Blumenstrauss

Der Rückwärtsgang hatte sich schon eingerastet, als Doris nochmals an der Tür steht und mir Zeichen macht, als hätte ich was vergessen. Ich öffne das Autofenster und höre sie trotz laufendem Motor sagen: «Du musst noch einen Blog schreiben!»

«Was? – Weshalb?»

Lilian Uchtenhagen sei gestorben, habe sie eben am Radio gehört.

Das habe ich gestern schon gelesen, es aber zur Seite geschoben und erst jetzt, mit Doris‘ Aufforderung beginnt sich das Gedankenrad zu drehen und hervor kommt so vieles: Uchtenhagen war in meiner Jugend, als die Frauen 1971 nach mehreren gescheiterten Anläufen erstmals zu eidgenössischen Angelegenheiten an die Urne durften, eine Art Politikone. Sie gehörte zu den ersten Frauen, die im Bundesbern «unsere» Anliegen vertrat. Sie kämpfte für Gerechtigkeit. Sie kämpfte für Gleichstellung – an der sie selber anfangs der 80er Jahre kläglich scheiterte. Sie wurde als offizielle Kandidatin der Sozialdemokraten von der Mehrheit des Parlamentes nicht gewählt. Die Bürgerlichen gaben ihre Stimme einem SP-Mann und somit blieb der siebenköpfige Bundesrat nach wie vor ein reines Männergremium.

Heute, so nicht mehr vorstellbar – in der Schweiz.

Damals standen während dieser historischen Stunde viele Frauen vor dem Fernsehen – auch ich. Frustriert stellten wir ab. Einige hatten vor Wut gar Tränen – auch ich. Im Nachruf über Lilian Uchtenhagen, die mit 88 Jahren starb, schreibt selbst die bürgerliche «Neue Zürcher Zeitung»: «… sie hinterliess tiefe Spuren und wirkte als Pionierin.»

Und nun bin ich froh, dass Doris mich angeregt hat, über den Tod der SP-Frau zu schreiben, weil es so viele Erinnerungen wieder freigesetzt hat. Jedenfalls bringe ich ihr am Abend einen Blumenstrauss mit – zum Dank, auch dafür.

 

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2 Gedanken zu “Blumenstrauss

  1. Lilian Uchtenhagen war mir bis zu Deinem Post eine Unbekannte.
    Dass Frauen erst Anfang der 70er an die Wahlurne durften (unc männer darüber abstimmten, dass das so war), erscheint mir heute so ungeheuerlich. Zu dieser Zeit brauchte eine Frau noch die Zustimmung ihres Ehemannes, wenn sie berufstätig sein wollte. Über gleichgeschlechtliche Partnerschaften schwieg man sich aus.
    Viel passiert seither.

    Gefällt 1 Person

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