gestärkt

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Als ich mich vom Beobachten des vollen Lebens dann doch noch losriss, mich auf den Heimweg machte und durch die Quartierstrasse «surfte», die mich durch den explodierenden Frühling so fröhlich stimmte, begegnete ich einem Paar, das in meiner Nachbarschaft lebt und arbeitet. Beide sind politisch aktiv. Sie sitzen im Garten, was immer man darunter verstehen mag, des Kaffees «Kafi Dihei», das wegen seines wunderbaren Angebotes an Brunch beliebt ist.

Ich grüsse.

Wenig später sitze ich bei ihnen am Tisch.

Wir reden (vor allem sie), lachen (alle drei) und als ich davon erzähle, dass Doris und ich zusammen über den Jura Höhenweg wanderten, sind wir schon schnell bei den Themen öffentlicher Verkehr (in den Schweizer Seitentälern könnte er besser sein) und Siedlungsplanung (im charakterlosen Schweizer Mittelland eine einzige Katastrophe).

Ich spreche den Artikel über das Alter an, den ich auf der Bank unter dem explodierenden Frühling las. Auf der Frontseite der «NZZamSonntag» stand, dass in der Schweiz erstmals mehr Menschen pensioniert werden, als in den Arbeitsmarkt eintreten. Und trotzdem ist die Geschichte eine positive – endlich einmal, füge ich noch hinzu.

Die Nachbarin schüttelt bloss den Kopf. Sie hat offensichtlich darüber hinweg geblättert, weil ihr Ding die Verkehrspolitik ist. Er, im selben Business tätig wie sie, ist, wie sich herausstellt, der grössere Allrounder. Ratzfatz fasst er die Quintessenz zusammen.

Laut Artikel mit dem Titel «Die Schweiz altert rapide – und wird darum immer riecher und sozialer» tragen Alte zum Wohlstand bei, weil sie nicht zu knapp Steuern zahlen. Mehr als die Hälfte der Vermögensmillionäre ist im AHV-Alter. Im Kanton Zürich berappen Seniorinnen und Senioren die Hälfte aller Vermögenssteuern. Das Fazit des Soziologen: Ältere Menschen tragen zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei. Viele Alte wirken mässigenden und bewirken damit ein friedlicheres Zusammenleben.

Gestärkt, nicht nur von Wandern mit Doris und «Kafi Dihei»-Kuchen, mache ich mich dann zwei Stunden später doch noch auf den Heimweg; schreite zufrieden über Kreidezeichnungen. Frühling und Zufallsbegegnung haben viel zu meiner Leichtigkeit beigetragen.thumb_IMG_1851_1024

 

 

 

verstauen

Während Doris und ich zum Bahnhof fahren, damit ich von dort nach dort gelange, sage ich – im Gemüt etwas zwischen freudig und wehmütig: «Beinahe hätte ich bei den Vorbereitungen vergessen, den Reiseführer bereit zu legen, weil sich die Vorstellung nach Island zu reisen, fast schon so anfühlt, als ob ich heimkommen würde.»

Daraufhin meint Doris, bevor sie mich noch einmal fest hält, dass es für sie erträglicher sei, zu wissen, was mich erwarte. Die gemütlichen Kaffees, das Kino, auch die Strassen von Reykjavik, die ich ihr im vergangenen Juni zeigte, als sie fünf Wochen später als ich für gemeinsame Ferien ebenfalls nach Island kam.

Aber noch bin ich nicht weg. Noch bin ich nicht auf dem Weg in den Norden, aber schon sehr bald.

Vorest aber führt mich meine Reise von dort nach dort. Als ich nach Zug- und Tramfahrt die Tür zu meiner Zürcher Wohnung öffne, erwartet mich auf dem Esstisch all das, was ich vor Tagen zusammenstellte und nun nur noch darauf wartet, im Koffer verpackt zu werden. Es sind vor allem warme Wollleibchen fürs Zwiebelsytem, die auf der Tischfläche liegen, aber auch Wasser- und Windresistentes und eben, oben auf der Beige gut sichtbar, der Reiseführer.

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Ein Graus, all dieses Bagage.

Ich denke an meine Schwester, die im Packen schon beinahe ein Hindernis fürs Reisen sieht.

Bin ich nun schon wie sie, die um fünf Jahre ältere?

Nein.

Diesen Gedanken weise ich, bevor er sich festsetzt, energisch von mir – in etwa so vehement, wie wenn eine Hündin nach dem Bad im Wasser das Nass aus ihrem Pelz schüttelt.

