wirklich

Dass ich übersah, was, wenn es zu sehen ist, sich so prachtvoll über alles erhebt, realisierte ich erst, als ich vor dem Gemäuer des Landesmuseums stand, vor dem Komplex, der moderne und alte Architektur so harmonisch, ergänzend miteinander verbindet. Da wurde mir bewusst, dass ich hier so aufmerksam alles anschaute und ich es verpasste, dasselbe davor ebenfalls zu machen.

Weshalb wohl?

Weil mir der andere Anblick seit Jahren eine Badesaison lang so vertraut ist.

Die Sonne ist etwas zwischen stechend heiss und wärmend kühl, der See noch so glatt, wie er nur am Morgenfrüh sein kann, als ich heute, so wie gestern wieder ins Seebad Enge komme und noch bevor ich mich an meinen, mir liebsten Tisch setze und in die Ferne schaue – ins Nichts des Dunsts.

Vielleicht war es gestern eben so. Vielleicht auch nicht. Sah ich die Berge nicht, weil sie gestern, so wie heute, ebenfalls verborgen waren. Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Wäre ich eine Touristin und erstmals in Zürich sähe ich am Horizont des langgezogenen Sees bloss dieses Weiss und sonst nichts. Weil ich aber hier lebe und mein Hirn auch das Bild ohne das Weiss, das wie ein Vorhang vor einer Kulisse hängt, schon so oft abspeicherte, weiss ich, dass sich dahinter die Glarner Alpen und das «Vrenelisgärtli» verstecken und sehe deshalb eine Kombination von beidem.

Jedenfalls nehme ich mir vor, meinen Sinnen wieder vermehrte Aufmerksamkeit zu schenken und unterbreche auch deshalb das Zeitungslesen, um der Frau, die sich neben mich setzt, weil sie diesen Platz ebenso liebt, wie ich, mitzuteilen, dass sich die Alpen heute hinter viel Weissem verstecken. Einfach, damit sie es nicht übersieht. «Ach, ja », sagt sie. «Wirklich.»

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4 Gedanken zu “wirklich

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