fliegen (2)

Was mir an der Windhündin im Garten auch gefällt, ist, dass es sie nur geben kann, weil sie ein Gemeinschaftswerk ist.

Am Abend sitzen wir mit unseren Arboner Freunden, die wir übers Rudern kennen, zu Doris‘ bevorstehenden Geburtstag im Garten. Währenddessen sie besorgt ist, dass wir draussen, bevor der Regen kommt, unter dem Dach von Traubenblättern noch Salat essen können und deshalb nichts ahnend in der Küche verschwindet, um Schüssel und Teller zu holen, stellen wir das langgezogene, schmale Ding mit aufgerissener Schnorre in die Nähe des Teiches. Wir sind gespannt, ob uns die Überraschung gelingt. Nicht ganz – leider -, weil Doris ihre Aufgabe schneller erledigt hat, als wir die unsere.

Ihre Freude ist gross.

Gefunden habe ich das Objekt auf Island, wenige Stunden bevor mir das Lavafeld, ganz in der Nähe, zum Verhängnis wurde. Es leuchtete rostig rot-braun aus dem schwarzen Sand. Ich bückte mich, scharrte etwas Sand zur Seite und dachte: Ein ideales Geschenk für meine Lebenspartnerin – diese Fantasie soll sich einmal in ihrem Garten im Wind drehen können.

Also verstaute ich die durch Zufall und Zeit geformte Plastik im Auto und schaffte unter Mithilfe von Knuddel-Diana, dass Doris bis zuletzt ahnungslos blieb. Zurück in der Schweiz spannte ich meinen Arboner Freund ein, der die Fähigkeit besitzt, Ideen von mir realitätstauglich umzusetzen.

Nun steht also die vor sich hin rostende Windskulptur in «Dorisgärtli». Da sie sich aus Island an stärkeren Wind gewohnt ist, dreht sie sich am neuen Ort bloss zaghaft. Doch erst jetzt kann sie dank Zusammenarbeit im Umsetzen meiner Idee, was sie davor nicht durfte: abheben und fliegen!

Nein, ich habe mit diesem Ende das Rad nicht zu «fliegen», der Geschichte von Gestern, zurück gedreht. Im Gegenteil: Ich bin damit im Heute gelandet. Denn ich habe damit zusätzliche Erkenntnisse gewonnen.

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fliegen (1)

«Wie geht es dir?», fragt mich eine langjährige Freundin, nachdem wir heute Morgen nach längerem Unterbruch miteinander telefonieren und uns auf den neusten Stand unserer Lebenssituationen bringen.

«Rauf und runter», ist meine Antwort. Ihre, auf meine Gegenfrage: «Runter und rauf.»

Wir überlegen uns und finden dabei nicht heraus, ob die inhaltlich identische Antwort, je nach Formulierung auf einen unterschiedlichen Seinszustand hinweisen könnte – «rauf und runter» oder «runter und rauf».

Ich erzähle einmal mehr von meiner Lebensphase im Umbruch; vom Einfinden in den Abschnitt eben, der mir unzählige Möglichkeiten bietet, auch viele neue, wenn ich sie nutze. Sie meint: «Einfach noch etwas luftig.» Diese Assoziation gefällt mir. Ich sage: «Ja. Ich weiss nur nicht, ob ich fliegen gelernt habe.»

Als ich nach unserem Gespräch noch über ihre Bemerkung sinniere, dass es etwas luftig sei, finde ich, dass dazu die Formulierung «runter und rauf» viel besser passt, weil sie nicht fallen impliziert, sondern: Anlauf nehmen, um fürs Fliegen abzuheben.

grüezi Züri

Der Begrüssungsslogan am Zürcher Flughafen ist eigentlich immer ein Schock, woher ich auch immer anfliege. Ich ertrage es jedes Mal kaum – dieses Cleane, Propere, Spiegelnde und dieses Vermarkten «unseres» Schweizer Luxuses, symbolisiert durch Nobel-Schokolade, Nobel-Uhren, Nobel-Banken …

So war es auch heute. Die Landung war entsprechend hart. Sie hatte zwar keinen Bruch von Nase und Brille zur Folge wie der Misstritt im Lavafeld. Doch wenn Doris und ich zusammen ein gutes Wegstück durch unsere Ferien reisen, ist die geografische Trennung am Ende der gemeinsamen Zeit immer wieder schwierig – sie geht zurück an den Bodensee und ich besteige den Zug in die Gegenrichtung, nach Zürich. Da liegt für viele, die uns noch nicht so gut kennen, der Gedanke schon fast auf der Hand, beziehungsweise die Frage auf der Zunge: Weshalb kein Zusammenziehen, würde doch vieles viel einfacher machen? Sicher wäre dies eine Möglichkeit, aber wir finden beide, dass sie nicht unseren Leben entspricht, weil wir beide mit unseren Biografien dort verwurzelt sind, wo wir wohnen und unsere Arbeit ist oder, was mich anbelangt, bis zur Pensionierung war. Selbst im meinem neuen Lebensabschnitt wollen wir diese Form beibehalten, weil sie auch bereichert – so empfinden wir es wenigstens beide. Deshalb gehört inzwischen zu gemeinsamem Leben und Zusammensein das Pendeln zwischen «hier-und-dort», «dort-und-hier». Nichts desto trotz: «Grüezi Züri» stimmte mich heute nach der Landung der Icelandair nicht freudig.

«Und?», werden sich nun wohl einige fragen: «Was hast du nach sieben Wochen Island als erstes gemacht?».

Ich habe Koffer, Rucksack und Tasche gleich beim Wohnungseingang auf den Boden gestellt, wo sie vier Stunden später noch immer liegen, und freute mich über Karte und Blumenstrauss, die mir meine Nachbarin zur Begrüssung auf den Tisch gestellt hatte. Dann legte ich mich aufs Bett, schloss die Augen, hörte das Rauschen des Windes, im Dialog mit den Blättern. Dabei dachte ich, etwas traurig: «So ein Irrsinn: Keine 12 Stunden später und über 2500 Kilometer südlicher mache ich fast als erstes dasselbe wie in Reykjavik als letztes.»

Kein Wunder; da kann die Landung nicht sanft sein. Da hilft zur Begrüssung kein «grüezi Züri». Da benötigen wir – meine Seele und ich – wohl eher ein Isländisches »Þetta reddast«, was soviel heisst wie: «Das wird schon».