Jedenfalls packe ich das Packen. Und schon kurz danach telefoniere ich Doris, glücklich, dass ich im Koffer mehr Platz hatte, als ich mir vorstellen konnte. Schwester sei dank, die mich oft fürs organisierte Verstauen angeheuert hat, letztmals in Berlin.

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Übrigens: Dienstag, also morgen, ist Reisetag!

Tauben

In der Zürcher Vorortsgemeinde, dem Lebensmittelpunkt meiner Kindheit und Jugend, steige ich aus dem Zug. Ich treffe meinen Schwager. Wir haben in demjenigen Lokal abgemacht, in dem meine Eltern, als sie pensioniert waren, viel Zeit verbrachten. Meine Mutter ass ein Birchermüesli, schaute meinem Vater zu, wie er sich energisch, hörbar durch die Zeitungen blätterte und freute sich, wenn er ihr daraus das Interessanteste vorlas. So jedenfalls glaube ich die Erzählung der beiden gehört zu haben.

Das Kaffee, dessen Innendekoration sich heute aus einem Gemisch von Aglo-Kitsch und Voodoo-Zauber präsentiert, spielte nicht nur im Leben meiner Eltern eine Rolle. Es ist auch Handlungsort in Melinda Nadj Abonjis Roman «Tauben fliegen auf», für den sie sowohl den schweizerischen als auch den deutschen Buchpreis erhielt. Als ich das Buch vor wenigen Jahren las, fragte ich mich immer – könnte einer der beschriebenen Gäste auch mein Vater sein.

Im realen Leben – heute am Tag, als ich meinen Schwager treffe -,  sitzen vier alte Männer am Nebentisch. Sie sind so vertraut im Umgang, wie sie nur sein können, wenn sie sich regelmässig treffen. Sie reden von früher, vom Reisen – vor allem vom exotisch Kulinarischen: Von Seegurken -«schrecklich im Geschmack», von Fischen – «schauderbar fasrig», von Schildkröten – «klein geschnitten ist das Fleisch saftiger». Und der eine, der am Fenster sitzt, übertrumpft alle andern. Er erzählt vom «Neger», der mit einem langen, angespitzten Stecken auf Jagd ging.

Damals, als ich Nadj Abonjis Roman las, in dem dieser Ort «Café Mondial» genannt wird, entdeckte ich Gemeinsamkeiten mit der Protagonistin. Deren Familie kam mit Kindern als Emigranten ins neue Land und glaubte sich durch Unscheinbarkeit in den schweizerischen Alltag einfügen zu können. Bei uns war es ähnlich – allerdings mit dem Unterschied, dass meine Eltern (beide mit Schweizer Wurzeln), den Aufstieg von der Arbeiterklasse in die Mittelschicht schafften. Dieser Schritt ging einher mit sozialer Unauffälligkeit. Darum hatten auch nur die andern Recht. Wir nie. Meine Schwester und ich hatten jedenfalls lange, bis wir uns daraus befreiten.

Ein Glück, können Tauben auch fliegen.

 

 

Pyjama

Mit individueller Freiheit umgehen zu können, ist nicht nur einfach. Jedenfalls fällt es mir oft schwer, sie als Lebensgeschenk entsprechend wertzuschätzen.

Und andern geht es oft nicht anders.

Als eine meiner Freundinnen bei Doris und mir am Tisch sitzt, findet das Gespräch, das die Hergereiste und ich schon bei unserer Schiffsfahrt über den Bodensee lancierten, seine Fortsetzung. Wir beiden Zuhörenden finden es fast schon absurd, als sie gesteht, dass sie sich kaum getraue morgens um elf Uhr im Pyjama auf dem Balkon eine Zigarette zu rauchen. «Was denken auch die andern von mir», sagt sie, die mit einem Teilzeitpensum noch immer arbeitstätig ist, allen ernstes. Wir lachen zwar alle drei darüber, weil wir wissen, dass es die andern nichts angeht. Wir sind uns allerdings bewusst, wie schwierig es ist, sich von den anerzogenen Konventionen «das gehört sich-das gehört sich nicht» zu lösen.

Auch darüber reden wir.

Mein Ding ist nicht das «Pyjama-Problem», sondern die Freiheit zu haben, die Freiheit einfach zu nutzen. Nur nutzen – an sinnvoll denke ich dabei noch nicht einmal. Und deshalb sage ich, was wiederum die andern zum Lachen bringt: Mich an etwas festbeissen, wie ein Hund an seinem Knochen, nach dieser Leidenschaft würde ich seit der Pensionierung in meinem neuen, strukturbefreiten Leben suchen.

Also doch den Tag mit Strukturen besetzen? Nein, auch das nicht.

