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Jeden Pullover habe ich aus dem Kasten gezerrt, auch die ältesten, die ich seit Jahren nicht mehr trage. Jeden habe ich geöffnet, gegen’s Licht gehalten und abgesucht nach diesen kitzekleinen Löchern.

Und so wurde ich wegen eines unscheinbaren Lochs zur Kammerjägerin. Das erste entdeckte ich zufälligerweise in meinem mir liebsten Pullover, dem hellen blauen aus Kaschmirwolle und daraufhin ein zweites in der violetten Jacke, auch sie ein Herzensstück, so wie jeder Pullover in meinem Schrank.

Nun habe ich sukzessive jedes wollene Teil gewaschen, wieder eingeräumt und Mottenblätter dazu gestellt. Obwohl der Sack der Textilsammlung bereit lag, habe ich es dieses Mal nicht geschafft, einen einzigen Pullover wegzugeben – selbst, die seit Jahren nicht mehr getragenen.

Schliesslich schützte und wärmte mich jeder. Schliesslich begleitete mich jeder und erinnert mich deshalb an eine gewisse Zeit.

Der stahlblaue (15-jährig) an den Besuch bei meiner langjährigsten Freundin in Hamburg. Der braune (12-jährig) an die Filmfestivals in Locarno. Der schwarze (22-jährig) an meine zweite Frauenliebe und unsere erste gemeinsame Wohnung in Zürich.

Und so werden Schrank und Pullover in Anlehnung an Louise Bourgois zum Hort der Erinnerungen, die wiederum meine Dokumente sind.

 

 

Kuss

Voraus schicken will ich, dass mir meine Schwester ganz wichtig ist. Mit ihr habe ich richtig Glück.

Wir kennen unsere Leben. Wir trauen uns. Wir begleiten und (unter)stützen uns. Jede trägt der andern Sorge, jede sorgt sich um die andere. Ja, ich könnte noch sehr viel mehr über sie erzählen. Einzelnes habe ich in meinen Geschichten ja auch schon erzählt. Zum Beispiel waren wir zusammen am Filmfestival in Locarno und in München. Zum Beispiel kroch ich als Kind zu ihr, der fünf Jahre älteren Schwester, ins Bett, um sie zu beschützen, wenn meine Eltern im Ausgang waren. Heute tauschen wir unsere Erfahrungen – auch was die Neuorientierung als Pensionierte anbelangt.

Weil sie mich so gut kennt, hat es mich besonders gefreut, dass sie mir auf «rückfällig», die Geschichte von gestern, ein kurzes Email schrieb «Betreff: Richtung gut». Und weil mir die Zeilen so gut tun, muss ich diese hier einfach wiedergeben. Keine Angst: Ich habe sie selbstverständlich zuerst gefragt, ob ich sie zitieren dürfe. «Aber sicher!», war ihre spontane Antwort.

Also – meine Schwester schrieb mir: «Liebe Schwester – Nun bist du in der Pensionierung einen grossen Schritt weitergekommen. Das freut mich. Das Sparprogramm, welches das Fernsehen auch noch umsetzen muss, wird bestimmt nicht zu Gunsten der Weiterbildung ausfallen. Mit anderen Worten noch mehr Oberflächliches. Ein dicker Kuss R.»

Ein dicker Kuss auch von mir, liebe Schwester.

Fokus

Das Leben B hat mich wieder: Nach Filmfestival, Hitzepause und siebenwöchigem Timeout auf Island sitze ich nach knapp vier Monaten Abwesenheit erstmals wieder in meinem Atelier, das ich mir – weit- und umsichtig, wie ich bin – vor über einem Jahr im Hinblick auf meine Pensionierung zugemietet habe. Ich plante und entschied mich damals für einen sanften und gegen einen abrupten Umstieg. Deshalb suchte ich einen Ort ausserhalb meiner eigenen vier Wände – einfach weg von Staubsauger und Kühlschrank – eine Umgebung, die mir die Möglichkeit bietet, kreativ zu sein. Im Zürcher Kreis 5 fand ich diesen Raum.

