gehen (3)

Dass «gehen» so verschiedenes bedeuten kann, wird mir bewusst, als ich in Chur durch die Ausstellung «SOLO WALKS» gehe.

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Im Neubau des architektonischen Kunststückes, das das Alte – die Villa Planta, einer der bedeutensten Bauten Graubündens des 19. Jahrhunderts – mit dem Neuen zusammenhält, bewege ich mich rund um die schlanke, überlange Figur «L’homme qui marche». Die Plastik aus Bronze erschuf Alberto Giacometti. Gleich gegenüber hängen an der Wand Zeichnungen des in Graubünden geborenen Künstlers – es sind Skizzen aus Paris.

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Sein künstlerisches Schaffen, wird mir bewussst, ist von «gehen» stark geprägt.

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Henri Cartier-Bresson, Alberto Giacometti an der Rue d’Alésia, Paris, 1961

Als 20-Jähriger verliess Giacometti das Bergell und reiste erstmals nach Paris. Er ging aus dem Tal. Um in seinem künstlerischen Schaffen weiterzukommen, musste er «gehen». Zudem hat er sich als Maler und Skulpteur über die Jahre intensiv mit «Gehen» auseinandergesetzt. «Gehen», lese ich nachträglich im Katalog, «ist die Existenzform des Künstlers».

Mit fortan fokusiertem Blick gehe ich durch die Ausstellung «SOLO WALKS». Ich suche nach den mehrfachen Formen des Gehens.

Ich finde dabei die Antwort, dass reflektieren ohne «gehen» nicht geht.

gehen (2)

thumb_thumb_Bildschirmfoto 2016-06-28 um 17.11.20_1024_1024… im Sinne von: Distanz überwinden … realer, fiktiver …

… im Sinne von: Situation verändern … innerer, äusserer …

… im Sinne von: sich etwas anderem aussetzen … Erfahrungen sammeln …

… im Sinne von: sich Neuem, Ungewissem zuwenden …

übertragen

An diesem Morgen geht alles beschwingend schnell, obwohl sich das Wetter so gibt, dass man liebend gerne sagen würde «Was soll’s», die Decke wie einen Schlafsack nochmals um sich hüllt, damit ja keine Wärme entflieht und schnurrend wie eine Katze, sich ein weiters Mal dreht.

Trotzdem hat es mich aus dem Bett gespickt.

Ein Telefon mit Doris, grüner Tee, dazu schmackhafte Erdbeeren – direkt vom Bauernhof -, die ich fast schadlos vom Thurgau nach Zürich transportiert hatte. Und dann geht’s los.

Mit dem Fahrrad, wärmend eingehüllt, als ob ich mich im Bett auf zwei Rädern befinden würde. Selbst in Island trug ich nicht mehr Schichten, aber dort war’s noch Winter.

Im Büro angekommen, packe ich aus, was schon seit WOCHEN zu Hause bereit liegt, um mitgenommen zu werden. Die Sichtmappe mit den aller-, allerletzten, im Einsatz gewesenen Kursunterlagen. Als ich sie dann vor dem Büchergestell aus dem Rucksack nehme, entwischen, die einmal an die Wand gepinten, kreisrunden Karten. Ich lese Stichworte, die ich damals für die Teilnehmenden visualisiert hatte «Delegation», «Umgang mit Belastung», «schwierige Situationen».

Die rosa Begriffskarten lasse ich nicht etwa in den Papierkorb flattern, sondern lege sie zurück in die Sichtmappe, stelle diese im Büchergestell neben die leeren Ordner, im Wissen, dass all dies seinen ursprünglichen Zweck erfüllt hat und es bloss noch die Erinnerung an die Erinnerung ist.

