Abschied

Der «Stammtisch» füllt sich immer mehr, je länger der Morgen  – erst recht, weil die Saison schon bald ihrem Ende entgegen geht und unser Sommertreffpunkt demnächst dicht macht. Alle wollen nochmals von allem tanken.

Am Mittag sitzen wir in einer Reihe, wie Zugvögel auf der Leitung, reden und schauen auf den See. Auch wenn zwei fehlen, wer weiss, wann wir das nächste Mal wieder in dieser Kombination hier versammelt sein werden – möglicherweise erst im nächsten Frühjahr bei der Eröffnung der neuen Badesaison.

Ich bin bereits am frühen Morgen gekommen und schätze, nachdem ich den trockenen Badeanzug, der am nassen Körper klebt, endlich in die richtige Form gezerrt habe, in Ruhe  in der «Neue Zürcher Zeitung» Vertiefendes zur Flüchtlingsproblematik zu lesen. Nach dem Theaterbesuch, «Empire» von Milo Rau, bin ich dafür besonders sensibilisiert.

Das Interview mit der kenyanischen Schriftstellerin Yvonne Owour mit dem Titel «Falsch ist die Prämisse: Die werden schon wieder fortgehen» ist aufschlussreich. Sie weist unter anderem darauf hin, dass in ihrem Land das weltweit grösste Flüchtligslager (300’000 Menschen) steht. Ganze Generationen seien dort, in «Dadaab», im Schwebezustand aufgewachsen, weil ihr Herkunftsland keine Heimat mehr sei. «Nur wenn Menschen wirklich ein neues Zuhause finden dürfen, kommen sie zur Ruhe. Und damit auch die Gesellschaft, die sie aufnimmt.» Sie stellt auch fest, dass Europa seine eigene Geschichte anscheinend vergessen hat: «Jahrhunderte lang sind Europäer in andere Teile der Welt gereist und haben sich dort eingelebt. Im Gegensatz zur heutigen Situation sind sie noch viel weitergegangen, haben die Kulturen und Geschichten der dortigen Einwohner in ihrem Sinne umgeschrieben. Daran gemessen sind die heutigen Bewegungen in Europa doch kaum erheblich.»

Endlich ein Artikel mit erweitertem Fokus – richtig wohltuend, nicht was den Inhalt anbelangt. Jedenfalls lege ich ihn zur Seite, um ihn in Ruhe nochmals durchzulesen, was jetzt, als wir zusammensitzen nicht mehr geht. Wir schicken der einen, die fehlt, liebe Grüssen in ihre Strandferien in Italien mit einem Bild unseres Sonnenplatzes und um die andere Abwesende, die gestern ihre Freundin zum Flughafen begleitete, sorgen wir uns. Trotz ursprünglichem Versprechen bleibt sie dem Stammtisch fern. Der Schmerz über den unaufhaltbaren Abschied ist offensichtlich noch grösser, als ich dachte.

(Das ganze Interview mit Yvonne Owour unter diesem Link)

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Geschichten

Wieder dieses simple Bühnenbild. Dieses Mal ist es nicht eine Wohnstube, wie wir sie alle kennen, sondern eine Küche, so wie sie uns, den Zuschauenden, ebenfalls bestens bekannt ist, weil in ihr ähnliche Elemente stehen wie in deiner und meiner.

Bewohnt wird sie während zweier Vorstellungstunden von vier Menschen. Sie erzählen in «Empire», im letzten Teil von Milo Raus Trilogie, ihre persönliche Geschichte. Das ineinander Geflochtene filmt abwechslungsweise der eine, oder die andere. Das Gesicht, der «close up» derjenigen Person, die am Erzählen ist, wird schwarz/weiss auf die Dekorwand projiziert, zusammen mit den Untertiteln der deutschen Übersetzung des Gesprochenen.

Close up: Das Gesicht der Rumänin, des Griechen, des Kurden (aus dem Irak) und des Syrers. Ihre Geschichten erleb(t)en sie in Europa und im Nahen Osten. Ihr Leben handelt von Krieg, von Vertreibung, von verlassen müssen und verlassen werden, von Macht und Ohnmacht.

Nach zwei Stunden klatscht das Theaterpublikum. – Wofür?

Fürs Dargestellte? Zum Dank, dass wir an all den persönlichen Geschichten teilhaben durften? Als Wertschätzung, dass sie, die meine oder deine Nachbarn sein könnten, uns in ihr Leben blicken liessen?

