anyway

Da beklagt sich die eine bei Doris, sie schaue Tag für Tag rein. Und nichts. Rein gar nichts. Jedenfalls nichts Neues. Da hätte sie, und meint mich, damals über die Ode an den letzten Sommertag doch besser den Titel «abtauchen», als «auftauchen» gesetzt. Auch meine Schwester sagt ab und zu, schon fast entschuldigend, um mich nicht zu drängen, ihr fehle mein Auftakt zu ihrem ritualisierten Morgen. Und meine langjährigste Freundin meinte eben erst, sie hätte mal kontrolliert, ob die Ankündigung der dauerferien per Mail nicht mehr funktioniere.

Ja, vielleicht mag sie, die eine der treuen Begleiterinnen durch mein Blogleben, recht haben. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist ja das Auftauchen tatsächlich ein befreiendes Auftauchen, ein Abschütteln von gewohnt Wiederholendem. Unter anderem dem täglichen Hinsitzen und schreiben. Sich mit mir auseinanderzusetzen. Mit mir in einen Wettbewerb zu treten – nämlich, ob mir Kurzformat und dessen Dramaturgie gelingen, um meinen eigenen Ansprüchen zu genügen.

Letztlich macht mir schreiben auch regelrecht Spass.

Doch es schien mir (auch), dass die Regelmässigkeit mir zum Korsett wurde. Ebenfalls die Zeit, während derer ich mich auf dem Netz tummelte und mich dabei immer wieder erstaunt fragte, wie machen es die andern – meine Blogkolleginnen, die mir durchs Lesen ihrer Geschichten schon so vertraut sind, dass sie für mich Blogfreundinnen geworden sind. Einzelne schaffen es, nicht nur ein Mal täglich zu publizieren, sondern zwei Mal, drei Mal! – und dies seit Monaten, wenn nicht schon seit Jahren.

Ja, wie machen sie es?

Nicht, dass ich versucht bin, Zeit – im materialistischen Sinn – so produktiv und effektiv wie möglich einzusetzen und zu verbringen. Nein, das nicht. So kann ich doch gut und gerne «wertvolle» Stunden vor dem Fernseher verbringen, so geschehen letzte Woche, um nichts anderes zu machen, als mit den Fussballern im Schweizer Dress, die altersmässig meine Enkelkinder sein könnten, mitfiebern und mich freuen, wenn in der fast aller letzten Spielminute, kurz vor 23 Uhr, der eine, dem schon lange kein Tor mehr geglückt ist, endlich wieder einmal trifft und damit den Sieg sichert! Juhe – in Ungarn 2:3 gewonnen!

Anyway, wie jeweils mehr als nur eine meiner Freundinnen sagt, wenn sie etwas aktiv beenden will.

Also, zurück nun zur fragenden Bemerkung «abtauchen» oder eben doch «auftauchen».

Ich glaube, es ist tatsächlich ein Auftauchen – eines aus der Strenge, der Ansprüche, die ich an mich selbst habe. Oder vielleicht noch richtiger: endlich ein Verinnerlichen einer strukturloseren Lebensphase, die mir – bedingt durch die Pensionierung – vor anderthalb Jahren dauerferien beschert hat.

Any way – möglicherweise – schreibe ich zu diesem Thema mehr, irgend wann. Vielleicht auch nicht; anyway.

Augenblicke

 Regelmässig verfolge ich den Blog von «Lyrikzeitung und Poetry News». Immer wieder entdecke ich dabei, Gedichte oder Texte, die das (Nach)-Denken anregen. Vor einiger Zeit wurde auf das Buch «Die Kunst an nichts zu glauben» von Roul Schrott hingewiesen. Damals habe ich mir die Zeilen kopiert, die ich in dem Moment wieder entdecke, als ich am Fenster sitze und in die goldfarbenen Blätter schaue, die noch nicht zu Boden gefallen sind.
«Wir glauben Zeit zu erleben; doch ist dies falsch. Ein jeder erlebt nur Momente – Momente der Erfahrung. Schnipp mit den Fingern: Da ist ein Bild, ein Augenblick. Schnipp sie erneut und da ist wieder nur ein Moment. Du denkst zwar, dass eines auf das andere folgt. Doch ist dies Illusion: Du erinnerst dich bloss, im zweiten Moment noch an den ersten. Diese Erinnerung jedoch ist keine Erfahrung vergehender Zeit. Die Erinnerung an den ersten Moment ist nur Teil des Erlebens des zweiten. Alles, was wir erleben – alles, was real ist,
sind einzelne Augenblicke.»