Es braucht Doris und meine Freundin, um in unserer Diskussion dabei mitzuhelfen, im Moment, wo alles kaum mehr zählt, ein Absacken in den Pensioniertenblues zu verhindern und mich dennoch zu ermutigen, Knochen hin oder her, die viele Freiheit in meinen dauerferien als Freiheit zu sehen.

Der heutige Tag – wird also erneut zu meinem Übungsfeld! Vielleicht trainiert auch sie das Geniessen der elf-Uhr-Zigarette auf dem Balkon im Pyjama.

 

begegnen

Die älteste von uns vieren, die 80-jährige passionierte Kartenspielerin, sitzt am Steuer und ist, wie sich schon bald herausstellt, mit sicherer und dennoch ziemlich angriffiger Fahrweise mit uns zusammen unterwegs nach Basel. Ich, die drittälteste (65) sitze mit der zweitältesten (70), im Fond und richte ihr als erstes den Gruss meiner Arboner Freundin aus, die mich schon frühmorgens per sms darum bat, ihr – meiner Zürcher Freundin – mitzuteilen, wie sehr es sie freue, dass sie zu neuem Schub gefunden habe. Offensichtlich hat die Arbonerin, die regelmässig verfolgt, was ich schreibe, in der Geschichte von gestern, die Zürcherin als Beschriebene erkannt. (Liest sich kompliziert – ist es aber in Tat und Wahrheit nicht.)

«Anyway» würde in diesem Fall die mitreisende Zürcher Freundin meinen.

Also: anyway – nach nicht einmal einer Stunde steigen wir aus dem Auto, nehmen aus dem Kofferraum unsere Taschen und Mäntel.

Wir stehen an der Museumskasse des Schaulagers – die Älteste und die Zweitälteste stützen sich dabei auf ihren Gehstock -, als wir neben uns ein bekanntes Gesicht wahrnehmen.

Es ist Ruth Dreifuss, die bis zu ihrem Rücktritt 2002 neun Jahre lang als Bundesrätin amtierte.

Dreifuss‘ Wahl ging 1993 ein heftiger Frauenprotest voraus, weil die Bundesversammlung anstelle der offiziellen Kandidatin (Christiane Brunner) einem Mann die Mehrheit der Stimmen gab. Dieser nahm nicht zuzletzt wegen des Druckes von der Strasse die Wahl nicht an. – Auch ich stand damals pfeiffend vor dem Bundeshaus und jubelte hinterher, mit Tränen in den Augen, als Ruth Dreifuss schliesslich gewählt wurde.

Ob so ein Protest mit einer solchen Wende heute noch möglich wären? Anyway.

Jedenfalls steht Ruth Dreifuss nun neben uns an der Kasse. Wir – die Älteste, ihre Tochter und ich – schauen zwar kurz und diskret zur Prominenten. Meine Freundin dagegen ist direkt und meint zur Frau hinter der Kasse: «Bedienen Sie bitte zuerst Frau Dreifuss». Die ehemalige Bundesrätin lächelt, sagt nicht etwa «danke» oder «nein, Sie waren doch vor mir», sondern fragt meine Freundin, wie eine alte Bekannte: «Wie geht es Ihnen?» Es ist, als ob das Eis, sofern es eines gegeben hat, gebrochen wäre. Auch ich schaue nun richtig und lasse dabei die inzwischen 76-jährige Sozialpoitikerin spüren, dass es mich freut, ihr hier, am Ort des gleichen Interessens, zu begegnen.

Schub

Wohnen ist für eine meiner Freundinnen derzeit eine konstante Bedrohung. Denn in der Liegenschaft, in der sie seit 22 Jahren lebt, haben von insgesamt vier Mietparteien deren zwei die Kündigung erhalten. Grund: keine Angabe(n).

Wann trifft es auch sie?

Dem Hinweis im Briefkasten, dass am Folgetag etwas Eingeschriebenes auf der Post abzuholen ist, folgt eine schlaflose Nacht. Als der Brief der Liegenschaftsverwaltung im Haus ist, wird das Öffnen erst einmal herausgezögert – jedenfalls so lange, bis es nicht mehr aushaltbar ist.

Nach der Zigarette, eine nächste und gleich nochmals eine, um die Anspannung während des Öffnens zu dämpfen. Und dann lesen, dass die Miete nicht rechtzeitig überwiesen worden ist.

Grosses Aufatmen!

Danach der innerliche Zusammenbruch und der äusserliche Ärger: Das kann doch nicht sein – nach 22 Jahren so einen Brief zu erhalten, trotz Dauerauftrag.