Zum Beispiel, dass der Syrer auf der Suche nach seinem verschwunden Bruder während Monaten Fotos von Folteropfern sichtete und wir, so wie er, ebenfalls in eine Serie misshandelter Gesichter schauen. Oder, dass der kurdische Schauspieler Monate inhaftiert wurde, weil er in seiner Heimatstadt in einem Stück mitspielte, das in der verbotenen kurdischen Sprache aufgeführt worden war und er nun, in «Empire», erst zum zweiten Mal in seiner Muttersprache auftritt (erstmals erwünscht).

Applaudieren wir aus Erschütterung? Oder weil wir die Versehrtheit nicht aushalten und uns die Ohnmacht aus der Seele klatschen?

Als wir die Schiffswerft, die während des Zürcher Theaterspektakels Spielstätte ist, verlassen, regnet es. Selbst der Sommer ist abhanden gekommen.

Wenig später stehen Doris und ich unter dem schützenden Dach des Vorstadtbahnhofs und warten auf den Zug. Wir sind auf dem Weg nach dem von uns gewählten nach Hause, aus dem wir nie vertrieben wurden. In der Menge steht (mit Mann und ohne Bodygard) «unsere» Justizministerin, deren Alltag von der Flüchtlingsfrage geprägt ist. Sie war ebenfalls dort, wo wir waren – am Ort der erzählten Tragödie, der erlebten Geschichten.

 

 

 

Dur

Treppe runter, 10 Züge, nicht mehr, und schnell wieder Stägeli rauf. Doch ich konnte nicht anders, selbst bei 13 Grad. Immerhin ist es draussen etwas wärmer als drinnen im Zürichseewasser, aber nur minimal. Dafür scheint die Sonne, die (er)wärmt und auch der Blick zum Vrenelisgärtli, das sich noch von Wolken umhüllen lässt.

Früher Morgen.

Das Personal ist sich noch am Einspielen und kontakten – beschäftigt mit Kasse in den Griff bekommen und mit erste, Winter verlorene Gäste zur Sommersaison begrüssen.

Auch ich bin zurückgekehrt ins Seebad Enge; erneut wieder hier an meinem «Stammtisch» anzutreffen. Dazwischen liegen ein Sommer, ein Herbst, ein Winter, ein beginnender Frühling. Letztes Jahr um diese Zeit stand ich kurz vor der Pensionierung, war um ein Jahr jünger und, wie sich später herausstellen wird, auch um ein Kilogramm leichter.

Schreibe ich bei dieser Formulierung eine leise Disharmonie in Moll oder ein Freudengesang in Dur zwischen die Zeilen? Beides.

Regenfrische, klare Luft und dadurch ein weiter Blick; Sonne, Wolken, Kaffee und Tageszeitung mit Meldungen von gestern – dauerferien pur – und trotzdem eine Stimmung auf der Kippe. Absacken oder abheben? Greifbar nahe ist das Naturschöne, die auf Papier festgehaltene Tragik der Welt ebenfalls.

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Die verzweifelte Frau in Kairo weint. Insgesamt überleben 66 Menschen den Absturz des Passagierflugzeugs nicht. Unzählige werden mit einem Mal Trauernde – «Ägypten mitten ins Herz getroffen», ist die Überschrift des Dramas.

Ich lese zudem, dass sich an der Podiumsdiskussion «Weltweite Migration -was tun?» der ehemalige IKRK-Präsident Kellenberger mit Blick auf die Zahlen über die Aufregung in Europa erstaunt zeigt und dabei erwähnt, dass der Libanon im vergangenen Jahr ebenso viele Flüchtlinge aufnahm wie Europa! Er plädiert deshalb konsequenterweise für eine «Entdramatisierung der europäischen Wahrnehmung».

Und in Wien missfallen dem neuen österreichischen Bundeskanzler Christian Kern die politischen Rituale der vergangenen Jahre und nennt sie in seiner Regierungserklärung «Schauspiel der Machtversessenheit und Zukunftsvergessenheit».

Zwischen ab- und auftauchen, beziehungsweise als ich mich mit abgekühltem Kopf und nassem Badeanzug, das Resultat von «Stägeli ab und Stägeli uf» auf die Sonnen erwärmte Holzbank lege, weiss ich, dass die Musik, die ich zu Hause wählen werde, in Dur ist.