Wirklich? Nicht wirklich. Denn die Themen auf den rosa Karten haben ihre fortsetzende Bedeutung – zum Beispiel im Leben und im Kursmodul dauerferien. Doch nun bin ich es – die Pensionierte -, die versucht, sich zu erinnern, was damals die Kursleiterin – also ich – dozierte, um die Lösungsansätze in meinen Alltag zu integrieren.

schliesslich

À-propos Aufräumen und gestern: Da ist mir noch eine Karte in die Finger geraten, die einmal zum Geburtstag geschrieben wurde – zu dem Tag also, an dem man auf dem Papier nullkomma plötzlich um ein Jahr älter ist. Über die formulierte Weisheit, die wahrscheinlich eine Kopie einer Kopie ist, schmunzle ich erneut: «Alternde Menschen sind wie Museen, nicht auf die Fassade kommt es an, sondern auf die Schätze im Innern.» Und da ich ja am Aufräumen bin, landet die Karte beim Altpapier. Schliesslich war gestern  der Tag des Loslassens.

ciaou, ciaou

Eigentlich wollen wir bloss einen Termin für ein gemeinsames Zusammensein mit Essen vereinbaren. Und dann kommen wir doch noch ins Plaudern. Er erzählt, dass es seinem Partner seit der Herzschrittmacher-Operation besser geht, aber trotzdem nicht so gut wie er es sich für ihn erhofft hat. Dass er ihn deswegen vermehrt bei den Hausarbeiten unterstütze. Doch auch er brauche immer mehr Zeit dafür. Sei der Kehr, den er über Tage verteile, endlich beendet, könnte er schon wieder von vorne beginnen.

Diesen Frust kenne ich. Doch darauf antwortet er unerwartet mit: «85 ist einfach ein Wendepunkt. Meine Kräfte schwinden rapide. Und auch die Freude kommt mir abhanden.»

Möglicherweise erschrickt er wie ich über das eben Gesagte. Jedenfalls landet er beim mir Gewohnten, indem er ausführt, womit er sich momentan sonst noch so beschäftigt. Und ich erkundige mich nach seiner Recherchenarbeit, die oft unser gemeinsames Thema ist, weil diese ihn während der vergangenen Jahre von vielem absorbierte. Er erzählt vom neuen Internetauftritt, vom Fortsetzen seines Werkes durch Jüngere und mit einem Mal wird das Knistern seiner Sinne förmlich hörbar, so als hätte ich mit meiner Frage ein brennendes Zündholz ins erstickende Feuer geworfen.

Und ich bin erleichtert, dass er, der immer so zuversichtlich war, unsere Gespräch beendet mit seinem, mir so gut bekannten und heiter klingenden «ciaou, ciaou».

warum – 2

In «initialisieren» habe ich bereits über die beiden Frauen, den Gründerinnen des «Kollektiv Warum», geschrieben. Ihre Idee gefällt mir. Anhand von Fragen, die sie rund um zivilgesellschaftliche Themen wie Geld und Arbeit stellen und anhand von Karten, Aktionen und via Facebook  individuelle Sichtweisen auf einen gesellschaftlichen Kontext aufzuzeigen wollen. Ihre Themen regen an – zum Nachdenken, für Gespräche. Zum Beispiel:

Stell Dir vor, Du sitzt mit einer Dir nahen Person am Esstisch. 
Ihr lebt in einer Welt ohne Geld. 
Schreibe uns den Dialog, den ihr führt.

 

festhalten (2)

Festhalten – dazu meint Doris, meine Lebenspartnerin, nach dem Lesen der Geschichte von gestern: «Das Schöne an unserem Zusammensein ist, dass wir uns gegenseitig immer wieder fest halten und nicht festhalten.»

Wenig später erzählt mir eine Kollegin, die nicht wissen kann, dass sich mein Denken gerade intensiv um diese tiefgründige Wortkombination dreht, ihr falle auf, wie verschiedenartig das Personal den Beruf des Pflegens ausübe.

Woran sie dies festmache, frage ich die im Spitalbett Liegende.

