Jallah

Ich tauche langsam aus dem Schlaf in die Dunkelheit des werdenden Tages. Marrakechs Muezzins, die, jeder auf seine spezielle Art, ihrer Gemeinde verkünden, dass es, kurz vor Sonnenaufgang, Zeit fürs erste Gebet ist, wecken mich.

Dem morgendlichen Ruf – Gott ist gross – der sich von jedem Minarett wie Schwaden über die Dächer der Stadt legt, lausche ich jeweils gerne. Noch im Bett liegend filtere ich aus dem Klanggemisch die einzelnen Stimmen, die erste der fünf täglichen Gottesbezeugungen, singend rezitieren.

Heute ein letztes Mal; bereits morgen wird es, sofern die Schweizer Wetterprognose zutrifft, der Regen sein, der an die Scheibe klopft.

Wehmut? Auch – weil sich bei mir dieses Gefühl mit jeglicher Art bewusst erlebten Abschieds paart.

Ich steige aus dem Bett – im Ohr nicht mehr die verhallenden Klänge der Muezzins, sondern denjenigen unseres Bergführers, der jeweils zum Ende der Rast die philosophische Bemerkung machte on aime être là, mais on est pas de là, daraufhin loszog und der Gruppe noch auf berberisch <auf!, zu Neuem> zurief – ein auch klanglich lebensfrohes Jallah!

Jetzt

Wir sitzen in kleinen Gruppen an drei Tischen fürs Abendessen – die  Zusammensetzung ist etwas anders, als gestern, vorgestern … und vor sechs Tagen, als wir uns erstmals gemeinsam zum Essen trafen. Wir, das ist eine Schweizer Gruppe, der ich mich, nach der Heimreise von Schwester und Schwager, anschloss, um Marokko auch noch wandernd zu erleben.

Ich will nun nicht ins Jammern verfallen, wie könnte ich auch, bei all dem, womit mich dieses Land täglich beschenkt und nun abwechslungsreiche Gegenden auch noch auf eigenen Füssen durchwandere.

Doch soviel zu meinem Gruppendasein, ob am Tisch oder unterwegs: Ich habe schlicht und einfach unterschätzt, dass die bunt zusammengewürfelten Landsfrauen und -männer neben dem Tagesrucksack auch noch ganz viel Schweiz durch Marokko tragen. Satzfetzen von sozial nicht kompatiblen Vorgesetzen, von Kindern oder Grosskindern, die dies und das … von Tätigkeiten von vor der Pensionierung … von Erlebnisse aus Jemen, China, Südafrika, Costa Rica, dem Iran … umwehen mich, wenn wir durch Olivenhaine gehen, zum Wasserfall hochklettern, Dörfer im traditionellen Lehmstampfbau durchqueren, am Strand durchs Atlantikwasser stapfen …

Dabei möchte ich nichts anderes, als im Hier-und-Jetzt sein und mich hier auf das Jetzt einlassen. Deshalb ist mein Platz, den ich inzwischen hier, in dieser Gruppe, eingenommenen habe,meist hinten, da wo es zwar mehr allein, aber im Gegensatz zu inmitten, viel mehr Jetzt gibt.

Flüchtlinge

Es gab / gibt sie in jeder Stadt, die wir in den vergangenen zwei Wochen gemeinsam besuchten: Arme – Frauen und Männer -, die auf der Strasse etwas Gemüse oder runde Brote verkaufen. Noch ärmere, die einzelne Päcklis Papiertaschentücher anbieten. Ärmere als ganz arme, die stehen oder sitzen – im Rollstuhl oder auf einem Karton am Boden. Diese Menschen verkaufen meist gar nichts mehr – auch keine einzelnen Zigaretten. Mit nach oben geöffneter Handfläche warten sie und hoffen, dass ihre Gebrechen – Beinprothese, Blindheit … Vorbeigehende <erbarmen>.

Die einen geben eine Münze mal da, mal dort. Andere nicht. Unsere Guides sagen bei Hochziehen von Schulter und Stimme: Wer mehr hat, gibt denjenigen, die weniger haben – je nach eigenem Empfinden, so steht’s im Koran.