Mit 64 Jahren, nach über 40 Jahren Erwerbstätigkeit beim Schweizer Fernsehen, fühle ich mich einfach noch immer zu jung, um nur in den Tag zu leben. Dennoch bin ich überzeugt, dass es an der Zeit ist, ausserhalb von vorgegebenen Arbeitsstrukturen den nächsten Etappenweg in Angriff zu nehmen. Denn nun geht es darum, den Weg ins Alter zu finden. Ein Weg, der sich durch Gegensätze bewegen wird; ein Weg zwischen Herausforderung und Verweigerung, Ruhe und Unruhe, Grenzenlosem und Grenzen. Oder viel banaler gesagt: zwischen Etappenstart und (Etappen)-Ziel. Doch gerade diese Ausgestaltung hat es in sich. Deshalb hat heute, streng genommen, nicht das Leben B wieder angefangen, sondern das Leben A (AHV) oder d (dauerferien) oder P (Pensionierung) oder R (Rente). Oder wie Pensionierte mit mehr Erfahrung jeweils betonen: Das paradiesische Leben beginnt erst jetzt so richtig.

Wie dem auch sei: In meinem Atelier habe ich jedenfalls heute Morgen im Hinblick auf diesen, mir neuen Lebensabschnitt – «Auf!-das-Paradies-ruft» – als erstes das Ausstellungsposter der Fotografin Ré Soupault aufgehängt, weil es plakativ zeigt, was ich suche – nicht eine Hoffnung, die möglicherweise auch Paradis genannt wird, sondern, dass es mir gelingt, mit Weitsicht meinen Fokus zu setzen.

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Respekt

IMG_1082 (sa)          Die Frau im Film sagt, als sie die konstituierende Verfassung Tschetscheniens in der Hand hält: «Diese muss ich gar nicht erst lesen, weil sie für mein Leben als Frau sowieso nichts anderes als Verbote beinhaltet.»

Für «Grozny Blues» ist Regisseur Nicola Bellucci in den vergangenen Jahren mehrmals in die Tschetschenische Hauptstadt gereist und hat ohne Bewilligung gedreht. Die Angst verhaftet zu werden, hat ihn dabei immer begleitet. Er visionierte zudem über 700 Stunden Archivmaterial, das Menschenrechtsaktivistinnen seit 1994 gedreht haben und aus dem Land in die Schweiz schmuggeln liessen. Aus Alltag und Archiv ist nun eine Dokumentation der Diskrepanz entstanden.

«Grozny Blues» zeigt ein Leben zwischen Kremel und Koran, zwischen Pomp und Unterdrückung, zwischen Verboten und Resignation.

Die Filmcrew beobachtet drei mutige Menschenrechts-Aktivistinnen, von denen auch die Archivfilme sind, bei ihrer Arbeit, zeigt junge Musiker in einem Jazzclub, wie es ihn nicht geben dürfte, fanatisierte Jugendliche … Zwischen einzelnen Alltags-Episoden gibt es Fahrten durch eine Stadt, die ihren neuen Prunk (von Moskau finanziert) demonstriert, der auf den Ruinen des Krieges erbaut worden ist. Harte Filmschnitte in Archivbildern führen zurück in die Zeit der Kriege (1994-1996 / 1999-2009 mit insgesamt 160’000 Toten und unzähligen Verschwundenen).

Als die Schlusstitel das Ende des Films verdeutlichen, sitzen wir erschüttert in unsern Stühlen und denken einmal mehr: «Zum Glück sind wir hier und nicht dort geboren.» Wir klatschen, als eine der Menschenrechtsaktivistinnen vor dem Publikum steht. Was können wir anderes tun, als ihr damit unseren Respekt für ihren Mut ausdrücken und später weitererzählen, in welch einem Staat sie leben muss.

Perspektiven

IMG_1082 (fr)          Innerhalb von zwei Tagen sah ich zwei Dokumentarfilme, die von Realisatoren mit algerischen Wurzeln gedreht worden sind – der eine, Malik Bensmaïl, 50-jährig und der andere, Karim Sayad, 30-jährig. Sie haben für ihre Dokumentation das Algerien von heute gewählt und beide haben ihren Fokus auf die zukünftigen Hoffnungsträger der Gesellschaft gerichtet.

In «Babor Casanova» des Algerien-Schweizers Sayad geht es um das alltägliche Leben zweier junger Männer in der Hauptstadt. Der um eine Generation ältere Algerier Bensmaïl zeigt in «La Chine est encore loin» hauptsächlich Schülerinnen und Schüler einer Dorfgemeinschaft im Landesinnern. Ihr Ort, Ghiassira, ist keine 500 Kilometer von Algier entfernt und in sechs Autostunden erreichbar. Doch es scheint, als ob die beiden Drehplätze, was das gesellschaftliche Leben anbelangt, 100 Jahre trennen würden.

