Nachlass

An diesem Morgen der irgendwo – am Anfang? am Ende? mitten drin? meiner dauerferien steht, packt es mich, über etwas zu schreiben, das schon einige Zeit zurück liegt.

Wir – Doris und ich – stehen an einem Samstagabend  in der Eingangshalle des Zürcher Schiffbaus, was ein Satellitenort des Schauspielhauses ist. Hier finden jeweils aussergewöhnliche Inszenierungen statt, weil im Schiffbau, wo zu bereits vergessenen Zeiten einmal Raddampfer gebaut worden sind, alles so gross und archaisch ist.

Wir warten, dass die Schiffshörner zum Einlass hupen. An diesem Abend zur Installation des Autorenteams «Rimini Protokoll» – eine Inszenierung ohne anwesenden Personen, bei der es in acht Zimmern ums Thema «Nachlass» geht.

Wir stehen, wie bereits schon geschrieben, an einem Bartisch, und machen uns, zusammen mit einem Bekannten, der ebenfalls für dieses Stück gekommen ist, Gedanken. Einerseits, was wir, wenn es uns nicht mehr gibt, zurücklassen und andrerseits, was uns unsere Väter hinterlassen haben.

«Viel Geld», sagt er als erstes. Da mir dies bekannt ist und das, was ich eigentlich wissen wollte, interessanter finde, präzisiere ich und frage nach der Prägung, die die Ich-Ausrichtung beeinflusst(e).

Das Unternehmerische habe ihm sein Vater auf den Weg gegeben. Bei Doris ist es der Glaube, dass auch Unmögliches möglich werden kann, wenn man bereit ist, für dieses Ziel hart zu arbeiten. Bei mir ist es das Kämpferische. Nicht etwa, dass mir mein Vater diesbezüglich Vorbild war. Nein, er schaffte seinen Aufstieg in die Mittelschicht durch Anpassung an die Norm. Und daran rieb ich mich mit ihm. Während meines Erwachsenwerdens fast permanent. Ich kämpfte für meine Überzeugung, die nie die seine war. Und dies wiederum führte unter anderem zur Herausformung, für seine, bzw meine Haltung hinzustehen. Letztlich ermöglichte mir dieses Kämpferische mein Coming-out – ein Leben am Licht leben zu können, das im populistischen Trend von «wir sind das Volk» wieder in Frage gestellt wird, weil es nicht der von ihr definierten Norm entspricht.

Ausgangspunkt meiner Gedanken war eigentlich der Theaterabend zu «Nachlass» und gelandet bin ich bei der Erkenntnis, dass es in der Auseinandersetzung um Demokratie kein nachlassen erträgt, was letztlich auch ein Nachlass ist.

 

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