freuen

IMG_1585      Gestern hatte ich Besuch von meiner Wohnungsnachbarin. Wir treffen uns erst im Kaffee, wo’s üppige Torten, feine Patisserie und original italienische Cornettis mit Vanille- und Aprikosenfüllung gibt. Dieser Ort der Verführung befindet sich im Zürcher Kreis 5 und liegt direkt unter meinem Atelier.

Beim Reden fällt ihr auf, dass das Büro eines meiner drei «zu Hause» ist. Nicht zu unrecht. Hier bin ich fast konzentrierter als in der Wohnung neben Kühlschrank und Abstaublappen. Hier denke, lese, schreibe ich und seit jüngstem drucke ich jedes Mal, wenn ich da bin, eine isländische Erinnerung auf Fotopapier und pinne sie an die Wand.

Eigentlich ist mein Büro ein Ort, beziehungsweise einer der Orte, wo ich das Leben als Pensionierte einstudiere.

Gerade heute Morgen habe ich im bereits einmal zitierten Buch «Alt werden ist das Schönste und Dümmste, was einem passieren kann» bezüglich Alter gelesen, was der 80-jährige Artur Rubinstein zur Antwort gab, als er gefragt wurde, wie er es schaffe, noch immer so grossartige Konzerte zu geben. Der Pianist erklärte darauf hin, dass er einerseits sein Repertoire verringert habe und andrerseits die ausgewählten Stücke häufiger übe als früher. Zudem würde er, da er nicht mehr so schnell zu spielen vermöge, einen Kunstgriff anwenden. Vor besonders schnellen Passagen verlangsame er das Tempo, so dass danach die entsprechende Passage im Kontrast als ausreichend schnell erscheine.

«Vereinfachung und Vertiefung» ist u.a. ein Rezept, beziehungsweise eine Schlussfolgerung des Autors.

Meine Nachbarin lacht, als sie das Buch von Reimer Gronemeyer liegen sieht. Und als sie beim sich Umschauen Ré Soupaults Auge am Sucher der Kamera entdeckt, sagt sie: «Dieses Plakat habe ich auch schon gesehen.»

«Ja», antworte ich: «Als du meinen Blog dazu gelesen hast.» Als sie mir zustimmt, freue ich mich erst recht. IMG_2100

aushalten (1)

Vor langem habe ich sie letztmals gesehen. Die ehemalige Biologin, die nach der Pensionierung sich nochmals in ein Studium der Germanistik kniete. Nun steht sie ebenfalls an der Kasse in der alten Fabrik in Rapperswil-Jona weil sie an den Stadttalk kommt, den meine langjährigste Freundin einmal im Monat mit Gästen führt. Am vergangenen Freitag sprach sie mit einem Bauern, der auch Bestatter ist, und einer Betreuerin einer Pflegeabteilung für Alte.

Die beiden reden übers Paradies, Sterben, vergangene Lebensjahre. Jedesmal ist es spannend und auch überraschend, was Menschen erzählen, wenn meine Freundin fragt, zuhört, fragt und ihre Gegenüber öffnet. Über den Talk will ich aber nicht schreiben, sondern übers ritualisierte Nachher.

Im Anschluss an die Veranstaltung trifft sich der harte Kern immer noch zu Kebab und Bier. Dort finden  die Gespräche jeweils ihre Fortsetzung. Dort wird auch über anderes geredet.