«Babor Casanova» ist die Geschichte von zwei jungen Arbeitslosen, die sich in der Anonymität der Grossstadt mit irgendwelchen Dealereien Geld verdienen, ziellos in den Tag leben und nichts sehnlicher erwarten, als den Fussballmatch ihres Lieblingsklubs am Wochenende.

In Ghiassira, wo vor 50 Jahren der Funke der Revolution aufs ganze Land übergesprungen ist, die letztlich die Franzosen aus dem Land getrieben hat, ist vom damaligen Aufbruch nichts mehr zu spüren. Im Gegenteill: Noch heute wird im abgeschiedenen Dorf, geprägt von traditionellen Rollenbildern, in der Schule den Kindern wie damals französisch eingetrichtert, mitunter auch mit Hieben auf Finger und Kopf.

In beiden Filmen wird ein Alltag gezeigt, in dem die Hoffnungsträger ohne Perpesktiven leben. Diese Hoffnungslosigkeit lässt erahnen, weshalb junge Menschen von einem besseren Leben träumen und glauben, ein solches nur anderswo, als im eigenen Land zu finden.

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IMG_1082 (do)          Fast ebenso interessant wie die gezeigten Filme sind jeweils die anschliessenden Diskussionen mit den Filmschaffenden. Zum einen, weil man ihre Gesichter sieht und hört, wie sie argumentieren. Zum andern, weil hinter ihren auf die Leinwand projizierten Geschichten, noch weitere Geschichten stecken, die etwas über Entstehen, Motivation oder Umstände aussagen.

Für «Lampedusa in Winter» hat die Crew auf Initiative des noch nicht einmal 30-jährigen, österreichischen Regisseurs Jakob Brossmann mit der Kamera während gut 100 Tagen die Einheimischen gefilmt. Und dies ganz konsequent: Ohne ein Interview nur beobachtet. Brossmann sagt, sie hätten «andere» Bilder gesucht, nicht diejenigen, sich ewig gleichenden Aufnahmen, die wir von den unzähligen Fernsehberichten her kennen würden.

Doch auch Regisseur und Crew, gesteht er, seien bevor sie nach Lampedusa reisten, von den zuvor eingebrannten Bildern geprägt gewesen und vor Ort dann entsprechend überrascht worden: «Wir mussten erst umdenken», sagt er. Sie hätten nicht eine Bevölkerung angetroffen, die fremdenfeindlich gegen die auf der Insel gestrandeten Flüchtlinge ankämpfte, sondern Menschen, die sich um ihren Zugang zum Resten von Italien sorgten. So geht es im Film auch um die Flüchtlinge, die Dramatisches hinter sich haben und letztlich von der Insel weggeflogen werden. Aber in «Lampedusa in Winter» geht es vor allem um Fussball spielende Kinder, um nach Flüchtling suchende Marinesoldaten und um Fischer, die für eine neue, seetüchtige Fähre demonstrieren, nachdem die alte durch Brand  zerstört worden ist. Denn ohne Verbindung zum europäischen Markt sind Einnahmequelle und Existenz der Einheimischen bedroht.

Einmal mehr ein Tag, an dem wir nach einem eindrücklichen Dokumentarfilm und drei Kurzfilmen aus Ländern in schwierigsten Situationen – Griechenland, Rumänien und den Philippinen – jeweils aufgewühlt den Kinosaal verlassen und hoffen, dass die jungen Talente trotz allem ihre Zuversicht behalten, weil wir durch ihren Blick viel erfahren können.

vier Minuten

IMG_1082 (3)         «Kann in vier Minuten überhaupt etwas erzählt werden», fragt die Freundin meiner Schwester am Mittagstisch. Sie zweifelt. Ich nicht und sage: «Eine klar begrenzte Aussage kann kräftig unter die Haut gehen.» Sie bleibt skeptisch und meint, dass es für Geschichten aus Libyen die Länge eines Dokumentarfilmes bräuchte.