An ganz kleinen, alltäglichen, ja fast nebensächlichen Dingen, könne sie dies spüren. Wenn sie beispielsweise am Morgen zur Therapie gefahren werde, sei es so unterschiedlich, wie sich die damit betraute Person am Rollstuhl festhalte – von gefühlvoll bis automatisiert gebe es alles. Übers «Festhalten» der Griffe erfahre sie viel über deren Einstellung gegenüber Beruf und Mensch.

Worauf ich denke, dieses Festhalten will ich festhalten.

 

 

Pyjama

Mit individueller Freiheit umgehen zu können, ist nicht nur einfach. Jedenfalls fällt es mir oft schwer, sie als Lebensgeschenk entsprechend wertzuschätzen.

Und andern geht es oft nicht anders.

Als eine meiner Freundinnen bei Doris und mir am Tisch sitzt, findet das Gespräch, das die Hergereiste und ich schon bei unserer Schiffsfahrt über den Bodensee lancierten, seine Fortsetzung. Wir beiden Zuhörenden finden es fast schon absurd, als sie gesteht, dass sie sich kaum getraue morgens um elf Uhr im Pyjama auf dem Balkon eine Zigarette zu rauchen. «Was denken auch die andern von mir», sagt sie, die mit einem Teilzeitpensum noch immer arbeitstätig ist, allen ernstes. Wir lachen zwar alle drei darüber, weil wir wissen, dass es die andern nichts angeht. Wir sind uns allerdings bewusst, wie schwierig es ist, sich von den anerzogenen Konventionen «das gehört sich-das gehört sich nicht» zu lösen.

Auch darüber reden wir.

Mein Ding ist nicht das «Pyjama-Problem», sondern die Freiheit zu haben, die Freiheit einfach zu nutzen. Nur nutzen – an sinnvoll denke ich dabei noch nicht einmal. Und deshalb sage ich, was wiederum die andern zum Lachen bringt: Mich an etwas festbeissen, wie ein Hund an seinem Knochen, nach dieser Leidenschaft würde ich seit der Pensionierung in meinem neuen, strukturbefreiten Leben suchen.

Also doch den Tag mit Strukturen besetzen? Nein, auch das nicht.

Es braucht Doris und meine Freundin, um in unserer Diskussion dabei mitzuhelfen, im Moment, wo alles kaum mehr zählt, ein Absacken in den Pensioniertenblues zu verhindern und mich dennoch zu ermutigen, Knochen hin oder her, die viele Freiheit in meinen dauerferien als Freiheit zu sehen.

Der heutige Tag – wird also erneut zu meinem Übungsfeld! Vielleicht trainiert auch sie das Geniessen der elf-Uhr-Zigarette auf dem Balkon im Pyjama.

 

begegnen

Ich sehe die beiden auf mich zukommen, beide in etwa gleich alt; sie an der Hand ihres Mannes. Als er mich sieht, lächelt er schon von weitem. Sie nicht. Als ich, erfreut die beiden zu sehen, zu strahlen beginne, erhellt sich auch ihr Gesicht und ich höre, trotz der Distanz, ihr mir vertrautes «sali Müüsli». Damit meint sie mich.

Wir drücken uns ganz fest. So wie wir es immer machen. Wir spüren uns gerne. Sie sagt während wir einander umarmen: «Du bist eine Liebe. Ich han di gern.»

«Ich dich auch», antworte ich ihr jeweils in solch vertrauten Momenten. Wenn ich nachfrage, wie es ihr geht, antwortet sie, immer lächelnd: «Ja, ja – gut.» Und fügt hinzu: «Ich han di gern – du bist eine Liebe.» Weil ich weiss, dass sie erkältet war, sage ich noch: «Heute geht es dir wieder besser, gell?»

«Ja», antwortet der über 80-jährige Ehemann: «Sie hat sich erholt.» Wir wechsln noch ein paar Worte und verabschieden uns dann ebenso herzlich. Noch einmal umarme ich sie.

Ich frage mich, wie es wohl in einem Menschen aussehen mag, in dessen Erinnern es keine Vergangenheit gibt und die Gegenwart schon vergessen ist, bevor die Zukunft begonnen hat.