weit

Die Rissigkeit des weissen Duvetgewebes deckt den grossen Flick, den ich mit dem Bügeleisen angeklebte, eher schlecht als recht. Und einen Waschgang später zeigt sich die Brüchigkeit des Stoffs noch woanders. Ich lasse es dabei bleiben, packe den dazugehörenden Kopfkissenbezug ein, weil ich beim selben Weiss schon einmal erlebte, dass das Weiss kein klares Weiss ist. Ich fahre zum Fachgeschäft und bestelle vom selben Hersteller einen neuen Bezug.

Die Verkäuferin hat Mühe im Katalog die entsprechenden Angaben zu finden. Sie fragt, ob ich mich einen Moment gedulden könne.

Aber ja, antworte ich. Schliesslich habe ich ja dauerferien.

Sie stutzt, schaut mich an, schon fast verschwörerisch und entgegnet: «Ich auch. Demnächst.» In eher suggestivem als fragendem Tonfall meint sie, ich würde es sicher geniessen.

Und ich – ich gebe meinen Standartsatz zum Besten: Nicht nur.

Dies wiederum kümmert sie nicht. Sie erzählt, was sie neben ihrer Tätigkeit als Verkäuferin sonst noch alles macht – Inneneinrichtungen als gelernte Dekorateurin. Und dann auch noch reisen – zum Beispiel «Venedig, vor einer Woche».

Ich auch – Vogalonga.

Nun flippt sie beinahe aus. Auch sie ist Ruderin. Allerdings reiste sie bereits am Vortag des Events, von dem ich heute noch zehre, wieder nach Hause.

An der Kasse dann, als es ums Bezahlen geht, erzählt sie in einer Ernsthaftigkeit, was sie nach der Pensionierung alles machen wird – «wenn ich daran denke, dass mir nur noch 40 Jahre bleiben, muss ich mich beeilen», sagt sie zugleich begeistert und auch entsetzt. Ich meine darauf lakonisch, dass ich schon 20 aktive Jahre viel fände, dann wäre ich ja bereits Mitte 80.

Die Verkäuferin, in einem Jahr pensioniert, erschrickt. Das hat sie sich noch nie so konkret überlegt.

Das gefühlte und biologische Alter klaffen bei ihr ganz offensichtlich weit auseinander, jedenfalls weiter als bei mir.

7 Gedanken zu “weit

  1. Das ist ja nun aber auch eher selten, oder … dass du ausgerechnet einer Ruderin begegnest, die auch dort in Venedig war? Die Welt ist eben doch klein … und es scheint wohl auch so zu sein, dass wir das aussenden und anziehen, womit wir in Resonanz sind.

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  2. Die Dublizität der Ereignisse… interessant… „womit wir in Resonanz sind“… oh oh.. sind ja nicht immer nur die positiven von uns gewünschten Dinge..
    Solche Begegnungen habe ich auch ab und zu.. überraschend, völlig unvorhersehbar.. eigentlich.. aber immer nur dann möglich, wenn ich nicht im Eigentempoichziehhiermeindingdurchmodus bin.. sondern offen und neugierig auf alles was mir begegnet ohne es festhalten zu wollen/müssen..
    Ich kann auch nur in diesem Modus malen.. nicht genau fixieren, sondern ein bisschen“schielen“ auf die Welt..hier sein und auch n Stück im Unendlichen.. 🙂
    Gruss von S.

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