Die zehn Kurzfilme, die unter dem gemeinsamen Titel «Libyen Shorts» gezeigt werden, handeln vom Alltag in Tripolis, eritreischen Flüchtlingen, Verhaftung, Zensur, Rechte der Frauen. Vier Minuten «Land of Man» reichen, um desillusioniert zu sein. Eine junge Frau, gefilmt im Auto, das wie ein Gefängnis wirkt, erzählt, dass sie als Regisseurin arbeiten möchte. Doch ihr Vorhaben ist eine «Mission Impossible» (auch dies ein Filmtitel). Denn kein Mann will «unter» einer Frau arbeiten.

Bei der anschliessenden Diskussion stehen vor dem Publikum drei junge Regisseure mit ihrer Produzentin, der Vertreterin des schottischen Filminstitutes, das gleich 2011 nach der Revolution beschlossen hat, in Filmförderung vor Ort zu investieren. Quasi als Unterstützung und Hoffnungsschimmer für eine junge, heranwachsende Generation. Doch «there is no hope», keine Hoffnung, ist ihr Fazit. Nach der Revolution gibt es inzwischen mehr Einschränkungen als vor der Revolution – speziell für Frauen. Die Produzentin erzählt den Anwesenden, dass ein einziger Regisseur bereit war, mit der Realisatorin von «Land of Man» zusammen zu arbeiten, da es  für die Realisatorin, für die Frau, Einschränkungen und Verbote gibt, wie für keinen Mann.

«Zum Glück sind wir hier geboren», flüstern wir uns im Kinosaal zu. Denn ganz zum Schluss erzählt die schottische Produzentin, dass die drei Libyerinnen, die sie für Workshop und Ausbildung gewinnen konnte, bereits wieder ufgegeben hätten. Das Hoffen auf Veränderung und eigenständiges Schaffen wurde für die jungen Frauen zur «Mission Impossible». Und so bleiben die vier Minuten, die unsere Herzen kratzten, ihr einziges Dokument.

Fieber

IMG_1082 (2)           Gestern gab es fast nur Kino: drei Filme und über fünf Stunden sitzen auf Plastikstühlen. Im Févi, da, wo alle von uns ausgewählten Filme projiziert werden, richten wir uns schon frühzeitig ein, weil es für meine Schwester und mich zum Drumherum dazu gehört, ohne allzu grosse Köpfe vor uns, zuschauen zu können, wie all die Filmfans hereinströmen. Und im Févi, wo 3’300 Menschen Platz finden, gibt es richtig viel zu beobachten, bis der Film beginnt.

Erst läuft der Festival-Trailer. Der Leopard latscht über die Leinwand und faucht dazu. Heute Morgen springt er fast übergangslos ins Gehege der Löwen – wenigstens tonmässig: «Wild Woman – Gentle Beasts» ist der neuste Film der Schweizer Regisseurin Anka Schmid. Er handelt von Dompteurinnen aus Deutschland, Frankreich, Ägypten und Russland, die allesamt ihren Traum leben und für die Zirkusarena Raubkatzen und Bären bändigen. Der Film ist spannend erzählt. Er zeigt die Beziehungen zwischen Menschen und Raubtieren – die Labilität, die ins Bedrohliche kippen kann, ist konstant präsent.

Eigentlich hätten wir es dabei bewenden lassen können. Doch wir konsumieren auch noch Film 2 («No Home Movie» von Chantal Akermann) und Film 3 («Heimatland» eine Produktion von 10 Schweizer Filmschaffenden der neuen Generation), obwohl wir jeweils schon nach 10 Minuten wissen, dass wir für diese beiden Produktionen das falsche Publikum sind.

Aber Film ist nicht einfach Film; Kino nicht einfach Kino, so wie zu Hause. Denn zum richtigen Festivalfieber gehört auch entsprechendes Sitzleder. Ohne dieses kann man hinterher nicht richtig mitreden. In diesem Sinne hat auch meine Schwester und mich das Fieber so richtig gepackt – schon seit wir hier sind.

Perlen

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Auch in Locarno gibt es für uns eine Art Stammtisch, ähnlich wie im Seebad Enge. Im Tessin befindet sich der Ort, wo man sich sicher ist, dass man die eine oder andere gute Bekannte bereits am Morgen antrifft, auf der gedeckten Restaurants-Terrasse vor dem Casino.

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Ritualmässig konsumieren wir Kaffee und Gipfeli. Dazu studieren wir das Programm des Folgetages, da die Markierungen für das Heute bereits gestern gemacht worden sind. An unserem Tisch geben wir auch Tips über gern gesehene Filme; Verrisse sind ebenfalls erlaubt.

