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Draussen war ein Gemisch von allem – Regen, Hagel, Wind und Sonne. Drinnen im Stall redete ich mit Atli, dem Reiter, der am Pfingstwettbewerb beim Aufwärmen mit seinem Schecken die Rodeo-Einlage bot.

Atli ist am Schwärmen, weil in seiner Heimat die schönste Zeit beginnt. Der Winter ist, obwohl es immer wieder mal schneien kann, endgültig vorüber. Jetzt wird jeder Regenguss für die Natur zu reinstem Treibstoff: Das Gras, das zu Beginn der Woche noch strohig braun war, ist fast stündlich grüner. Kahle Äste produzieren Triebe, Sprossen explodieren und Vögel bauen ihre Nester. Alles lauert auf den nahenden Sommer; auch die Menschen sehnen sich danach.

In Reykjavik hatte ich von meinem Zimmer aus schon vor einer Woche freien Blick auf erwachendes Leben: Direkt vor meinem Fenster wurden Kugelgrill und Plastikstühle auf die Wiese der frisch gekauften Grasquadrate gestellt und Hobbygärtnerinnen lockerten für die ersten Setzlinge die Erde in den Beeten auf.

Auch Atli, ein Pferdenarr wie Ólafur, liebt diese Saison. Als ich meinen Reithelm ein letztes Mal versorge, sagt er: «Jetzt, wo alles zu Blühen beginnt, treibt es die Isländer nach draussen.» Für einmal meint er damit die Menschen. Er fragt mich noch: «Weisst du, was das schönste ist?» Nein, ich habe keine Ahnung und weiss auch nicht, worauf er hinzielt. Strahlend sagt er: «Now, all of us are smileing!» Er lacht und vergisst darob sogar seinen verpatzten Wettbewerbsritt mit seinem Rodeoschecken.

Für mich geht damit die Zeit im Süden zu Ende; adieu Egilsstaðir – es war schön bei euch.

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swingende Butter

Inzwischen habe ich soviel übers Tölten erfahren und auch gesehen, wie Isländer Pferde dabei die Knie, beziehungsweise nach Pferdeanatomie die Füsse ihrer Vorderbeine zur Brust hochheben. Aber bis gestern bin ich davon ausgegangen, dass meine beiden Isländer – Güstür und Jósep – den Tölt so im Blut haben, dass sie, als geschulte Touri-Pferde, ähnlich einem Automaten diesen speziellen Gang schalten, sobald an Geschwindigkeit zugelegt wird. Ich war mir dessen so sicher, dass ich mir dachte, es liegt wohl an mir, dass ich diese Buttrigkeit nicht schaffe, über die ich schon so viel gehört habe.

Ich bin ja auch eine Anfängerin: Mit Reiten habe ich erst jetzt mit bald 64 Jahren begonnen. Anfangs dieses Jahres – von Februar bis April – war ich regelmässig am Lernen. Ich erreichte in dieser Zeit selbständiges Reiten in Begleitung der Lehrerin. Auslöser für Projekt 2 war  Projekt 1: nämlich im Hinblick auf die bevorstehende Pensionierung ein Time-out, eine Besinnungszeit, in Island zu verbringen.

Meine Lebenspartnerin unterstützte mich in meinem Vorhaben, dass ich einige Wochen mit mir alleine auf Reisen gehe – auf die geografische und die innere. Bei Projekt 2 ist sie die Auslöserin der die Idee, auf Island zu reiten. Zum Geburtstag schenkte sie mir sogar eine Schnupperstunde auf einem Isländer.

Mit gut einem Dutzend Reitstunden zur Vorbereitung bin ich vor einer Woche nach Egilsstaðir und zu Reitstallbesitzer Ólafur gekommen. Er ist ein leidenschaftlicher Tölter. Wenn er darüber redet, kann es schon mal länger dauern, weil er dabei so richtig ins Schwelgen gerät.

Gestern durfte ich nun erstmals neben ihm, dem «Philosophen», reiten. Auf dem Rückweg war vor uns nur die Landschaft und unter mir Güstür. Mein «Westermann» hatte nach drei Tagen Pause wieder geladene Batterien. Ólafur beobachtete mich und leitete mich an, mit den entsprechenden Anweisungen das Pferd zum Tölten zu bringen. Nach erfolglosen Umsetzensversuchen lernte ich die neue Dimension doch noch kennen: Tölten ist tatsächlich reiten wie Butter!

