schön schöner

Der Besitzer des Hotels «Latrjabarg» riet uns, die Bucht von Keflavik zu besuchen, wenn wir Einsamkeit suchen würden. Die Bucht mit der roten Schutzhütte liege wunderschön in der Senke eines Kliffs, in deren Reihe sich auch Latrjabarg, der Vogelfelsen schlechthin, befindet. Wir müssten allerdings, wenn wir dorthin fahren würden, zu Beginn der Anfahrt drei Steinmänner mit mindestens drei aufeinander gelegten Steinen bauen, so fordere es die Legende. Nur so sei gewährt, dass wir den Tücken dieser Bucht wieder entkommen würden.

Nach dem Erwachen machen wir uns auf zum Besuch der empfohlenen, einsamen Bucht. Auf der Zufahrt passieren wir links und rechts der Schotterstrasse hunderte von Steinmännern und Steinfrauen verschiedenen Ausmasses. Wir halten und bauen die unseren. Damit wir beide sicher zurück kommen, machen wir gleich deren sechs – drei für jede von uns.

Für den letzten, steilen Teil lassen wir unser Auto stehen und wandern zum Strand. Von weitem sehen wir die rote Schutzhütte und davor den grossen Stein – grau mit Rottönen. Je näher wir kommen, verwandelt sich der Stein in einen toten Wal. Er liegt dort, kaum verwest; es stinkt. Im Gästebuch, das in der Hütte aufliegt, lesen wir, dass der Wal bereits vor sechs Jahren dort gestrandet ist. Möglicherweise haben sich Vögel, die sich an ihm satt essen wollten, dabei vergiftet. Denn noch nie sahen wir so viele Kadaver herumliegen.

Irgendwie kann es nicht sein, dass dieser Ausflug zur «Bucht der toten Tiere», wie ich sie umbenenne, unsere Reise durch die Westfjorde beenden soll. Doris findet, wir könnten doch noch zum roten Strand fahren. Rauðisandur liegt am Ende der Latrjabarg Kliffe in einem grün, grüner am grünsten Tal. Der davor gelagerte Strand ist sicherlich zwei Kilometer breit und 10 Kilometer lang. Einfach grandios. Schön, schöner …

Zur Abendsonne sitzen wir noch im einzigen Kaffee und blicken zur Halbinsel Snæfellsnes, da wo ich Doris am Mittwoch die Pizzeria, das Pavillonkaffee, Knuddel-Diana – einfach mein Stykkishólmur zeigen werde.

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toter Fisch

Und nochmals etwas zum Thema Fisch.

In Suðureyri gibt es um die 50 Fischer und einen «Fisherman», der den Riecher für das Geschäft mit dem Tourismus hatte. Er besitzt unter diesem Namen das Hotel, das einzige am Ort bis vor einem Jahr. Ihm gehört das einzige Kaffee, das einzige Restaurant und er vermarktet unter diesem Namen so in etwa alles, was es zu vermarkten gibt.

Als wir morgens um sechs Uhr bereits am Hafen stehen, sehen wir, wie zwei Fischerboote losfahren. 12 Stunden später stehen Doris und ich wieder am Hafen, als ein zurückgekehrtes Fischerboot anlegt. Die beiden Männer sind gezeichnet vom Tag. Nach ihrer harten Arbeit auf dem Meer, kommt nun noch das Löschen der Ladung an Land.

Die Fischernetze werden mit dem Hafenkran aus dem Boot gehoben. Je vier Kübel auf die vier Palette gehisst. Danach schwebt die Beute des Tagesaus aus dem Innern: Plastikbehälter um Plastikbehälter mit toten Fischen, die nach dem Fang bereits auf Eis gelegt sowie nach Art und Grösse sortiert worden sind: bis zum Rand gefüllte Bottiche an Dorsch, Kabeljau, Flundern und uns Unbekanntem.

Der eine der beiden Fischer öffnet an Land die Schraubverschlüsse am Fuss der Behälter – abgetautes, mit Blut vermischtes Eiswasser schiesst aus den Öffnungen. Am Ende stehen acht solcher Plastikbehälter auf dem Pier. Wir lassen uns sagen, dass der Fang dieses einen Bootes von heute sicherlich 4,5 Tonnen schwer sei. Es gebe aber auch Tage, da würden sie mit weniger als einer Tonne zurückkehren.