Selbstverständlich liegt der Fehler nicht zum ersten Mal bei der Verwaltung, die sich dafür nicht einmal entschuldigt.

Meine Freundin, die bis zur Pensionierung vor einem Jahr ein eigenständiges Arbeitsleben führte, ist nun aus ihrer Agonie erwacht. Sie wurde aktiv – ein Termin folgte dem nächsten. Die Abklärungen beim städtischen Amt für Alterswohungen und beim Immobilienberater ihrer Bank vermochten, der Bedrohung das Bedrohliche zu nehmen.

Dennoch die Ernüchterung.

Die Chance, dass heute eine 70-Jährige eine neue Bleibe findet, wird mit jedem zusätzlichen Jahr noch geringer. So sieht es zumindest der Fachmann.

Trotzdem: Für die Psyche ist suchen erträglicher, als zuwarten. Meiner um fünf Jahre älteren Freundin, mit der ich im Sommer jeweils im Seebad Enge sitze und zum «Vrenelisgärtli» blicke, geht es jedenfalls wieder sichtlich besser und der Ausblick auf eine neue Wohnform gibt ihrem Leben unverhofft Schub.

 

 

mitgeben

Beim Italiener sitzen wir – dieses Mal zu fünft – und essen Pizza aus dem Holzofen. Der Älteste am Tisch, ein Ruderkollege, der dieses Jahr seinen 80sten Geburtstag feiert, erzählt von früher. Er arbeitete vor 50 Jahren, als junger, ambitionierter Mann, für einen Schweizer Industriebetrieb in Afrika. Alles klingt sehr abenteuerlich: Der Aufbau der Fabrikationshalle in Südafrika, als zwei Eingänge in dasselbe Gebäude nichts Aussergewöhnliches waren – einer für die Weissen, einer für die nicht Weissen. Das Partyleben der befrakten Ausländer, das Liebesleben mit den einheimischen, nicht weissen Frauen.

Doch plötzlich landet das Anekdotische im Aktuellen. Er erzählt vom Alltag. Von Tagen an denen er mit niemandem sprechen könnte, wenn da nicht seine Freundin in Deutschland wäre. Ein eigentlicher Glückstreffer nennt er sie.

Denn vor fünf Jahren ist seine Ehefrau gestorben und mit ihrem Tod sind jahrelange Freundschaften weggebrochen. Haben plötzlich nicht mehr existiert. Er formuliert seine nachvollziehbare Enttäuschung. Er erzählt, wie schwierig es ist, auf vermeintlich Verlässliches zu zählen und dann aber vor einer Leere zu stehen. Er sagt: In seinem Alter sei es fast nicht mehr möglich, ein neues Netz aufzubauen.

Nicht dass er resigniert hätte. Nein, er jammert nicht. Er stellt fest, reflektiert.

Als wir uns von ihm verabschieden und zu viert im Auto sitzen, sind wir nachdenklich und zugleich froh, dass wir beim Nachmittagskonzert, das wir miteinander besuchten, unseren gemeinsamen Bekannten zufälligerweise trafen und ihn in der Pause fragten, ob er sich zum Abendessen uns anschliessen wolle.

Er sagte spontan zu.

Am Frühstückstisch ist unser Ruderkollege nochmals Thema. Doris und ich denken, dass er möglicherweise seine Erkenntnisse uns auf unsere Lebenswege mitgeben wollte.

Schattenseiten

Als wir auf der Sonnenterasse sitzen, Capucciono trinken und uns ein Stück Bündner Nusstorte teilen, winken die beiden Frauen, die zusammen mit ihren Männern im selben Hotel wie wir ihre Ferien verbringen, schon von weitem.

Ja, doch gerne, meinen sie, als sie sich zu uns an den Tisch setzen.

Wir erzählen einander von den Wanderungen durch die verschneiten Landschaften – sie auf den präparierten Wegen, wir durch unberührtes Weiss dank der Schneeschuhe.

Die eine meint, als das Gespräch schon etwas fortgeschrittener ist, dass ich das pensioniert Sein sicher geniesse. Eine Annahme, die ich schon oft hörte und die meist Übergangslos mit «das schönste, was einem geschehen kann», verbunden ist.

Ich erzähle, was ich Doris während eines Nachtessens sagte, nur noch etwas pointierter: Wen kümmert’s, was ich mache, wann ich aufstehe. Ich könnte es ebenso gut sein lassen, niemand würde etwas bemerken – ausser vielleicht mein engstes Umfeld. Und bevor ich die Gegenfrage stelle, mit der ich wissen will, ob ihr der Schritt vom aktiven Berufsleben ins «Nicht-mehr-müssen»-Leben leicht gefallen sei, erwähne ich noch, dass ich mich in diesem neuen Abschnitt des Älterwerdens noch immer nicht richtig eingefunden habe.