Und heute, zum Abschluss, ist es Güstür und mir noch gelungen, uns so richtig in den Tölt zu swingen!

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Verborgenes

Im Gelände hinter Stall und Auslauf der Islandpferde steht ein Stein – etwas grösser als die andern. In der Schweiz würde man je nach Region möglicherweise sagen, es handle sich dabei um einen Findling, der vor Urzeiten ein Gletscher mitgeschoben hat.

Auf Island gibt es viele Findlinge und Brocken, die bei Vulkanaktivitäten ausgespien worden sind. Unter ihnen befinden sich auch Sagen umwobene wie auf Egilsstaðir 1. Dort im Wäldchen – bei dem einen, speziellen Stein -, steht eine Elfenkirche. So überliefert man es sich seit Generationen.

Ólafur hat mir das offene Geheimnis anvertraut, als ich ihn explizit nach solchen Plätzen fragte. Er erzählt mir, dass der frühere Besitzer des Pferdehofes selber keine Elfen wahrgenommen hat. Dieser habe allerdings von Menschen gehört, die am Platz des Steines welche gesehen hätten. Dieser Stein dürfe deshalb niemals zerstört werden. Ólafur ist überzeugt: «Das würde Unglück bringen.»

Elfen – und auch Trolls – werden hier geachtet. Jede und jeder kennt Geschichten über diese Wesen. Ihre Plätze bleiben unangetastet – der Verlauf einer Strasse, wird deshalb abgeändert oder ein Bauvorhaben modifiziert.

Wer auf Island von diesem «Zauber» nichts hält, respektiert ihn dennoch. Denn sollte sich im Nachhinein herausstellen, dass es Elfen gibt, hat man es sich mit ihnen wenigstens nicht völlig verdorben. Im übertragenen Sinn ist dies auch eine wertvolle Lebenshaltung: Sich gegenüber Verborgenem nicht verschliessen.

Übrigens: Das Sinnbild fürs Gegenteil, für Ignoranz, habe ich als Skulptur in Reykjavik vor der Stadtverwaltung gefunden.

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it is summer

Heute ist ein richtiger Glückstag. Nachdem gestern wettermässig ein Mischmaschtag war – Regen, Schnee, Hagel, Sonne, viel Wind, winterliche Kälte -, schien heute Morgen bereits um fünf Uhr die Sonne in mein kleines Holzhaus. Mit meinem auf isländisch antrainierten Kennerinnenblick konstatierte ich sofort: keine sich bewegende Äste – ergo windstill und ein richtiger Sommertag.

Wie fühlt sich dies in Island an?

Die Wiesen sind von gestern auf heute um einiges grüner geworden. Die Menschen arbeiten in Shirts und lächeln. Die Begrüssung ist ausgedehnt. Dem «Hi» folgt der Nachsatz: «Oh, was für ein schöner Tag» oder «it is summer today, yesterday was winter!».

Meine Reitkleidung ist ebenfalls sommerlich. Ich verzichte erstmals auf die Daunenjacke unter der Windjacke, aber nicht auf lange Unterhose und Mütze. Sommerlich ist selbst das Ausreiten. Die Mücken, die uns begleiten, sind ein Novum. Ebenfalls, dass Jósep und seine Kollegen automatisch einen Gang tiefer schalten und an Wasserstellen vorzu Flüssiges tanken. Weil bei diesen Temperaturen alles anstrengender ist, wird auch nur selten getöltet.

In «GEBRAUCHSANWEISUNG für Island» von Kristof Magnusson (übrigens sehr lesenswert) habe ich für den isländischen Sommer folgende Definition gelesen. Es sei wie bei einem Kühlschrank, «bei dem man die Tür offen gelassen hat. Das Licht ist immer an, das Gefrierfach taut, aber irgendwie sind trotzdem immer nur acht Grad».

Das Meteo-App zeigt für heute zwar 10 Grad. Und ich spüre «gefühlte 18 Grad» – das ist isländischer Sommer.

unterschiedlich

Güstür, mit dem ich täglich ausreite, lebt noch nicht lange auf Egilsstaðir 1. Er wurde ganz im Süden Islands auf den Westmänner Inseln geboren. Bei schönem Wetter sehe ich seine Heimat von meiner Unterkunft aus.

