initialisieren

Für einmal nehme ich die entgegengesetzte Richtung. Nicht im «Café du Bonheur» will ich die Tageszeitung zum Kaffeetrinken lesen, sondern im «Z am Park», das mein Liebling war, solange es das Bonheur noch nicht gab.

Einfach wieder einmal etwas anderes. Einfach wieder einmal entgegengesetzt – und wenn’s nur die Gehrichtung ist.

Nach dem Lesen von Schauerlichkeiten, Erfolgsgeschichten im Sportteil sowie Hintergründigem zu Kunst und Kultur trete ich auf die Strasse, leicht irritiert. Was waren das für Karten auf der Ablage, was stand da über «Arbeiten».

Rewind.

Neben Wasserkrug und Gläsern liegt wirklich ein Stapel weisser Karten mit jeweils einer ans Gegenüber gerichteten Frage. Ich lese die erste, packe sie mit noch zwei anderen ein. Zu Hause suche ich nach Informationen und lese, dass  das «Kollektiv Warum» zwei junge Frauen sind, die Fragen rund um zivilgesellschaftliche Themen wie Geld und Arbeit stellen mit der Intention, «individuelle Sichtweisen auf einen gesellschaftlichen Kontext aufzuzeigen», wie zum Beispiel:

Beschreibe Deinen Alltag, wenn Du nicht mehr Arbeiten müsstest...

Das … wenn Du nicht mehr Arbeiten müsstest… betrifft mich, als Pensionierte, ja seit mehreren Monaten nicht mehr. Das war einmal. Aber genau dieser Satz initialisiert mein Zurückgehen. Würde ich dieses Verhalten interpretieren, würde ich sagen, was ich nun schreibe: Im einen Leben nicht mehr und im andern noch nicht ganz verhaftet.

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Waschküche

Und dieses Mal bin ich der Nachbarin, die mir noch die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens schuldet, in der Waschküche begegnet. Sie räumt den Tumbler aus, als ich meinen Berg am Sortieren bin.

Währenddessen ich die schmutzige 40-Grad Wäsche in die Trommel stopfe, frage ich: «Und? Wie lautet die Erkenntnis deiner Psychiaterin?»

Sie holt aus, erklärt mir, worüber wir damals sprachen. Dabei kommt sie nochmals auf die Agenda mit dem Termin befreiten Rahmen zu sprechen, in der die Tage wie eine leere Leinwand vor einem liegen.

All dies will ich in diesem Moment nicht hören. Statt einzuhacken, sage ich leicht fordernd: «Und! Sag schon!»

Sie meint, es sei ganz banal.

Ja! Wie denn!

Nur ein Satz …

Ja!!

Der Sinn des Lebens ist «das Leben». Schnell und überzeugend habe ihr die Psychiaterin damals geantwortet.

Aha!?

Wir sind uns letztlich einig, dass es für uns etwas Entlastendes haben kann, wenn der Sinn des Lebens NUR «das Leben» an und für sich beinhaltet. Einfach Leben – ohne Limiten, die erreicht werden müssen. Auch ohne Vorgaben. Nichts, das verpasst werden kann. Nur dem eigenen Sinnstiftenden genügen genügt.

Für uns vielleicht schon. Denke ich an Marceline Loridan-Ivens, die Autorin von «Und du bist nicht zurück gekommen», kommen mir Zweifel.

Und um ehrlich zu sein: So einfach die Erkenntnis «das Leben» klingen mag, weiss ich schon beim Verlassen der Waschküche, dass mich dieses Leben tagtäglich von Neuem herausfordern wird. Wir beenden deshalb unser Gespräch vorerst einmal. Jedenfalls setzen wir den Gesprächspunkt bevor wir uns befähigt fühlen, einen abschliessenden Punkt hinters Thema zu setzen.

 

dranbleiben

Ich komme die Treppe hoch. Die Nachbarin, mit der ich unlängst im Kaffee sass (ja, es war schon wieder dieser eine Ort), steht im Gang vor dem Lift. Die Tür bereits in der Hand. Sie öffnet diese noch bis zum Anschlag, schaut mich, währenddessen sie einen Schritt macht, herausfordernd an. Lächelnd sagt sie: «Übrigens – am Tag nach unserem Gespräch fragte ich meine Psychiaterin, was der Sinn des Lebens ist.»

Ja, antworte ich – fragend im Tonfall.

Redend hält sie inne – einen Augenblick nur, bis die Tür sich in den Kontakt schnappt und sie dahinter zum Schatten wird.

