Kostbarkeiten

Im Museum werden Kostbarkeiten aufbewahrt. Doch davon etwas später.

Am Donnerstagabend, am 27. Schaffhauser Jazzfestival, steht Joëlle Léandre auf der Bühne, die 65-Jährige Improvisationsmusikerin, die von sich sagt, sie sei eine «sorcière» und ihren Kontrabass tatsächlich fast wie eine Hexe beschwört, manchmal sogar begleitet von ihrem eigenen Singsang. Sie gleitet, springt, hüpft, klopft mit Fingern und Bogen über ihr tieftoniges Saiteninstrument, so dass sich in dessen Klangkörper Töne bilden, die je nachdem befreit entschweben oder fliehen.

Beginnt sie nach einer kurzen (Verschnauf-)Pause mit einer nächsten Komposition nimmt die «sorcière» ihr Instrument in den Arm, möglicherweise ähnlich wie eine Liebhaberin, zögert kurz, schaut kämpferisch ins Publikum und gesteht: «Ich weiss nicht, welche Töne mich erwarten werden.»

Das ist improvisierte Musik und etwas vom Feinsten.

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An diesem Abend spielt sie, wie sie sagt, auch fürs Publikum aber vor allem für die Pianistin Irène Schweizer, die für die improvisierte Musik wegweisend war/ist, demnächt ihren 75sten Geburtstag feiert und der sie – so Léandre – viel zu verdanken hat. Die beiden Frauen sind in den vergangenen Jahrzehnten unzählige Male zusammen aufgetreten, haben sichtbar gemacht, dass es in dieser Sparte nicht nur Männer gibt, indem sie zusammen Frauen-Gruppen gründeten (zum Beispiel «les Diaboliques») und auch dadurch die improvisierte Musik immerzu revolutionierten und in Bewegung hielten; bis heute.

Und an diesem speziellen Abend formuliert Joëlle bevor sie ihren Tönen Freiraum schenkt, den Gedanken, den ich, im Publikum sitzend, dermassen schön finde, dass ich ihn improvisiert wiedergebe und ihn Klängen ähnlich auf die Blogreise schicke, damit er – der Gedanke – auf nährenden Seelenboden sinken kann: «Mein Herz», sagt die Bassistin, «ist ein Museum – und in meinem Herzensmuseum hat Irène ihren festen Platz.»

Eben, nur Kostbarkeiten werden in Museen aufbewahrt.

 

(das Einmalige des Improvisierens – nur digitalisiertes Festhalten macht das Wiederholen möglich – Krakau 5.10.2014)

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6 Gedanken zu “Kostbarkeiten

  1. Silke G. schreibt:

    „Mein Herz ist ein Museum“ und in Forführung der gestrigen Diskussion: ein Resonanzboden. Sich einfach öffnen und hingeben ans Leben und schauen und fühlen, was es uns zurücksendet – wenn das „einfach“ mal immer so einfach wäre! Aber schön ist’s, wenn es passiert!

    Heute früh, in einem Gespräch über die Bedutung von Erinnerung und Gedächtnis in einem Theater-Lesekreis (anhand eines dort besprochenen Manuskripts) sagten die Schauspieler, ihr Spiel auf der Bühne könne nur gelingen, wenn sie jede bewusste Reflexion ausschalten. Auch dort: aus der Hingabe entsteht Kunst, entstehen Kostbarkeiten – die wir als ZuschauerInnen in unserem Herzensmuseum bewahren können, über den Theaterabend hinaus.

    Allen ein schönes Wochenende!

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