Kopftuch

Was er sieht, sehen wir nicht – auch wenn er, um das Festgestellte zu verdeutlichen, den Zeigefinger in die Höhe Richtung Allah hebt. Wir schütteln unsere Köpfe und sagen, nein, wir haben das Gegenteil festgestellt, wir sehen nur ganz wenige Frauen ohne Kopftuch auf den Strassen. Madame, sagt auch er mit einer Eindringlichkeit, weil er uns nicht überzeugen mag – früher, glauben Sie mir, gab es nur Kopftuch, heute nicht mehr.

Der Stadtführer in Meknès ist nicht der erste, der von der marokkanischen Toleranz spricht – Christen, Juden, Muslime würden in seinem Land in Frieden miteinander leben. Es gebe Moscheen, Kirchen, Synagogen aber keine Statistiken, wie hoch die einzelnen Glaubensanteile seien. Dies sei egal, spiele keine Rolle. Das haben uns auch schon andere gesagt.

Überhaupt spricht er immer wieder über die Toleranz seiner Religion, die den Kindern in den Schulen weitergegeben und an der neu eingerichteten Fakultät für Glaubenswissenschaften gelehrt wird. Nicht ein einzelner Gelehrter, erklärt er,  interpretiert bei uns den Koran, sondern ein Rat von mehreren – gemeinsam, das ist uns wichtig, betont er mehr als nur ein Mal.

Dennoch erlaube ich mir, zu fragen, weshalb wir in Europa nichts davon hören würden. Primär, sagt er, sei für sie im eigenen Land wichtig, der Entwicklung des Fundamentalen entgegenzuwirken. So hätte es damals am 11. September in Marokko eine Versammlung von Muslimen, Juden und Christen gegeben. Ja, Madame, damit haben wir gezeigt, was wir davon halten.

Am Abend sitzen Schwester, Schwager und ich im Innenhof unseres Riads noch bei einem Vervainetee zusammen und konstatieren, dass wir noch nie so viel über den Islam erfahren haben wie in den vergangenen Tagen. Unseren Stadtführern in Marrakech, Fès, Meknès wie auch den Leuten, denen wir begegneten – meist Männern -, war es jeweils ein Bedürfnis, uns ihren Glauben und ihre Offenheit näherzubringen – erst recht jetzt in der Zeit der zunehmend radikalisierten Meinungen, auch innerhalb Europas; Kopftuch hin oder her.

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6 Gedanken zu “Kopftuch

  1. Eindrücklich ist das.. ich habe mich zugegebener Weise gefragt, ob das stimmt.. ob die euch die Wahrheit gesagt haben…. krass, oder ? Welchen Grund gäbe es denn euch ne Lüge aufzutischen.. ?
    Oder doch ? Und .. wir sitzen hier so im „Trockenen“ und beziehen unsere Infos aus den Medien… sind nicht vor Ort… es ist ein gemachtes Bild was wir da sehen… und vielleicht auch sehen sollen..
    Vielleicht erfahren wir nichts von dem was ihr da gehört habt, weil wir es nicht erfahren sollen…
    uiuiuiuiui… so wirklich frei sind wir nämlich auch nicht.

    Gruss S.

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    1. … glauben oder nicht, obwohl wir vor ort sind, ergeht es uns ähnlich. nicht zuletzt deshalb verifizieren wir ein zweites, drittes mal, indem wir so fragen, dass die antwort nicht von vornherein klar ist. auch wir sind von demselben wie du geprägt – und es tut gut, durch diese gegend reisen zu können, nicht zuletzt um immer wieder mit den eigenen (vor)urteilen konfrontiert zu werden. lieber gruss barbara

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    1. finde ich auch, vielleicht ist der prozess in marokko in nuancen ein etwas anderer, als der bei uns (europa) wahrgenommene, vielleicht … jedenfalls gibt es bei mir eingeprägtes, das ich am korrigieren bin, neben allem, was hier so ist und in europa anders, bzw so nicht mehr ist – ich denke da zb an die landwirtschaft, die eine ist, aber über weiteste landstrecken in mühseligster handarbeit und mit eseln verrichtet wird. aber es gibt immerhin eine agrarwirtschaft, es gibt wasser, es gibt zahme fortschritte und es gibt menschen, die darauf stolz sind. es gibt auch staatliche investitionen in bildung, eine städtebauliche entwicklung – das wird beim reisen manifest; vielleicht soviel noch dazu.

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