Erfahren habe ich in diesem kurzen Moment unseres Begegnens: Dass die Psychiaterin 70-jährig ist, dass sie beim Antworten keinen Moment zögerte und dass sie, die Nachbarin, mir später einmal erzählen will, was sie, die Therapeutin, dazu zu sagen hat. Während der Lift mit der Nachbarin in die Tiefe sinkt, denke ich «Affaire à suivre» – was in diesem Fall soviel bedeutet, wie: dranbleiben.

ernüchternd

Auf dem Weg von dort nach dort schiebe ich schon dort, schon bald ritualsmässig, noch einen Zwischenhalt ein.IMG_1616

Konkret im «Café du Bonheur», das all jenen, die regelmässig meine Geschichten lesen, langsam so bekannt ist, wie mir selber.

Dieses Mal habe ich meinen Platz ganz an der Wand gefunden, ich blättere im Zürcher «Tages-Anzeiger» und bleibe bei der Überschrift «Der ständig schneller drehende Irrsinn» hängen. Die Geschichte schrieb Sybille Berg, die gekonnt Sezierende dieser Gesellschaft. Unlängst sah ich im Theater am Neumarkt ihre Geschlechterstudie «How to sell a Murderhouse».

Ein Mann setzt sich neben mich. Vor ihm bereits Kaffee und Tageszeitung. «Jetzt regnet’s und es sollte doch schneiden», murmelt er in meine Richtung.

Ja.

Ich lese weiter.

Berg, die, so entnehme ich ihrer Geschichte, wie jedes Jahresende in Israel weilt, hat am Neujahrstag zufälligerweise miterlebt, wie in der Nähe ihrer Wohnung in Tel Aviv ein Attentäter auf Menschen schoss. Sie schreibt: «Vielleicht war es ein ganz normaler Irrsinniger, der von den Anschlägen in Tunesien und Paris inspiriert wurde. Vielleicht war es ein Palästinenser, vielleicht ein Jude, vielleicht war er verwirrt, vielleicht echt sauer. Es ist doch so egal, wer er ist. Für viele Menschen wird das Leben nie mehr werden, was es war. Für alle Opfer des ständig schneller drehenden Irrsinns wird die Welt nie mehr sein, was sie war, und Terror und Wahnsinn haben eine neue Stufe erreicht.»

Der Mann, offensichtlich ein Zürich Unkundiger, will nun von mir wissen, wo sich der «Pfauen» befindet und zeigt dabei in der Zeitung auf den Spielplan des Schauspielhauses. Ich lese «Meer» und sage deshalb, dass ich an Jan Fosse’s Sprache vor allem die Minimalität, die Kargkeit und die verborgene Mehrschichtigkeit der Sätze liebe.

Damit kann er wenig anfangen.

Ernüchternd zeigt sich der Schluss von Sybille Bergs Artikel: «Wir alle, die nicht morden», heisst es darin, «sind betroffen, denn unser kurzes Leben ist von einer neuen, realistischen Angst bedroht. Der Angst um unsere Familien. Unsere Liebsten. Der Angst, dass die Welt wohl doch nicht der freundliche Ort ist, den wir uns früher erträumt haben.»

Trotzdem nicke ich, als er sich den Regenhut aufsetzt und wünsche: «Einen schönen Tag mit viel Sonne, wenigstens im Herzen.»

Rahmen

Doris, die arbeitsbedingt eine randvolle Agenda hat, meinte vor zwei Tagen, als sie «Bonheur» gelesen hatte, dass das Fahrrad aus dem Keller holen, danach Kaffee trinken und anschliessend im Büro rumnuschen, alles andere als ein Agendatag sei, der wie ein Bild befreiter Rahmen aussehe.

Dem muss ich einfach widersprechen. Denn ich finde schon, dass es ein Unterschied ist, ob ich beim Betrachten der Bildfläche schon das Bild erkennen und ihm allenfalls noch einige Pinselstriche Veränderbares zufallen lassen kann. Oder, ob ich während des Tages noch nicht definierte Farben und Materialien zusammenfüge und ineinander schichte, so dass sich mit einem gewissen Abstand, am Ende des Tages, die Fläche zu einem Bild entwickelt hat.

Selbstverständlich ist mir klar, dass Menschen im Arbeitsprozess wenig Spielraum haben. Dafür sind meine Erfahrungen diesbezüglich noch zu frisch. Aber sicher stehe ich seit der Pensionierung an dem Punkt, wo es für mich keine Alternative gibt, als den Bild befreiten Rahmen neu zu bespielen. Auch wenn sich Farben und Materialen in vielem ähnlich bleiben.