Am Abend sitzen wir bei «Fisherman» im Restaurant, freuen uns auf den bestellten Fisch und staunen, als wir zu einem Preis von 40 Schweizer Franken acht kleine Stücke auf dem Teller sehen. Vor wenigen Augenblicken wurden über vier Tonnen Fische, keiner kleiner als 40 Zentimeter, aus dem Boot gehoben und wir sitzen nun vor einer Portion, die sich keiner der 50 Fischer im Dorf leisten könnte und schon gar nicht seinen Hunger stillen würde.

Am Morgen, beim Frühstück, raten wir dem Wirtschaftsstudenten und Jungunternehmer, nach dem Guesthouse auch ein Restaurant zu eröffnen, um Alternative und Konkurrenz in den Ort zu bringen. Er meint: «Das ist in Planung. Wenn wir hier den Start geschafft haben, dann …»

Morgen Sonntag geht unsere Reise weiter. Dann fahren Doris und ich an den westlichsten Punkt Europas. Es wird der Tag sein, der mir zum Geburtstag spürbare Lebensveränderungen bringt, oder eben schenkt: nämlich Altersrente und dauerferien.

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riechender Fisch

Suðureyri ist unser Etappenziel vom Donnerstag – ein gepflegter, malerischer und überschaulicher Ort mit auffallend vielen farbenen Häusern aus der Jahrhundertwende. Die Ortschaft liegt am Südufer eines 13 Kilometer langen Fjords im Westen Islands, wo sich ein Fjord an den andern reiht. Keine 300 Bewohnerinnen und Bewohner leben hier, zwischen hohen Bergen, wo im Winter vier Monate lang keine Sonne scheint.

Suðureyri ist ein Fischerort mit einem klaren Verkehrskonzept: Der eine Strassenzug führt die Autos zum alten Hafen am Ende des Dorfes – entlang von vielleicht 20 Häusern – und auf der Parallelstrasse, an ebenso vielen Häusern vorbei, wieder zum Dorf hinaus.

Genau deshalb finden wir unser Guesthouse nicht auf Anhieb und fragen am Dorfrand den Postboten nach unserer Übernachtungsstätte. Als Doris elektronisch die Scheibe nach unten fahren lässt, flutet ein unsäglicher Fischgeruch ins Wageninnere, als ob wir neben einer Mülltonne mit Fischabfällen gelandet wären. Grausam.

Im Guesthouse erfahren wir, dass, im Gegensatz zu Norðurfjörður, der Fang der Fischer nicht nach Reykjavik verfrachtet, sondern im Ort selbst verarbeitet wird. In der einen Fabrik werden die Fische filetiert, in Lastwagen und später in Flugzeuge verladen, so dass sie keine 24 Stunden später, nie tief gefroren, in den USA und Grossbritannien als «frisch» verkauft werden können. Der Rest der filetierten Fische, der andernorts als Abfall im Meer landet, wird ebenfalls in Suðureyri verarbeitet, in der andern Fabrik am Dorfende.

Auf unserem Rundgang lesen wir auf der Informationstafel vor der Fabrik unter anderem, dass die Fischköpfe getrocknet und nach Nigeria exportiert würden. Im Hintergrund scheppern Trockenanlage und Abzug – kontinuierlich ist auch der Geruch. Wie lange tragen ihn diejenigen mit sich, die hier ihr Auskommen verdienen?

Der Besitzer des Guesthouses, Student in Reykjavik und Jungunternehmer, erzählt, dass viele junge Menschen weggezogen seien. Doch einige würden gerne wieder dahin zurück, wo ihre Wurzeln seien. Vielleicht trägt man, wenn man hier aufgewachsen ist, diesen Geruch, den nur ich übel finde, in sich, weil es ein Stück Heimat ist umd man weiss, dass Fisch und Tourismus Islands wichtigste Wirtschaftszweige sind, die Arbeitsplätze generieren.

gesalzener Fisch

Das Hotel, wo Doris und ich in einem der acht Doppelzimmer übernachten, war vor 70 Jahren die Herberge von 200 Arbeiterinnen. Sie – und auch Männer – kamen damals nach Djúpavík, weil sie hier während der Sommermonate viel Geld verdienen konnten. Innerhalb von nur einem Jahr war in der «tiefen Bucht» das isländische Wirtschaftswunder erbaut worden: eine Heringfabrik. Es war das erste Gebäude aus Beton und auf einem technischen Stand, den es so in Europa noch nirgends gab.

Steht man heute davor, kann man sich nur schwer vorstellen, wie an diesem Ort, der damals bloss über den Seeweg zu erreichen war, eine in seinen Dimensionen fast unvorstellbar grosse Anlage entstehen konnte. Doch die Vision einiger Aktionäre, hier Geschichte zu schreiben und viel Geld zu machen, war Realität. Nach Djúpavík brachten die Fischer den in der Umgebung gefangenen Hering, damals Tonne um Tonne. An Land wurde der Fisch gesalzen sowie zu Pulver und Öl verarbeitet.

