit. Nach der Revolution gibt es inzwischen mehr Einschränkungen als vor der Revolution – speziell für Frauen. Die Produzentin erzählt den Anwesenden, dass ein einziger Regisseur bereit war, mit der Realisatorin von «Land of Man» zusammen zu arbeiten, da es  für die Realisatorin, für die Frau, Einschränkungen und Verbote gibt, wie für keinen Mann.

«Zum Glück sind wir hier geboren», flüstern wir uns im Kinosaal zu. Denn ganz zum Schluss erzählt die schottische Produzentin, dass die drei Libyerinnen, die sie für Workshop und Ausbildung gewinnen konnte, bereits wieder ufgegeben hätten. Das Hoffen auf Veränderung und eigenständiges Schaffen wurde für die jungen Frauen zur «Mission Impossible». Und so bleiben die vier Minuten, die unsere Herzen kratzten, ihr einziges Dokument.