Neben mir sitzt nun die Literatur affine Biologin. Selbstverständlich landen wir bei «meinem» Thema. Als ich ihre Frage nach meinem «neuen» Leben mit «Ja, ja – es geht», beantworte, gibt sie zu bedenken, dass auch alles seine Zeit braucht. Ihre Erfahrungen, die  ähnlich sind wie die meinen, liegen inzwischen 10 Jahre zurück. Als sie von den rundum Sitzenden gefragt wird, wie sie denn heute ihre Woche konkret verbringe, beginnt sie aufzuzählen: An drei Tagen belege sie Vorlesungen an der Universität. Dann tauche sie oft in die Atmosphäre der Bibliotheken, die sie so liebe, oder gehe ins Kino. «Ich muss einfach aus der Wohnung», bringt sie ihr aktives Leben auf den Punkt. Dazu streckt sie die Arme eben aus und die Hände in die Höhe – so als ob das, was sie nun sagt, nicht zu nahe kommen darf: «Ich ertrage es nicht, zu Hause rumzusitzen.»

Aushalten, denke ich – aber was genau?

Pause

Und nun kommt erst einmal eine Pause.

Ich werde zusammen mit Doris für ein paar Tage im Ruderboot dem Ufer des Bodensees entlang gleiten, sofern das Wasser nicht allzu wellig sein wird. Wir – sie und ich – im Gleichtakt in schönsten Naturstimmungen von Arbon über Kreuzlingen bis Mammern und wieder zurück. IMG_1858Schreibpause. Wenn DU nun vermeiden willst, meinen Blog anzuklicken und nur die bereits gelesene Geschichte wieder vorzufinden, kannst DU dauerferien abonnieren. So wirst DU  künftig ein Mail erhalten, wenn ich etwas Neues publiziere.

Wie das geht?

Ganz einfach. DU klickst das entsprechende «Folgen»-Icon an, fügst deine Mail-Adresse ins entsprechende Feld ein und tippst auf «senden». Fertig. Danach wirst DU jedes Mal übers Erscheinen einer neuen Geschichte informiert – auch nach einer Schreibpause. Was hältst DU vom Vorschlag? Ein Versuch wär’s allemal wert.

Und ganz zum Schluss: Danke, dass DU jeweils meine dauerferien-Geschichten liest.

neue Welten (2)

In der mir neuen Bloggerwelt nutzen Menschen diese Plattform, um andere, so wie mich, an ihrer Welt teilhaben zu lassen. Oft ist es inspirierend. Oder hinterlässt Fragen, öffnet Gedanken. Manchmal teile ich meine Überlegungen den Schreibenden mit und erhalte darauf oft eine Antwort – quasi im klassischen (Blog)dialog mit der neuen Welt.

Susanne Haun, zum Beispiel: Sie lebt und arbeitet in Berlin als bildende Künstlerin. Ihr Blog beinhaltet unter anderem ihre Zeichnungen, die Entwicklungen von Entstehungsprozessen, Gedanken, die sie sich zu Ausstellungen (auch eigenen) oder Zeichnungen macht. Durch den Click auf die jeweils aktuellste Seite wird man verführt – ich jedenfalls -, sich durch die Verlinkungen noch tiefer (oder weiter) zu clicken, um noch mehr Unbekanntes zu entdecken.

Oder «Schnippelboy»: Unter diesem Namen erscheinen täglich ein bis mehrere Rezepte für Gerichte (oft vegetarische). In einer Fotoserie wird der Entstehungsprozess Schritt für Schritt aufgezeigt. Einfach originell. Wer «Schnippelboy» ist, weiss ich nicht. Ich konnte nur lesen, dass er oder sie, die Rezepte für ihre / seine Enkel und für alle andern Interessierten via Blog öffentlich macht. Diese Seite hat inzwischen gegen 33’000 «Hits» (Aufrufe) generiert.

«itravelmylive» – ist der Blog von Marcel. Er, noch keine 20 Jahre alt, reist fürs Leben gern. Unlängst war er mit Mutter, Grosseltern und Tante im Zug nach Hamburg unterwegs, um seinen Bruder, einen Koch, zu besuchen. Er beschreibt in wenigen Zeilen und manchmal auch mit Fotografien seine Reisen und freute sich unlängst riesig, dass er nun auch noch auf Youtube einen eigenen Reisekanal hat. Einfach süss.