Mein «Westermann», wie ich ihm sage, ist mir von Ólafur zugeteilt worden, weil er «a kind boy – but lazy» ist – also gerade richtig für eine Anfängerin. Ólafur, der Besitzer des «lieben aber faulen Kerls», ist ein totaler Pferdenarr. Er und seine deutsche Frau Christiane besitzen eine Herde von 70 Islandpferden.

Ólafur philosophiert vor jedem Ausritt: Das Zusammenspiel von Mensch und Tier sagt er, «is like a ballett». Jedes Pferd hat seinen Charakter – «everyone is very different». Der Tölt «is riding like butter». Das zweite «t» presst er dabei auf der linken Seite durch die Ritze der beiden Zahnreihen und der linke Mundwinkel hebt sich dabei zu einem Lächeln.

Tölten Islandpferde, muss ihnen die spezielle Gangart nicht antrainiert werden. Diese Fähigkeit tragen sie bereits in den Genen. Doch die Reiterin muss erst lernen, «wie Butter» auf dem Sattel sitzen zu bleiben.

Mit Güstür kann ich tölten. Allerdings sehe ich bei den Gruppen-Ausritten meist die wehenden Schweife der andern Pferde weit vor mir, da mein «Westermann» wirklich faul ist. Dies ist mir jedoch egal. Dennoch hat Ólafur heute Abend entschieden, mir Jósep zuzuteilen. Und plötzlich musste ich von treiben auf drosseln umschalten. Der Neue unter meinem Sattel ist zwar alt, aber noch immer frech und schnell. Schliesslich ist auch «everyone diffrent».

Doch ob Güstür oder Jósep – das Sprichwort, das mir sowohl eine Freundin als auch meine Lebenspartnerin mit auf die Reise gaben, stimmt in solchen Momenten einfach immer: «Alles Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde».

warum – darum

Oft hat mich die Frage beschäftigt, ob ich als dauerferien-Frau wirklich Ferien benötige? Möglicherweise zur Ablenkung oder um der Langeweile zu entfliehen?

Diese Frage habe ich meiner um fünf Jahre älteren Schwester, die seit ihrer Pensionierung oft in den Ferien ist – Indien, Burma, Paris – auch gestellt. Meistens hat sie schon neue Pläne, bevor sie den Koffer für die anstehende Reise gepackt hat. Sie meinte: «Neue Eindrücke beflügeln mich».

Heute Morgen in Fluðir, als ich mich in der <Secret Lagoon>, Islands ältestem Geothermalbad, auf dem Rücken durch das heisse Wasser treiben liess, kam ich zu einer weiteren Antwort: Mir ist aufgefallen, dass jetzt, wo ich weg vom Alltag bin, meine kreisenden Gedanken ebenfalls Ferien machen. Sie haben sich aufgelöst wie der Dampf der Heisswassersquelle.

Seit gestern bin ich auf dem Reithof <Eglisstaðir 1>: Am Nachmittag striegle ich mein Islandpferd <Güstür> und tölte auf seinem Rücken in traumhaften Landschaften durch die Gegend – am zweiten Tag schon besser als am ersten. Anschliessend führe ich ihn zurück in sein Gehege und denke an meine Schwester: «Neue Eindrücke beflügeln.» Heute ist mir zudem noch aufgefallen, dass die Frage: «Wie gestalte ich als frisch Pensionierte wohl die neue Lebensphase?», hier nicht existent ist; sie jedenfalls diesen Gedanken nicht zum Kreisen bringt. Nur schon deswegen braucht es trotz dauerferien Ferien.

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selbstverständlich

Ich denke, irgendwo nach Reykjavik – auf dem Weg zum Reitstall – werde ich einen Tee oder Kaffee trinken. Nach gut einer halben Stunde Autofahrt durchs Hochland kommt inmitten des Vulkan schwarzen Gerölls eine Tankstelle mit Kaffeebar.

P1110664Ich halte an und bin beim Eintreten von den Socken, weil ich nicht damit rechnete, was mich erwartet: eine Fussballwelt. In den buntesten Farben hängen Schärpen, Fahnenwinkel, Fotos von internationalen Klubs und Stars – auch von deutschen, englischen und spanischen. Selbstverständlich auch von isländischen. Im Unterschied zum Resten der Welt gibt es auf Island allerdings auffallend viele Frauen-Stars.

Als ich das Lokal verlasse, verspreche ich, dass ich, sollte ich wieder kommen, einen Schal des FC Zürich mitbringen werde, denn das Emblem eines Schweizer Klubs fehlt im «Nowhere» noch.

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