Auf der Strasse sitzen auch Familien mit einem oder zwei kleinen Kindern zwischen den Beinen. Vor sich ein gut sichtbarer Karton auf dem geschrieben steht, dass sie aus Syrien sind.

Flüchtlinge? Fragten wir in jeder Stadt unseren jeweiligen Guide. Ihre Antworten waren in etwa identisch. In Marokko gebe es selbstverständlich viele geflüchtete Menschen, auch aus Schwarzafrika. Madame, es gibt sie nicht nur bei euch! Aber viele, meinte der Guide durch Meknès, wollen zu euch, auch wenn sie nur arabisch sprechen, auch wenn sie keine Ausbildung haben. Das ist doch dumm. Denn in Marokko sei mit dem Erstellen all der Satellitenstädte der Bedarf an Arbeitskräften gross. Flüchtlinge würden, sobald sie arbeiteten, den Status <resident> erhalten – also die Niederlassung.

Ob es in Marokko wirklich so ist, wie es uns erzählt wird, können wir nicht verifizieren. Aber sicher trifft zu, womit er, mit entsprechend eindeutigem Blick, die Diskussion beendet: Menschen auf der Flucht, sagt er, ist ein weltumspannendes Problem – nicht allein ein euröpäisches!

1001

Ist es Zufall, Schicksal oder ein sich schliessender Kreislauf?

Jedenfalls, als wir heute an unserem letzten gemeinsamen Tag, bevor Schwester und Schwager ohne mich zurückkehren, am frühen Morgen noch einmal gemeinsam um die Ecke in die Strasse des Souks biegen, überholt uns ein drahtiger, junger Mann mit gewinnendem Lächeln. Nichts Aussergewöhnliches.

Er kehrt sich um, grüsst – bonjour – und heisst uns in Marokko herzlich willkommen. Bienvenue.

Danke, antworte ich und bin, weil ich Gesichter gut abspeichern kann, schnell im Reagieren. Für ihn zu schnell – für mich genügend Zeit, um ihm die Frage nach dem Markt der Berber, der nur heute ist, zu stellen!

Der Geschichtenerzähler, dem wir vor 10 Tagen in die Falle tappten und daraufhin im Labyrinth landeten, erkennt uns nun ebenfalls. Doch als wir ihn mit unserm schadenfreudigen Lachen beschenken, hat er sich, als ob es ihn nie gegeben hätte, einfach in Luft aufgelöst, so als wäre alles bloss eine Geschichte gewesen – eine aus tausend und einer Nacht.

Roi

Meine Schwester entdeckt als erste den Kleber an der Innentür des Kleintransporters, mit dem wir von Rabat zurück nach Marrakech, dem Ausgangspunkt unserer Rundreise, unterwegs sind. Sie sagt, Barbara, schau, was da draufsteht. Es ist die Kurzform dessen, was in den vielen Begegnungen immer wieder thematisiert wurde.

Marokko. Ich liebe mein Land, ich liebe meinen König – J’❤️MON ROI.

Als hätten es zum baldigen Abschluss unserer Schwester-Schwager-Barbara-Reise diesen Beweis noch gebraucht!

König

Nein, im ersten Moment frage ich dies noch nicht, auch im zweiten nicht. Aber nach einiger Zeit des Zusammenseins stelle ich allen einmal dieselbe Frage, nicht ohne sie zuerst auch für mich beantwortet zu haben.

Mit Hassan, unserem Chauffeur, fuhren wir durch die abwechslungsreiche Landschaft. Meine Schwester und ich sassen im Kleintransporter hinten und haben das, was ich von fast allen wissen will, für uns bereits beantwortet, als ich unseren inzwischen vertauten Begleiter fragte, was ist es, was Du an deinem Land, an Marokko liebst?

Die Landschaft, die Familie, auch dass wir heute frei sagen dürfen, was wir denken.

Die Teppichhändler, mit denen wir nach dem zweiten Handschlag noch heissen Tee tranken, sagten Ähnliches wie Hassan: Familie und Gemeinschaft. Aber auch, dass es dem Land wirtschaftlich besser gehe als früher.