Nach 10 Jahren Goldgräber-Stimmung, waren die Heringsschwärme verschwunden und die Produktion musste 1944 eingestellt werden. Mitte der Achtziger Jahre verliebte sich ein isländisches Paar in den Ort und verwirklichte hier ebenfalls seine Vision. Es baute daraus einen Ort für Erholung und kulturelle Begegnungen und rettet dadurch, wenigstens vorübergehend, vieles vor dem Zerfall.

Auf unserem Rundgang durch die ehemalige Fabrikationsanlage stehen wir vor dem technisch Unglaublichen, wo es nichts mehr gibt, wo der Zahn der Zeit nicht seine Spuren hinterlassen hat. Claus, der uns auf alles Erzählenswerte hinweist, ist ebenfalls ein Visionär. Für ihn gibt es, wie wir schon schnell merken, nichts anderes als Island, Djúpavík und nochmals Island und Djúpavík.

Claus ist Deutscher, der sich 2008 gegen das Pendeln entschieden hat und nach Reykjavik umgezogen ist. In der Hauptstadt arbeitet er von Herbst bis Frühjahr bei der Post. Während der Sommermonate zieht es ihn seit 10 Jahren in die «tiefe Bucht», so wie damals die Fabrikarbeiterinnen und -arbeiter. Auch er findet hier sein «Gold», indem er in all seinen Begegnungen mit Reisenden ihnen wie ein Briefträger seine Leidenschaft für Island als Botschaft überreicht.

frischer Fisch

Wir fahren zum nordwestlichsten Punkt, der über eine Schotterstrasse mit dem Auto noch erreichbar ist. Norðurfjörður, ist ein kleinst Ort, der, wenn man via Suchmaschine mehr erfahren will, kaum etwas findet. Ist man aber dort, so wie Doris und ich, dann erfährt man, dass der Fleck von wenigen Menschen ganzjährig bewohnt ist und man sieht, dass es hier einen Hafen, einen Zeltplatz, wenige Schlafplätze, einen Laden, eine Tankstelle und ein Restaurant gibt. Nach einer kurzen Überblick-Runde gehen wir zum Kaffee.

Lovísa, die Betreiberin, sitzt an der Sonne und begrüsst uns herzlich: «Wollt ihr an so einem schönen Tag euren Kaffee lieber drinnen oder draussen». Drinnen reden wir über den Ort, den es möglicherweise so nicht mehr lange geben wird, da die Lebensbedingungen am 66sten Breitengrad zu hart sind. Im Winter ist die Gegend während Tagen oft abgeschnitten. Es soll in Norðurfjörður alte Menschen geben, die alles dafür tun, dass ihre Kinder wegziehen, um sich ausserhalb dieser Rauheit eine neue Existenz aufzubauen. Auch Lovísa und Sara, die zusammen das Restaurant führen, sind nur von anfangs Juni bis Ende August hier, danach ziehen sie wieder zurück nach Reykjavik.

Wir sitzen im «Kaffi Norðurfjörður» am Fenster und schauen auf den Hafen. Am heutigen Morgen ist nur noch ein Fischerboot da, alle andern sind für den Fang von Dorsch bereits ausgelaufen. Wir fragen Lovísa, ob sie jeweils ihren «Fisch des Tages», den sie auf der Speisekarte anbietet, direkt bei den Fischern einkaufe. «Nein», sagt sie und erzählt, dass der Kommerz mit dem Fischfang in den Händen weniger Familien liege. Fischern sei es nicht erlaubt, einen Teil ihres Fanges auf eigene Faust zu verkaufen. Sie müssten den gesamten Fischertrag dem Händler abliefern.

Als wir sechs Stunden später, nachdem wir den Inselzipfel entlang des Meeres umwandert haben, ein zweites Mal bei Lovísa einkehren, steht am Hafen ein riesiger Laster mit Anhänger. Wir sehen zu wie Tonne um Tonne an frischestem Fisch im Innern der beiden Kontainer verschwinden. Wir können nicht nachvollziehen, dass der Fisch auf Lovísas Teller zuerst auf Eis gelagert nach Reykjavik transportiert und später wieder den ganzen Weg zurück gefahren wird, um aufgetaut als Tagesspezialität angeboten zu werden. Welch absurde Politik jenseits alltäglicher Bedürfnisse. Auch das gibt’s – nicht nur auf Island.