einmalig

Wir sitzen im Gold der Abendsonne über Prag, schauen auf die Stadt der tausend Türme, staunen über das viele Leben auf der Karlsbrücke, trinken ein Bier aus der Klosterbrauerei und beobachten dazu vergnügt die drei jungen Asiatinnen am Nebentisch. Für das Selbstporträt hebt jede abwechslungsweise das am ausgezogenen Selfiestick eingeklemmte Handy. Jede nimmt dazu die typische Pose ein – das Haar zurecht gemacht, das Lachen eingefroren, die Zahnkorrektur versteckt.

Alle drei verharren in der Foto gerechten Position – die Rücken bleiben der phantastischen Kulisse zugewandt, deshalb stellen wir spöttelnd fest, dass die drei jungen Frauen spätestens zu Hause sehen werden, wo sie waren.

Menschen aus aller Welt sind, wo auch wir sind. Menschen aus christlich geprägten Ländern, aus Ländern, in denen die Scharia das Leben bestimmt, Menschen jüdischen Glaubens. Sie alle – Frauen, Männer und Kinder – leben, weil sie ihre Reise in diesem Moment auf die Aussichtsterasse über Prag gebracht hat, friedlich und rücksichtsvoll nebeneinander. Wir alle hören dazu die Klänge eines Trios von Männern, die in vielen Teilen dieser Welt ausgegrenzt werden, weil sie Sinti oder Roma sind. Sie spielen an diesem Abend, wo die Abendsonne die Stadt, die einmal eine so wichtige Rolle in Europa inne hatte, klassische Ohrwürmer, die anrühren. Der einen, der drei jungen Asiatinnen läuft dabei das Herz über. Sie schluchzt, rotzt, lacht und «selfiet» – einfach ein lokaler, einmaliger Moment.

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