Vis-à-vis der Schweizer Botschaft, wo wir heute mit unserem Guide, der uns durch die Hauptstadt Rabat führt, einen Kaffee trinken, frage ich auch, was es sei. Abdull sagt, die Sonne, die Landschaft – mehr, das ist zu spüren, will er dazu nicht sagen, denn sofort – und diesbezüglich ist er der erste – stellt er mir dieselbe Frage.

Die Landschaft, sage ich – und vor allem die Demokratie. Meine Schwester gibt fast synchron dieselbe Antwort.

Ja, meint er: So weit ist es bei uns nicht. Oder sagte er <noch nicht>? War da auch Hoffnung oder bloss konsterniertes Feststellen? Jedenfalls verneinte er nicht, dass es, im Gegensatz zu früher, unter dem heutigen König demokratische Ansätze gibt.

Kopftuch

Was er sieht, sehen wir nicht – auch wenn er, um das Festgestellte zu verdeutlichen, den Zeigefinger in die Höhe Richtung Allah hebt. Wir schütteln unsere Köpfe und sagen, nein, wir haben das Gegenteil festgestellt, wir sehen nur ganz wenige Frauen ohne Kopftuch auf den Strassen. Madame, sagt auch er mit einer Eindringlichkeit, weil er uns nicht überzeugen mag – früher, glauben Sie mir, gab es nur Kopftuch, heute nicht mehr.

Der Stadtführer in Meknès ist nicht der erste, der von der marokkanischen Toleranz spricht – Christen, Juden, Muslime würden in seinem Land in Frieden miteinander leben. Es gebe Moscheen, Kirchen, Synagogen aber keine Statistiken, wie hoch die einzelnen Glaubensanteile seien. Dies sei egal, spiele keine Rolle. Das haben uns auch schon andere gesagt.

Überhaupt spricht er immer wieder über die Toleranz seiner Religion, die den Kindern in den Schulen weitergegeben und an der neu eingerichteten Fakultät für Glaubenswissenschaften gelehrt wird. Nicht ein einzelner Gelehrter, erklärt er,  interpretiert bei uns den Koran, sondern ein Rat von mehreren – gemeinsam, das ist uns wichtig, betont er mehr als nur ein Mal.

Dennoch erlaube ich mir, zu fragen, weshalb wir in Europa nichts davon hören würden. Primär, sagt er, sei für sie im eigenen Land wichtig, der Entwicklung des Fundamentalen entgegenzuwirken. So hätte es damals am 11. September in Marokko eine Versammlung von Muslimen, Juden und Christen gegeben. Ja, Madame, damit haben wir gezeigt, was wir davon halten.

Am Abend sitzen Schwester, Schwager und ich im Innenhof unseres Riads noch bei einem Vervainetee zusammen und konstatieren, dass wir noch nie so viel über den Islam erfahren haben wie in den vergangenen Tagen. Unseren Stadtführern in Marrakech, Fès, Meknès wie auch den Leuten, denen wir begegneten – meist Männern -, war es jeweils ein Bedürfnis, uns ihren Glauben und ihre Offenheit näherzubringen – erst recht jetzt in der Zeit der zunehmend radikalisierten Meinungen, auch innerhalb Europas; Kopftuch hin oder her.

Inshallah

Nach abgeschlossen Geschäft, bei dem selbstverständlich beide Seiten – die Verkäufer wie die Kundschaft – über den verhandelten Preis zufrieden sind, sitzen wir, quasi en famille, noch bei einem marokkanischen Tee zusammen.

Einmal mehr befanden wir uns in der Situation, das Geschäft sofort verlassen oder hineingehen. Die Erzählungen des einen sind wiederum gut und auch diejenigen des andern, der, einmal den Faden in unserer Hand, das andere Ende nicht mehr loslässt.

Jeder Berberteppich, den er vor uns ausbreitet, ist kunstvoll. Unser Interesse ist geweckt – vor allem Schwester und Schwager sehen Orte für die Erinnerung. Schon manches Paket habe er nach Europa verschickt – nach Paris, in die Schweiz, auch nach Zürich!