Daraufhin erinnert sich die eine an ihren letzten Arbeitstag. Zum Abschluss habe sie 50 Rosen erhalten. Im Zug habe sie mit dem riesigen Blumenstrauss auf dem Schoss während der ganzen Heimfahrt nur noch geweint und sich gefragt: «War es das nun gewesen?»

Und? War es das gewesen?

Eigentlich schon. Ja, wenn ich ehrlich bin.

Klar – meint daraufhin die andere: Manchmal wünschte sie sich auch, dass nochmals so was richtig Grosses kommt. Und, als sie realisiert, was sie eben sagt – so jedenfalls meine Wahrnehmung -, relativiert sie sofort: «Es ist schon gut, so wie es jetzt ist.»

Ich interveniere nicht. Doris ebenfalls nicht. Doch fragen wir uns beide, als wir wieder alleine an der Sonne sitzen, was so schlimm daran ist, auch über die Schattenseiten zu reden; nicht bloss im Zusammenhang mit Pensionierung und Alt werden.

 

weshalb

«Ich wollte den Spiegel durchstossen, einen Durchgang schaffen, die Vorstellungskraft derer erreichen, die nicht dort gewesen sind», schreibt Marceline Loridan-Ivens in ihren Erinnerungen an das Massenvernichtungslager in Birkenau.

Sie war 15-jährig, als sie und ihr Vater von den Nazis aus Frankreich nach Auschwitz und Birkenau deportiert worden sind. Sie überlebte den Holocaust, ihr Vater nicht.

70 Jahre später schreibt Marceline Loridan-Ivens dem Vater, der in Auschwitz umgebracht worden ist, einen Brief in Buchform – «Und du bist nicht zurückgekommen». Darin erzählt sie von den Erinnerungen ans Konzentrationslager, vom erlebten Grauen, von der Unausweichlichkeit der eigenen Verrohung, vom Geruch des brennenden Fleisches und fragt sich, «wie etwas übermitteln, was wir uns selbst kaum erklären können?»

Sie, die nicht mehr gewachsen ist, nachdem sie ihren Vater ein letztes Mal sah, erzählt auch von der Rückkehr – vom Leben als Überlebende nach dem Leben zwischen Stacheldraht und Krematorium; vom gebrochenen Weiterleben in einer Welt, die nichts von all dem Schrecken hören will.

«Meinst du, dass wir gut daran taten, aus den Lagern zurückzukommen?», fragt die inzwischen 86-Jährige im Buch ihre Schwägerin, ebenfalls eine Überlebende. Deren Antwort ist ernüchternd. «Ich glaube nicht.» Die Autorin beantwortet auf Grund ihrer Erfahrungen dieselbe Frage ähnlich, aber dennoch nicht ganz so pessimistisch. «Ich bin nicht weit davon entfernt, so zu denken wie du», schreibt sie. «Aber ich hoffe, dass ich, wenn mir die Frage, kurz bevor ich abtrete, gestellt wird, werde sagen können, ja, es hat sich gelohnt.»

Das Buch «Und du bist nicht zurückgekehrt» ist nach dem gestrigen Film – «Als die Sonne vom Himmel fiel» – ein weiterer eindringlicher Appell an die Menschlichkeit. Doch weshalb kommt sie tagtäglich abhanden?! Geht sie tagtäglich vergessen?!

 

 

weitergeben

Zukunft ist, wenn die Vergangenheit nicht vergessen geht.

Diese eindringliche Botschaft leben die 93-jährige Chizuko Uchida und der 98-jährige Shuntaro Hida, indem sie sich tagtäglich gegen das Verdrängen der zerstörerischen Wirkung der Atomkraft stellen. Die beiden haben damals, als die Atombombe das Leben in Hiroshima zerstörte, die katastrophalen Folgen als Krankenschwester und als Arzt erlebt. Kein weiteres Mal soll so etwas geschehen.

Selbst wenn ihr Einsatz wie ein Tropfen auf einen siedend heissen Stein ist, geben sie nicht auf, diese Vergangenheit der Zukunft zu erhalten; würdevoll und überzeugend ihre Haltung. Auch dank dessen, dass sie in Aya Domenig eine Filmautorin gefunden haben, die in der Aufarbeitung ihrer eigenen japanischen Wurzeln, den Appell der beiden Überlebenden an die Menscheit in «Als die Sonne vom Himmel fiel» weitergibt.