abtauchen

Dass ich überhaupt zum gestern beschriebenen Sing-Sang, zum nur für mich hörbaren Ohrwurm, des ennet der Kantonsgrenze gesprochenen Dialektsounds kam, hat (selbstverständlich) eine Vorgeschichte und die beginnt mit einem Typen, der mich wegen einer einzigen Bemerkung nachhaltig nervte.

Vor gefühlter Urzeit, als ich ihn fragte, was er von Herta Müllers neustem Buch halte, gab er mir leicht abschätzig zur Antwort: «Es ist einmal mehr ihre alte Geschichte.» Ich weiss nicht mehr, um welchen Titel es sich handelte, ich weiss nur noch, dass ich damals, als sie noch nicht Nobelpreisträgerin war, nicht an ihren biografischen Schreckensromanen vorbeigehen konnte, ohne sie zu kaufen und zu lesen. Deshalb beleidigte mich diese Antwort, die ich so perrsönlich nahm, dass ich daraufhin beschloss, bei diesem Ignoranten nie mehr ein Buch zu kaufen.

Daran hielt ich mich bis Mitte letzter Woche. Da verführte mich ein schön gestalteter Buchdeckel, die Schwelle erneut zu übertreten. – Ein Reich an kunstvoll gestalteter Bücher eröffnet sich – ein Labyrinth an Kostbarkeiten. Das pure Gegenteil der zu Berge wachsenden Massen bei den Markt Beherrschenden.

Sonne streift über Bücher. Verzaubert träume ich von einem Liegestuhl, wie Sätze aus Büchern durch den Trichter in den Mund fliessen, auf der Zunge schmelzen und durch meinen Körper fliessen …

Ich sehe das im Schaufenster ausgestellte, das mich in den Laden sog, klemme es unter den Arm, frage dann aber auch noch nach marokkanischer Literatur, die ebenfalls verführt. Schliesslich lege ich alles auf eine Beige, gewillt zu kaufen und dann, im letzten Moment, ganz oben drauf, auch noch «Di schöni Fanny», die das Leben dreier Freunde – allesamt Künstler – durcheinander bringt. Zu Hause verfalle auch ich ihr – genauer: der Erzählung und vor allem der Virtuosität der Sprachmelodie, die im Dialekt des Autors, von  Pedro Lenz, geschrieben ist.

Die beiden mahgrebinischen Bücher lege ich zur Beige, die in den Koffer gepackt werden soll, weil ich in Marokko, wo ich mit Schwester und Schwager Ferien verbringen werde, lesen will, was dort Thema ist. Doch erst einmal glücklich, dass ich den Buchladen-Bann lösen konnte, tauche ich in Fannys Geschichte, bevor ich Richtung nördliches Afrika abhebe und erneut abtauche!

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