Hauptstadt

Recht erstaunt war ich unlängst, als meine Schwester bemerkte, dass sie, wenn sie 20 Jahre jünger wäre, ebenfalls mit Rudern beginnen würde. So was!

Zwar liebte meine Schwester als junge Frau das Spiel mit dem Ball. Tennis war ihr Ding. Doch dann kamen die Kinder, die ihr viel Beweglichkeit abforderten und somit blieb für die sportliche Herausforderung fast keine Lücke mehr; einzig das Skifahren gab sie erst altershalber auf. Dennoch: Die Freude an der selbstgesuchten Anstrengung verlor sich bei ihr immer mehr, bis sie die Begeisterung dafür vor wenigen Jahren wieder fand. Seitdem unternimmt sie ausgedehnte Entdeckungsreisen mit dem elektrisch unterstützten Fahrrad.

Die Geschichte vom Rudern erzähle ich Doris, als sie mich zum Bahnhof fährt – ja, mit dem Auto, weil ich absolut keine Lust verspüre, zu Fuss dahin zu kommen. Als Fazit der der schwesterlichen «wenn …, dann …» Bemerkung, sage ich, dass es im Leben offensichtlich Abschnitte gibt, in denen man für etwas zu alt oder zu jung ist und zeige mit der Hand auf die gebrechliche Frau, die altersbedingt am Rollator geht: «Dafür bin ich momentan defintiv zu jung.»

Auf dem Bahnsteig komme ich nochmals aufs Thema zurück, weil es Doris war, die mich unterstützte, als ich mich kurz entschlossen entschied, für wenige Tage nach Paris zu reisen.

Was mich schon erneut auf Achse bringt? Beziehungsweise dahin zieht?

Es ist «l’Intensité d’un regard», die Intensität eines Blickes. Im «Musée d’Art Moderne» sind zur Zeit 120 Bilder der mit 31 Jahren verstorbenen, deutschen Künstlerin Paula Modersohn-Becker, die wesentlich die Kunst des 20. Jahrhunderts beeinflusste, ausgestellt. «Es gibt Dinge», sage ich zu Doris in diesem Zusammenhang, «für die ist man weder zu alt und noch zu jung, sondern im genau richtigen Alter – egal, ob jung oder alt.»

So bin ich nun auf dem Weg dahin, wo ich eigentlich mit meiner Schwester hinfahren wollte. Doch ihre Agenda war mit meiner nicht kompatibel, oder meine nicht mit ihrer. Schade. Aber weil ich weder aufschieben noch begraben will, was ich will – unter anderem auch aktives Auftanken neuer Eindrücke – reise ich nun alleine in die Hauptstadt Frankreichs – ein halbes Jahr nach dem Massaker im Theater Bataclan und zwei Wochen vor dem Eröffnungsspiel der Fussball Europameisterschaften.

Bildschirmfoto 2015-11-14 um 13.55.22

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13 Gedanken zu “Hauptstadt

  1. Liebe Barbara, schön, wie du es beschreibst … du scheinst im richtigen Zeitfenster zu sein … ich wünsche dir eine spannende Parisreise und freue mich auf deinen Bericht.
    Herzlichst Ulli

    Gefällt 2 Personen

  2. Wenn nicht jetzt wann dann.. wie es so schön heisst. Ich freue mich auch auf deinen Bericht, auch über die Atmosphäre in Paris…
    Und Paris ist für dich whs. nicht so weit weg wie Worpswede..
    Gruss von S.

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  3. Viel Freude in Paris, nicht nur bei den Bildern von Paula M-B.
    In jungen Jahren hätte ich sehr gern Tennis gespielt, weil ich ein ausgesprochener Balltyp bin (Volleyball, Tischtennis), aber so ein Elitemensch konnte ich in der DDR gar nicht werden, um in solch einen Sportclub aufgenommen zu werden. Außerdem hatte ich natürlich durch die beiden Kinder und ständige Weiterbildungen ausreichend zu tun.
    Ob ich es jetzt noch anfangen könnte? – Vor Jahren spielte ich mal gegen meine Schwägerin und gewann – und sie war wütend und ich freute mich, auch wenn die Handhaltung des Schlägers falsch war.
    Grüße von Clara

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  4. Silke G. schreibt:

    Oh, da bringst du mich auf eine Idee! Paris liegt ja für mich fast vor der Haustür, und ich liebe diese ganz wunderbare Malerin sehr. Was die Atmosphäre in der Stadt betrifft, wünsche ich dir, dass du es den Menschen dort (wie hier in Brüssel) gleich tun kannst: erhobenen Hauptes dem Terror das Leben entgegenstellen, je bunter, desto besser.
    Ich wünsche dir eine schöne Zeit in der Stadt des Lichts, der Kunst und der Lebensfreude – und einen lieben Gruß an die großartige Paula 😉

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      1. Silke G. schreibt:

        Diesmal leider nicht – wie du weißt, sind frisch Pensionierte sehr beschäftigt 😉

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  5. beneidenswert. Aber ich weiß schon: es geht gar nicht in erster Linie um Paula B-M, auch nicht um Paris, sondern darum, das, was einem am Herzen liegt, auch zu tun. Jetzt, ohne Ausflüchte. Der Konjunktiv, besonders der zweite (hätte, wäre), ist ein trauriges Ding.

    Gefällt 3 Personen

  6. Solche Ausstellungsbesuchsreisen finde ich großartig und bin auch schon sehr neugierig auf Berichte über die Atmosphäre in Paris kurz vor dem ersehnt-gefürchteten event. Ich wünsche dir viel Freude !

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