«Lyrikzeitung & Poetrynews». Täglich gibt es irgendwelche Geschichten aus der im Titel genannten Welt. So weiss ich nun, dass die Schreibmaschine anhand derer russische Dissidente verbotene Bücher abschrieben, «Erika» heisst. Ihr Anschlag ist so hart, dass durch ein einziges Mal abtippen gleich sechs Kopien entstanden. Oder, dass im Osten verbotene Musik, mangels anderer Tonträgermöglichkeiten, auf Röntgenaufnahmen kopiert und unter die Leute gebracht worden ist.

Oder «kreuzberg süd-ost»: Die Katastrophenchronistin «tikerscherk», wie sich die junge Bloggerin nennt, erzählt Geschichten aus ihrem Beobachtungsrevier – extrem gut und innovativ geschrieben. Bereits werden ihre Blogs im «deutschen literaturarchiv marbach» langzeitarchiviert.

Es gäbe noch einiges über so manches zu berichten. Ja, vielleicht noch dies: es macht Spass, Unbekanntes aus neuen Welten aufzusaugen wie ein angetrockneter Schwamm, oder eben wie eine Bloggerin.

neue Welten (1)

Als ich diese Woche mit meiner Zürcher Freundin, die zwar fünf Jahre älter ist als ich, aber erst seit einem halben Jahr im sogenannten Ruhestand lebt, an der Langstrasse in einem italienischen Restaurant sitze, kramt sie aus ihrer Tasche alte «DIE ZEIT»-Artikel, die sie speziell für mich aufgehoben hat. Der eine ist eine kritische Auseinandersetzung über die Glaubwürdigkeit des Journalismus und der andere eine Reisereportage über Island. Es freut mich, dass sie während des Lesens dachte, es könnte mich interessieren. Zum Reiseartikel meine ich, dass das Zeitungs-Island nicht meines sei. Denn vor meiner Auszeit im Norden habe ich manchen Artikel gelesen – fast in jedem wurden dieselben Orte beschrieben. Jedenfalls war ausser Reykjavik und Stykkishólmur keine Destination dabei, die auf meiner Route lag. Kein Wunder, dass die beiden erwähnten Städte am Überquellen sind.

Meine Freundin macht mir an diesem Abend einmal mehr ein Kompliment. Sie liebt meine Blog-Geschichten – allen vorab diejenige, die sie selbst betrifft («diesig», vom 8. Juli). Zudem meinst sie, dass sie es ganz toll finde, dass ich mich nach meiner Pensionierung sogleich Neuem zuwenden würde und nicht erst Altes abarbeite.

Damit liegt sie richtig – etwas präziser: auch richtig.

Bloggen ist für mich etwas ganz Neues. Früher, als junge Berufsfrau, schrieb ich jeweils Zeitungsartikel und Filmkommentare. Die Erinnerung daran: Es war fast immer ein Krampf, ein Ringen um Aufbau und Sätze. Erst viel später, als ich zum Buchschreiben fand, kam eine gewisse Leichtigkeit ins Schreiben, trotz der Schwere der Themen.

Und nun habe ich das Blogschreiben entdeckt. Es ist für mich etwas total Neues, so wie es meine Freundin wahrgenommen hat. Es bietet mir allerdings auch eine tolle Möglichkeit, vieles zu reflektieren – auch altes. Und: es ist vor allem eine totale Herausforderung.

Beim Schreiben setze ich mir Ziele: Ich will eine Alltags-Geschichte erzählen. Es soll persönlich (nicht zu verwechseln mit intim), kompakt (nicht länger als 350 Worte), locker erzählt sein und unvorhergesehene Wendungen enthalten. Ich nehme mir jeweils auch vor nicht länger, als bis zu zwei Stunden am Text zu arbeiten.

Nun habe ich bereits 330 Worte erreicht. Deshalb: morgen mehr. Nämlich: Durchs Bloggen entdeckte ich auch neue Welten. (Exakt 347 Worte bis anfangs Klammer).