selbstverständlich

Unlängst war ich an einem runden Geburtstag. Eine Freundin feierte ihren 75sten. Wir waren eine kleine, feine Gruppe.

Da es einer dieser nicht mehr aussergewöhnlich anmutenden Regentage im Sommer war, sassen wir im Schutze eines Zeltes. Dessen Wirkung ist kuschelig – es tropft aufs Dach, wir sitzen nahe beieinander und wir geniessen das feine Essen, das ein Paar für die Jubilarin und ihre Gäste liebevoll vorbereitet hat.

Wir reden über vieles, schliesslich kennen sich die meisten seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten. Die Gespräche unter der Zeltdecke sind entsprechend lebendig. Nur zwischendurch werden wir uns bewusst, wie alt wir alle sind – nämlich alt. Dann nicken wir jeweils mit dem Kopf, am Tisch sagt’s rundum «jaja» oder «das kenne ich auch» oder «was, du auch», danach geht’s in quirligen Tonfällen weiter.

Wir sind alt zusammen geworden. Sind wir uns dessen bewusst? Oder haben wir es vergessen, weil wir uns so vertraut sind und uns inzwischen nicht anders, als mit Falten kennen?

Jedenfalls sind wir alle älter als früher und viele gehen inzwischen auch etwas früher als früher.

Als ich dann alleine bin, unterwegs von dort nach dort, wird mir plötzlich bewusst, dass nichts mehr selbstverständlich ist. Zum Beispiel, dass die eine oder andere, wenn die Jubilarin möglicherweise in fünf Jahren den nächsten runden Geburtstag feiert, nicht mehr dabei sein wird. Dieser Gedanke macht mich nachdenklich und ich frage mich, ob es gut oder schlecht war, dass ich mir dessen während des Zusammenseins nicht bewusst war.

Ich weiss es nicht.

Ich weiss nur, dass es das erste Mal war, mir in diesem Zusammenhang diesen Gedanken zu machen, der für unsere Generation selbstverständlich sein sollte, da er der Realität entspricht.

9 Gedanken zu “selbstverständlich

  1. Die „quirligen Tonfälle“ gefallen mir gar sehr!
    Das andere Gedankengut ist auch meines geworden.
    Toll ist, wenn man fühlt, dass man die geworden ist, die man ungefähr werden wollte- und nicht schräg daneben aufschlägt – sanfte Hügelwanderungen statt lebensgefährliche Kurvenstrecken mit hirnverbrannten Saltos….

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    1. … stimmt – die lebensgefährlichen, hinverbrannte (ver)klettereien und saltos sind nicht mehr unser/mein ding. doch selbst die hügelwanderungen sind nicht immer nur sanfte. mit liebem gruss. barbara

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  2. Ja, man kann schon nachdenklich werden in solchen Situationen. Mir kommt dann manchmal der Satz von Charlie Chaplin in den Sinn: „Von einem gewissen Alter ab tut auch die Freude weh.“

    Lieben Gruss in den lauen Sommertag,
    Brigitte

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  3. Sich der Endlichkeit bewusst werden – erschreckend, schmerzlich zunächst – aber auch eine Einladung: zum Rückblick (die Höhen und Tiefen, die diversen Kurven manchmal halsbrecherisch, aber doch genommen, Schrammen davon getragen, Narben, die sich immer mal wieder bemerkbar machen); eine Einladung aber auch zum Ausblick: ich habe noch Zeit (wieviel? Wer weiß .. aber ich mach was draus …)
    Und schon sind wir wieder beim DIESES, beim Hier und Jetzt, dass sich – so mein Empfinden – viel intensiver leben und genießen lässt als in der aufregenden und aufgeregten Jugend. Im besten Fall: BALANCE.
    La vie est belle!

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  4. Manchmal, wenn ich meinen Vater treffe, der inzwischen sehr alt ist, denke ich an seine Endlichkeit und das überschattet unser Beisammensein derart, dass ich versuche weiterhin nur den Moment zu leben, ohne an das Morgen zu denken.
    Wir werden zusammen alt, das ist das Tröstliche und Verbindende und ich kann sagen, dass ich mit jedem Lebensjahr zufriedener und mehr ich selbst werde. Die, die ich ungefähr werden sollte, wie Wildgans weiter oben schrieb.
    Dein Text liest sich sehr schön.

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  5. Ich frage mich, wozu wäre es nützlich sich jeden Tag des mehr oder minder des nahenden Endes bewusst zu sein? Ist es nicht besser zu genießen, was man hat, als immer mit dem Gedanken zu leben: „Vielleicht war es ja das letzte Mal?“. Außerdem verteilt das Leben nun mal keine Garantiekarten und egal wie alt oder jung man ist, es kann immer und jederzeit das letzte Mal gewesen sein.
    Deinen Text finde ich großartig, er lädt sehr zur Reflektion an. Danke!

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    1. liebe 365tageimleben – du hast die endlichkeit bereits im titel gesetzt (nein, solche ’spässe‘ bei seite) – ich gebe dir vollkommen recht. doch gedanken sind frei, auch solche die unangekündigt durchs hirn flitzen. liebes leben liebendes. barbara

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