Balkan

 

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Ich glaube, die Natur schafft es kaum, viel mehr Regen zu schütten, als sie es gerade macht. Auch darum ist heute ein richtiger Lesetag.

Seit einiger Zeit begleitet mich Marica Bodrožić’s «Mein weisser Frieden». In «Sinne» habe ich daraus bereits den allerersten Satz zitiert. Schon dieser war dicht. Die Fortsetzung ist es auch, so dass ich im Buch, seiner gedanklichen Tiefgründigkeit wegen, bloss portionenweise vorankomme. Inhaltliches Zusammenfassen ist schwierig und mir fast unmöglich.

Die Autorin, geboren in Kroation, mit den Eltern als Kind nach Deutschland ausgewandert, berichtet in «Mein weisser Frieden» über Dalmatien, ihre Herkunftsgegend, in die sie regelmässig zurückreist. In ihrer ursprünglichen Heimat trifft sie Menschen. Ihre Beobachtungen stehen immer auch im Zusammenhang mit den Verwüstungen, die Krieg nachhaltig anrichtet – seelisch, körperlich, geografisch, baulich.

Heute lese ich Kapitel 15.

Bodrožićin schreibt darin sowohl über die Insel Vis, von wo aus Tito – laut Überlieferungen – den Widerstand gegen die deutsche Besatzung dirigiert haben soll, als auch über die von den verschiedenen Kriegen geprägten Bevölkerung. Zum Beispiel über die jungen Männer, die sich unter den Palmen unterhalten – lachen, laut reden – aussehen wie normale Männer, in der Sommerhitze kurze Hosen tragen.

«Erst bemerke ich gar nicht, dass ihnen etwas fehlt. Wenn das Licht sich flimmernd auf ihre Prothesen legt, blitzen sie an der Stelle des fehlenden Beines auf wie ein Goldschatz. Das Metall glänzt in der Mittagssonne. Gerade noch war die Luft sorgenlos, jetzt spüre ich eine Beklemmung in der Brust.»

(…)

«Die verlorene jugoslawische Generation, die im Krieg geopfert wurde, hatte keine Zeit, sich im Inneren zu finden. Der seelische Raum war ihr auf tragische Weise ein Fremdwort geworden (…) Sie lernten mit Waffen umzugehen, sie erkundeten Schlachtfelder, hörten wahre und propagandistische Erzählungen über Menschen, die mit Totenköpfen Fussball spielten (…) Wer von ihnen hat nach dem Krieg Zeit gehabt, als das zu verarbeiten, Zeit, um in Ruhe die Sprache der Gewalt zu verstehen oder einfach nur im Einklang mit sich selbst alt zu werden. Diese Zeit wurde ihnen gestohlen. Mit dreissig sahen sie, zahlos und drogenabhängig, auf erschreckende Weise wie Siebzigjährige aus. Wenn ich nach dem Krieg auf dem Balkan zu Besuch war, ging mir oft durch den Kopf, dass Menschen, die einem fremden Willen dienen, schneller un unheimlicher altern als andere …»

Fortsetzung folgt.

 

 

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