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Im Anschluss an dem vor Wochen abgemachten Termin zum Mittagessen bei Mutter mit krabbelndem Kleinkind sitzen die mich begleitende Bekannten und ich noch auf dem Platz, wo wenige Tage zuvor das Ritual gefeiert wurde, an dem Frauen bloss als Zuschauerinnen geduldet werden. Dieses ein Mal jährlich stattfindende Fest nennt sich Sechseläuten. Hier thront jeweils zu Beginn des Frühlings ein Schneemann, der nur so ausschaut, als sei er aus Schnee, auf einer Scheiterbeige, die Punkt 18 Uhr in Brand gesteckt wird. Dann kreisen Männer, sogenannte Zünfter, wie alte Krieger auf Pferden rund um den lodernden Berg gestapeltem Holz und der Schneemann versucht so lange seinen Kopf zu retten, wie er kann. Je schneller dieser weg fliegt, desto näher, so der damit verbundene Glaube, bzw. Aberglaube, liegt ein schöner Sommer.

Auf dem mit Marmor ausgelegten Sechseläutenplatz, der vor wenigen Tagen im Zentrum der Prophezeihung stand, sitzen wir zwei pensionierten Frauen nun, im Wissen, dass der Sommer kühl und nass ausfallen wird. Wir diskutieren über kriegführende Länder, die Flüchtlinge produzieren. Über die Schweiz, die ein Waffenausfuhrverbot kennt, dennoch Kriegsmaterial exportiert und doppelbödig argumentiert. Über Satire und die Konsquenz, dass nicht der Despot, der Präsident der türkischen Republik, der kurdische Dörfer zerstören lässt, im Zentrum der Kritik steht, sondern der Satyriker, der mit seiner verbalen Rundum-Schleuder aufzeigt, wie verletzlich in Deutschland Pressefreiheit ist.

Die Negativspirale zieht nach unten, uns beinahe auch, bis dass mein Gegenüber zu lachen beginnt, weil ihr in diesem Moment das Rezept der Lösung vorgeführt wird. Sie liest laut die Werbebotschaft, die mit dem Tram an ihr vorbeischwebt: «Sympany, ihre Krankenversicherung, macht das Leben einfach»!

Wir finden: Es gibt keinen bessereren Schlusspunkt, um unsere Begegnung aufzulösen. Wir verabschieden uns in der Hoffnung auf ein Wiedersehen – egal, ob bald oder in Wochen – und wünschen uns bis dahin einfach(es) Leben.

wählen

Wenn … wäre … hätte … von diesen Worten ist unser früher Morgen dominiert; angeregt durch den Dokumentarfilm «Sonita», den Doris und ich am Vortag im Kino sahen.

Kurz worum es sich dabei handelt: Sonita, ein aus Afghanistan geflohenes Mädchen, beginnt im Iran dank einem Heim für Strassenkinder im Leben wieder Fuss zu fassen. Ihre Liebe gilt dem Rap. Ihr Drama ist, dass sie für 9000 Dollar an einen Mann verkauft werden soll, damit sich wiederum ihr Bruder mit diesem Geld seine Braut erkaufen kann. Gegen diese Ungerechtigkeit rappt Sonita, stellt ihren Song auf Youtube, was wiederum dazu führt, dass sie entdeckt und heute in den USA gefördert wird. Der Dokumentarfilm der Iranerin Rokhsareh Ghaem Maghami, die Sonita während dreier Jahre mit der Kamera begleitete, lässt die Zuschauerin einmal mehr in Armut und soziale Abgründe blicken, in fundamental-religiös geprägte Familientraditionen, in denen Frauen rechtlos sind.

Nach dem Film einmal mehr die grosse Dankbarkeit, dass ich geboren worden bin, wo ich lebe und fassungslos gegenüber der gesehenen Realität.

Deshalb auch unser Gespräch am Nachfolgetag, das mit «wenn», «wäre», «hätte» angehäuft ist – mit dieser Hypothese, was wäre, wenn Menschen frei über ihr Leben entscheiden könnten, frei ihre Wünsche äussern könnten, ohne dass eine Machthierarchie, die sich legitimiert über Geld, Korruption und Religion, so viel Menschen, vor allem Frauen, unterdrücken würde.

Was wäre, wenn Sonita, die nie an flüchten dachte, dort, wo sie geboren wurde, selber über Berufs- und Partnerwahl entscheiden könnte? Würde sie, die nie fort wollte, nicht wohler bei in ihrer Familie, in ihrer Kultur als anderswo?

