gehen (8)

Unlängst habe ich die beiden Männer, über die ich in «Vielfalt» schrieb, besucht – selbstverständlich nicht ohne Voranmeldung.

Im Treppenhaus, vor der Wohnungstür, die der eine zum Eintreten bereits geöffnet hat, steht – und das ist überraschend neu für mich – eine Gehhilfe.

«Was?», entfährt es mir noch bevor ich den einen Freund zur Begrüssung küsse. «Ja!», seit Samstag. Etwas später, als wir zusammensitzen, sagt er, der in der äusserlichen Wirkung etwas feinere, dass er es trotz seiner 86 Jahre gedanklich nicht schaffe, das Alter zu akzeptieren. Er habe noch so viele Ideen im Kopf, doch der Körper sei einfach zu schwach dafür. Sein Partner zuckt mit den Schultern, meint in seinem lakonischen Tonfall: «Tatsache ist, dass wir an der Schwelle von alt zu gebrechlich stehen.»

Er lächelt, ich schlucke leer, im Bewusstsein, dass er recht hat.

Danach fragt mich der Robustere nach meinen Ferienplänen. Ich erwähne, dass ich mit meiner Schwester und meinem Schwager anfangs Winter eine Reise nach Marokko geplant hätte. Er kommt ins Schwärmen. Er erzählt von Orten, die sie 1968 zusammen besucht haben. Er nennt alle beim Namen.

Noch einmal: Schluck.

Selbst als ich mir den Namen einer Stadt im Süden, die für ihn die zauberhafteste überhaupt war und fast schöner als alle andern, merken will, ist er bereits wieder ausradiert.

Wie schafft er das bloss, frage ich mich nicht zum ersten Mal.

Und dann kommt der Zeitpunkt zum Gehen. Er steht auf, verschwindet in seinem Arbeitszimmer und kommt mit einem Buch zurück, das er mir nun überreicht.

Unlängst erzählte er mir nämlich, dass er sein Büchergestell leere – das müsse er schliesslich machen, diese Arbeit könne er, wenn er dann gegangen sei, nicht andern überlassen. Daraufhin füllte er unzählige Papiersäcke mit Buddhistischen Sachbüchern, um diese in Österreich einer bestimmten Bibliothekt zu vermachen. Als er vor Wochen darüber redete, musste er gespürt haben, was ich dachte.

Jedenfalls ging er daraufhin in den Keller, suchte nach einem bestimmten, das er, wie er mir nun erzählt, mit einem Griff im richtigen Sack ortete.

Und nun umarme ich ihn, bedanke mich für «Das offene Geheimnis» und gehe gerührt nach Hause.

 

 

8 Gedanken zu “gehen (8)

  1. Das ist berührend erzählt. Ich habe den körperlichen Verfall sieben Jahre lang bei meiner Mutter miterlebt. Schön ist das nicht, aber ich habe von ihr auch gelernt, das Leben anzunehmen, wie es ist und auf das zu blicken, was es – in jeder Lebensphase – zu bieten hat. Auch beim Altern, auch beim Abschiednehmen von so vielem. Dafür bin ich ihr dankbar.

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  2. Liebe Barbara,
    es ist gut Menschen um sich zu haben, die offen mit ihrem Alter und dessen Folgen umgehen, wir können lernen und damit an unserer Haltung zu unserer eigenen Vergänglichkeit feilen, ich bin dankbar, dass es diese Menschen um mich herum gibt.
    Ich mag diesen Satz sehr: «Tatsache ist, dass wir an der Schwelle von alt zu gebrechlich stehen.» Weil er keine Schnörkel hat, keine Beschönigung, weil es ist, wie es ist.
    Ich habe eine Freundin im Norden, die über siebzig ist, rege im Geist und mit noch immer viel Schaffenskraft, sie macht sich jeden Abend fein, wenn sie Zubett geht und sagt dazu: Ich möchte eine schöne Leiche sein …
    herzliche Grüsse
    Ulli

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    1. liebe ulli – ein kostbares gut, wenn man daran teilhaben darf. schon einmal hatte ich dieses privileg, verbunden, wie bei den beiden freunden mit reflektieren und dennoch nicht ganz sorgenleicht auf diesen abschnitt zuschreiten können. jedenfalls hilft beides fürs feilen, wie gern ich deinen ausdruck las und ihn ebenfalls gerne in mein voranschreiten übernehme. herzlich barbara

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  3. Silke G. schreibt:

    Den Gang des Lebens annehmen und mitgehen … Das hinzubekommen ist nicht einfach, aber verhilft letztlich zu der Balance, der Leichtigkeit und Freude innewohnt.
    Auch ich hatte das große Glück, von lieben Menschen zu lernen, wie wohltuend, bei allem Schmerz, das Gehen und Gehen lassen sein kann. Wahrhaft ein wertvolles Geschenk.

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  4. Liebe Barbara, genau das mit dem „alt“ und „gebrechlich“ spürt mein inneres Ich auch – meine Mutter ist ja 98 geworden – und definitiv dabei wusste ich. dass ich das nicht will.
    Ich weiß nicht, ob ich meine Meinung ändere, aber ich visiere in etwa 85 an. Mal sehen, was mir dazu einfällt, wenn es so weit ist.
    Mit Gruß von mir

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    1. liebe clara – was ich avisiere, weiss ich noch nicht … wer weiss, vielleicht werden wir dann, wenn du in etwa 85 bist, noch immer bloggerinnen sein und von einander erfahren, was ist! herzlich und schön, dass du wieder zu hause bist. barbara

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