Und das aller, aller Wichtigste: Von unserem Stammtisch aus haben wir den Eingang unter Kontrolle, der zum Kinosaal mit dem eindeutig attraktivsten Morgenprogramm führt. Da es sich inzwischen mehr als herumgesprochen hat, dass die Filme, die um 11 Uhr in der Kategorie «Semaine de la critique» gezeigt werden, zu den interessantesten gehören, hat dies seine Konsequenzen: Wer einen Kinosessel will, muss sich diesen mit Anstehen verdienen.

Doch dieses Mal sind wir alte Häsinnen selber überrascht. Die Schlange ist noch grösser als letztes Jahr. Bereits 60 Minuten vor Filmstart springen wir auf, um uns mit andern Perlensuchenden in die Reihe zu stellen.

Das Warten hat sich mehr als gelohnt: Der Film der 43-jährigen japanisch-schweizerischen Regisseurin Aya Domenic ist mehr als eine Perle. «Als die Sonne vom Himmel fällt» ist die Geschichte, in der sie anhand ihrer Familie die Folgen des Atombomben Abwurfs in Hiroshima vor 70 Jahren aufarbeitet, die während der Dreharbeiten mit Erdbeben und Tsunami eine noch zusätzliche Dimension erhalten hat.

Dennoch kann ich mir eine kritische Anmerkung nicht verkneifen, die übrigens auch an unserem Stammtisch regelmässig diskutiert wird, weil der Zeitpunkt, wo es uns selber trifft, immer näher rückt: Die Warterei ist für Alte, Gebrechliche und Behinderte eine Zumutung, weil sie wie alle andern behandelt werden. Separaten Einlass oder Sitzgelegenheiten gibt es nicht. Wenn ich diesen Zustand böse interpretiere, denke ich: Die Organisatoren locken zwar immer mehr Publikum nach Locarno, schliessen aber gewisse Kategorien aus – sie sollen sich ihre Perlen anderswo picken.

Premiere

Am Samstag, kurz nach 12 Uhr, sitzen wir drei Pensionierten im Zug.

Ich bin, fürs Empfinden meiner zwei Begleiterinnen, fast etwas zu knapp eingetroffen – nach meinem Dafürhalten hat es gut gereicht. Immerhin habe ich für mein Fahrrad einen Abstellplatz gefunden, was bei soviel Freizeitreisenden nicht ganz einfach war. Und auch meine leere Petflasche konnte ich noch mit Wasser füllen.

Als ich nun ins Zugabteil trete – zugegeben etwas verschwitzt vom mich Beeilen – entspannen sich Schwester und Freundin. Beide halten ihr Smartphone in den Händen für den Fall, der nun, bei meinem Erscheinen, nicht eingetroffen ist. Wenig später, exakt um 12 Uhr 09, rollen wir aus dem Zürcher Hauptbahnhof und bereits drei Stunden später landen wir im tropischen Locarno.

Ans Filmfestival komme ich mit wenigen Unterbrüchen seit 1975 regelmässig. Ich erinnere mich an manch eindrückliches Dokument, das ich in den vergangenen 40 Jahren hier gesehen habe. Ich bin also nicht nur mit Catherine Deneuve alt geworden (siehe 3.8.15), sondern auch mit dem «Festival del Film». Jung geblieben ist nur der Leopard, trotz 68° Ausgabe.

Dennoch ist dieses Jahr für mich persönlich ein ganz spezielles Jahr, eine Art Premiere: Erstmals komme ich als Rentnerin hierher.

Ich konzentriere mich deshalb beim Kauf der Dauerkarte speziell aufs Formulieren. Ohne Stocken will ich nach der altersebedingten Ermässigung fragen. Mein Satz soll aus einem Guss sein: «Ich hätte gerne ein pensioniertes Abonnement.» Ich stolpere selbst nach dem zweiten Anlauf und lache deshalb.

Doch das System akzeptiert mich trotzdem nicht – ich sei noch zu jung, informiert der Computer die Frau an der Kasse und diese wiederum mich: Die Reduktion gelte erst ab 65. Mit andern Worten: Ich muss nochmals ein Jahr warten, bis ich für dieses System alt genug bin und mit «pensioniertem» Festivalpass ins Kino darf.