Wäre die Gesellschaft nicht eine auch an Glück reichere, wenn Frauen frei entscheiden könnten, was sie lernen, mit wem sie zusammenleben möchten?

Hätten Kinder nicht eine unbeschwertere Jungend, wenn sie in einer Gemeinschaft aufwachsen könnten, welche sich ohne Zwang zusammengefunden hätte?

Wäre, hätte, würde … Die voranschreitende Zeit beendet unsere Diskussion. Beide verschwinden in ihre Richtung, beide in eine frei gewählte.

sprachlos

Bis über Mitternacht sass ich vor dem Fernsehen, seit langem wieder einmal. Ich konnte nicht anders.

Obwohl ich in meinem Leben schon so oft mit Kopfschütteln und «das kann ich nicht glauben» reagierte, bin ich erschüttert, konsterniert über die Enthüllungen der «Panama Papers». Über das, was recherchierende Journalistinnen und Journalisten auf Grund der Datenmasse, die ein Whistleblower lieferte, ans Licht brachten.

Tausende von Briefkastenfirmen, vermittelt von einer Anwaltskanzlei, anhand derer Politiker, Sportler, mafiöse, gar kriminelle Geschäftsmänner und Geschäftsfrauen ihre Millionen, Milliarden in der Steueroase Panama horten. Eingefädelt unter anderem von Finanzinstituten, auch schweizerischen.

Millionen, Milliarden am eigenen, nationalen Fiskus vorbeigeschoben. Geld, das irgendwo, in irgend einem Land korrupt gestohlen wurde – der Welt, der Gesellschaft entzogen, um sich selber zu bereichern. Milliarden für die nicht entsprechende Steuern bezahlt werden. Steuergelder, die letztlich der Gemeinschaft zu gute kämen; in Bildung, Soziales, Gesundheit fliessen würden und wiederum beitragen könnten, Elend, Flucht zu mindern und die Gesellschaft in den beklauten Ländern zu stärken.

Einfach nur sprachlos, ob dieser Skrupellosigkeit.

 

 

 

Privileg

Relationen.

Das Mail, das ich unlängst erhielt, evozierte Ärger. Ich fragte mich, hatten wir da nicht unlängst die Generalversammlung, an der alles beschlossene Sache war? Und nun, hinterher, nochmals eine konsultative Umfrage? Wozu das? Weshalb die Mehrheitsfindung vor zwei Wochen?

Ich berichte Doris davon und echauffiere mich während des Erzählens noch einmal. Doch glücklicherweise kommt relativ schnell der Punkt, an dem wir zu einander sagen: Da gibt’s doch ganz andere Probleme.

Zum Beispiel die Durchsetzungsinitiative, über die die Schweiz in zwei Wochen abstimmt. Da geht es um Grundsätzliches, um Menschenrechte; um Menschen mit Schweizer Pass und Menschen ohne Schweizer Pass. Nach den Erfindern dieser Initiative, die internationale Abkommen gefährdet, sollen Ausländerinnen und Ausländer bei strafbaren Handlungen des Landes verwiesen werden. Ist jemand bereits vorbestraft, reicht beispielsweise ein Diebstahl, um ausgeschafft zu werden – egal wie schwer die Tat, egal wie lange in der Schweiz lebend.

Oder zum Beispiel der 23-jährige Mann, der vor wenigen Tagen meiner langjährigsten Freundin während der Sendung «nachtwach», die sie modereriert, erzählte, dass er seit einer Woche mit schweren Verletzungen hospitalisiert sei (zu hören ab Minute 24′). Er erinnere sich noch daran, dass er an der Busstation stand, als er von hinten einen heftigen Schlag auf den Kopf erhielt und als Homosexueller aufs Übelste beschumpfen worden sei. Seitdem habe er Angstattacken und epileptische Anfälle.

Oder auch, dass trotz der Vereinbarung von München auf eine baldige Feuerpause die  russischen Bombardamente auf syrische Regimegegner fortgesetzt werden und zwar in einem Gebiet, wo sich mehrere Tausend Menschen aufhalten, die vor der eskalierenden Gewalt schon einmal geflohen sind.

Und

Und   http://m.focus.de/kultur/videos/hinter-uns-mein-land-dieses-gedicht-aus-der-perspektive-eines-fluechtlings-geht-unter-die-haut_id_52

Und

So gesehen, relativiert sich Ärger oft, nicht nur der eingangs erwähnte. Was für ein Privileg in eine Welt des Friedens und der Demokratie geboren worden zu sein.