Als Beweis holt er das Buch der Lieferadressen, blättert, sucht … Ich will ihm sagen, dass Zürich fast so gross wie Mèknes sei  – was ein eher schwieriges Unterfangen ist, als Frau von einem Händler gehört zu werden.

Und das war es dann!

Der erste Handschlag geht auf den ehemaligen Fernsehkollegen, der tatsächlich hier einkaufte. Der zweite auf den noch besseren Preis!

Der Zufall! Glück des Verkäufers oder unseres? Inshallah,so Gott will, unser aller!

Madame

So wie sich beim Thema <König> der Schalck aus ihren Augen verabschiedet, so stellen sie beim Stichwort <Frauen> wie eine Katze ihre Haare. Sie lächeln nach wie vor zuvorkommend, doch sowohl die Augen des Stadtführers in Marrakech, als auch diejenigen des Begleiters in Fès funkeln, als ich nach der Situation der Frauen frage.

Nein, unsere Wahrnehmung, dass in Marokko das Kopftuch die meisten Frauenhäupter bedecke, stimme nicht. Nein, dass nur Männer die Freiheit haben, sich im Kaffeehaus die Zeit um die Ohren zu schlagen, sei ebenfalls nicht die Realität. Wir sollen uns in der Neustadt umsehen, da seien die Frauen in den feinen Lokale in der Mehrzahl, sie würden auch die teuren Autos fahren. Und im Gegensatz zu Europa würden hier in Marokko die Männer, Haushalt- und Erziehungspflichten übernehmen. Er, der Stadtbegleiter durch Marrakech, koche, bringe die Kinder zur Schule, entlaste seine Frau in vielem. An der Universität sässen in seinen Vorlesungen bis zur Hälfte Frauen, viele ohne Kopftuch.

Madame, sagt derjenige aus Fès, unsere Frauen können schon viel länger als eure über politische Geschäfte abstimmen. Und – Madame, was meinen Sie, wer liess im Jahr 859 die allererste Universität der Welt erbauen?! Hier in Fès? Eine Frau! Fatima al-Fihri. Madame!

Als er mir diese Tatsache wie einen scharfen Pass bei einem Fussballmatch zugespielt hat, lächelt er, reckt sich erfreut über dieses Tor mental in die Länge und wartet, wie eine schnurrende Kater auf die Streicheleinheiten. – Madame!

Ehrfurcht 

Das Lachen steht ihnen ganz schnell im Gesicht, doch da hört bei ihnen das Witzeln auf – sowohl bei Hassan, dem Fahrer, der uns über Talebenen voller Olivenhaine oder auch überzogen von Obstplantagen von Marrakech nach Fès chauffiert, als auch beim Kellner, der uns im Restaurant an der Tankstelle das Mittagessen serviert und auch bei demjenigen, der uns durch die Sehenswürdigkeiten der Altstadt, der Medina, führt.

Reden wir vom König, ändern sich bei ihnen Gesichtsausdruck und Stimmlage.

Die Erklärung darauf finde ich im Reiseführer. Dort erfahre ich, dass die regierenden marrokanischen Könige direkt vom Propheten Mohammed aus dem Geschlecht der Alaouiten abstammen. Deshalb diese Ehrfurcht und dieser Respekt.

Unterwegs, an der Tankstelle frage ich, nachdem ich lange die aufgehängten Fotos des jetzigen Königs, Mohammed Vl., betrachtete, ob er gut sei für das Land. Die Antwort kommt sofort – ja – er habe Elektrizität und wirtschaftlichen Aufschwung gebracht. Die Flucht in die Städte habe aufgehört, sich reduziert, seitdem es hier Licht und Abnehmer für landwirtschaftliche Produkte gebe.

Beides ist uns – Schwester, Schwager und mir – auf der langen Fahrt aufgefallen. Selbst in karg, schroppigen Gegenden wird das Land, die Erde gepflegt – junge Olivenbäume werden gepflanzt, Steine auf dem Feld gesammelt und zu Mauern aufgehäuft – selbst in Höhen von über 1000 Metern -, Esel vor den Pflug gespannt …

Ehrfurcht auch bei uns, ob all dem Gesehenen.