Bonheur

Ich steige mit dem Vorhaben in den Keller, die Räder meines Velos aufzupumpen und mich danach auf den Weg ins Büro / Atelier zu begeben. Doch soweit kommt es vorerst gar nicht. Denn eine meiner Nachbarinnen tauscht Sommerkleider gegen Winterklamotten und da wir uns schon lange nicht mehr gesehen haben, erkundige ich mich nach ihrem Befinden. Seit Wochen, erklärt sie, wanke sie mit permanentem Schwindel, der sie selbst im Schlaf spüre, durch die Welt.

Grausam.

Wir reden, sie erzählt, bis ich frage, ob wir unser Begegnen nicht bei einem Kaffee fortsetzen wollen.

Ja, schon.

Ich denke, das Büro kann warten und schlage deshalb das «Café du Bonheur» vor, da wo ich schon so viele gute Momente verbrachte.

Aber …

Ich versichere, dass ich einen frei gestaltbaren Tag vor mir hätte. Und erwähne noch, ich sei stolz, dass mir dies auch sonst über weite Strecken gelinge.

Beim Kaffeetrinken definieren wir «Sinnstiftendes» als etwas, das nur den eigenen Ansprüchen genügen sollte. Und kommen, als wir mein Einfinden in ein Leben ohne den von aussen vorgegebenen Strukturen thematisieren, zum Schluss, dass ein weitgehend struktur-reduziertes Leben nicht heisst, sich mit Aktivismus zuzudecken.

Wir sind uns einig, dass es bei all den schwindelerregenden Möglichkeiten – um im Jargon zu bleiben – schwierig ist, selektiv zu bleiben, da es bestimmt um einges einfacher wäre, weisse Seiten einzuschwärzen. Aus dem Nichts entwickeln wir die Idee einer Agenda bestehend aus Terminblättern, die bloss umrandet sind – also mit herausgeschnittenen Flächen.

An diesem Gedanke gefällt uns die Vorstellung, dass der Rahmen um Leere, Räume schafft für eine eigene, sinnige (eigensinnige) Farbigkeit.

rückfällig

Und schon wieder das «Café du Bonheur». Ja, auch dieses hat für mich etwas von einem Stammstisch.

Kurz nach halb neun Uhr schliesse ich die Haustüre und mache mich auf den Weg. Auf der Strasse empfängt mich ein klarer, kühler Morgen. Der Brunnen am Bullingerplatz plätschert fröhlich. Der Kaffeeduft umhüllt mich wie ein feiner Seidenschal – auch wenn’s ihn hier noch nicht gibt und es nur meine Vorstellung ist.

Liebend gerne würde ich mich jetzt zu den Gästen setzen, aber ausgerechnet heute geht es nicht. Spinnt’s mir, frage ich mich und als Antwort summt mir der Kinderreim durch den Kopf: «Dä Hans-Dampf im Schnäggeloch hätt alles, was er will. Und was er will, das hätt er nöd, und was er hätt, das will er nöd.»

Wie oft habe ich über verlorene Strukturen und nicht mehr eingebunden sein gesprochen. Wie oft habe ich dies vermisst. Und ausgerechnet heute, wo ich eine «rückfällige» Pensionierte bin, wäre ich lieber eine «wirklich» Pensionierte.

Mein Kollege und ich bereiten für Ende September einen dreitägigen Kurs vor, den wir in den vergangenen Jahren zusammen für Fernsehen und Radio entwickelt haben. Wir treffen uns, so wie früher auf der sogenannten Piazza zum Kaffee und datieren uns erst einmal über unsere Leben auf.

Ich sehe Gesichter, höre Geschichten und denke, die Alten haben ausgedient, sie gehören mit ihren ethischen Ansprüchen zur Kategorie «Auslaufmodell». Weniger weil sie alt sind, vielmehr weil sie für alte Werte einstehen – Vertiefendes statt Oberflächliches. Ich sage zu meinem Kollegen: «Zum Glück kann uns unsere Erinnerung niemand nehmen.» Louise Bourgeois hätte dazu noch den Satz gestellt: «Sie sind unsere Dokumente.»

Nach der ernsthaften, aber lustvollen Vorbereitung, fahre ich mit meinem Kollegen Richtung Stadt. Résumierend sage ich: «Die Rückfälligkeit hat gut getan. Die Wehmut, die mich während der letzten Arbeitstage vor der Pensionierung befallen hat, ist glücklicherweise nicht zurückgekehrt.»