Botschaft

Mit meiner 84-jährigen Freundin, die in den USA lebt, kommuniziere ich oft via Messenger von Facebook. Wir, besser gesagt: sie mehr als ich, hat die Angewohnheit, mir Links zu Spannendem zu schicken.

Das hat sich so ergeben. Als ich sie anfangs Jahr in Florida besuchte, war gerade die Inauguration des Mannes, der anders Denkende, Farbene und Frauen ausgrenzt. Trump, der auch viel Integratives seines Vorgängers wieder aushebelt oder es zumindest versucht.

Zu dieser Zeit, als die diskreditierenden Aussagen täglich die Presse füllten, sassen wir jeweils zu Dritt am Frühstückstisch. Jede schaute in ihr Smartphone, jede blätterte sich durch die News, jede teilte mit, wenn sie durch das Gelesene mitteilungsbedürftig wurde – und dies war oft der Fall. Aus jener Zeit kommt also das Bedürfnis des Austauschens – auch jetzt, wo ich schon längst wieder in der Schweiz bin und sie am Morgen wieder alleine am Tisch sitzt und sich aufdatiert.

Unlängst schickte sie mir den Link zu einem Video und schrieb dazu, dass ich es bis zu seinem Ende anschauen soll!

Was für eine Bemerkung!

Das Video zeigt einen Violonisten in einer U-Bahn-Station. Er spielt zur Rush Hour Stücke von Bach. Kaum jemand hält inne, um zuzuhören. Kaum jemand spendet Geld, nach 45 Minuten sind es 32 Dollar.

Der vermeintliche Bettler ist Joshua Bell, der schon mit allen bedeutdenden Orchestern aufgetreten ist. Der geschätzte Wert der Violine, die er im Untergrund bespielt: 3,5 Millionen Dollar. Zwei Tage zuvor, so heisst es im Video, spielte der 50-jährige Musiker in Boston vor ausverkauftem Haus. Durchschnittlicher Eintrittspreis: 100 Dollar.

Offensichtlich benötigen wir für eine adäquate Aufmerksamkeit den anerzogenen, gelernten, sozialisierten Rahmen, um uns berühren oder uns auf etwas einzulassen.

Deshalb ihre Bemerkung.

Was verpasse ich? Was entgeht uns, wenn etwas ausserhalb des dafür vorgesehenen Kontextes passiert?

Die Vermutung liegt nahe.

Jedenfalls danke ich meiner Freundin für dieses knapp zweiminütige Video. Deshalb schreibe ich ihr, dass mich ihre Botschaft daran erinnert, wieder vermehrt Achtsamkeit zu lernen.

7 Gedanken zu “Botschaft

  1. Das Video habe ich kürzlich auch zugeschickt bekommen, und es hat mich zutiefst berührt. Auch ich empfinde es als Weckruf zur Achtsamkeit – und als Erinnerung daran, dass es neben all dem Furchtbaren in der Welt auch Kreativität und Schönheit gibt, deren Kraft wir mehr denn je brauchen, um dem Ansturm der Schrecken zu widerstehen.

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  2. Kennst du den Musiker Moondog, er hat auch auf der Strasse gespielt, wurde entdeckt und spielte dann im NY Sinfonieorchester, bis er sich seiner eigenen Musik zuwandte- daran musste ich gerade denken, er war übrigens sehr früh erblindet und lebt auch leider nicht mehr-
    Mehr Achtsamkeit, davon können wir wohl gar nicht genügend entwickeln?
    Danke dir für die Erinnerung und herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 1 Person

  3. Das ist wohl auch eine Frage der Unabhängigkeit des Denkens und des Vertrauens in sich selbst. Gefällt mir etwas wirklich oder lasse ich mich davon beeinflussen, dass „alle“ es gut finden bzw gefällt mir etwas immer noch auch wenn „alle“ es ablehnen ?

    Gefällt 1 Person

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