Privates

Ich lese Worte wie «fliessen», «Natur», «sammeln». Die Frau, die dies schreibt, speichert ihre Gedanken im Programm «Notizen» ihres Smartphones. Anschliessend beantwortet sie das eingegangene sms von «J.» und teilt ihr neue Termine mit, die sie mit «Grüsse Nati» losschickt.

Weshalb ich all das weiss? Weil die Frau im Ohrsessel sitzt, ich ihr über die Schultern blicke und sie die vergrösserte Schrift benutzt, die ich wiederum lesen kann.

Weshalb ich alles mitlese? Weil ich mich da befinde, wo Privatheit animiert wird und diese durch gedimmtes Licht, entsprechenden Objekten und Accessoires ebenso Privates und Intimes zulässt, ohne dass man sich schämen muss, weil, wer sich darin bewegt, nicht anders kann, als an dieser Intimität teilzunehmen; sich ihr jedenfalls nicht entziehen kann.

Entrinnen ist unmöglich.

Am Ort der gedimmten Umwelt ist im Eck, hinten rechts, das Schlafzimmer. Im Bett, über dessen weisses Lacken Sterne flirren und eine Frau einem Mann nachschwebt, liegen sich zwei Kinder in den Armen und ein alter Mann döst; ihre Schuhe schön ordentlich neben dem Bett. Wenige Meter daneben ist das Esszimmer mit Stühlen um den runden Tisch. Eine Frau nimmt aus dem Bastkorb einen Apfel, beisst ihn genüsslich an und legt zum Schluss das «Bütschgi», das Kerngehäuse, auf den Porzellanteller, der aus Grossmutters Geschirrschrank sein könnte. Ich nehme, nachdem ich genug habe vom über die Schultern schauen, auch noch an dieser Szenerie teil, schliesslich steht auf der gehäckelten Decke über der Rückenlehne «bitte Platz nehmen».

Über mir und den andern schwebt ein grosser Leuchter – statt einfallendem Licht, das sich in den Kristallen wiederspiegelt, ist es ein farbenfrohes Video, das über weisse Unterhosen verschiedener Modelle und Grössen streift – nochmals, beziehungsweise hier wie überall Intimes, das private Geschichten erzählt.

So verspielt, privat, intim, charmant sind die Installationen von Pipilotti Rist, der Schweizer Künstlerin, deren Gesamtausstellung im Zürcher Kunsthaus noch bis am kommenden Sonntag zu sehen ist. Von ihrer Kunst, die davon lebt, dass das Publikum Teil des Dekors wird, lasse ich mich heute (das heisst gestern Dienstag) bereits zum zweiten Mal aufsaugen. Und deshalb lese ich mit, wenn im Smartphone Privates gespeichert wird, als gehörte diese Aktion zur Stubeninstallation.

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7 Gedanken zu “Privates

  1. Ist das das neue SCHREIBEN?
    Gedanken speichern in diesen Geräten?
    Bei mir gibt es Notizzettel, Hefte, Briefe, Postkarten – nur in den Sand setze, schreibe ich nichts – außer ab und zu mit dem Enkel.
    Der wird auch neue Arten des Schreibens lernen, vielleicht noch nicht mal eine feine Handschrift ausbilden. Wie schade.
    Danke für den Beitrag, ins Museum Kunsthaus kann ich nicht, zu weit weg.Nach Katalogen schau ich immer. Gibt es einen?

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    1. … aber möglicherweise ist heutzutage der allertreuste begleiter das handy!!!!! jedenfalls habe ich dieses gefühl, wenn ich in tram, zug, restaurant … sitze! mit nichts anderem wird so liebevoll umgegangen wie mit diesem ding.
      ja, es gibt einen katalog. aber was sicherlich auch sehr interessant ist (mit bildern und text) und um einiges günstiger (6 sfr), ist das kunsthaus zürich «Magazin 1» (januar 2016). lieber gruss. barbara

      Gefällt 1 Person

  2. Hallo Barbara, ich hatte deinen verlinkten Beitrag bei Wildgans gesehen. – Die Diktierapp auf dem Smartphone nutze ich oft, wenn ich mir längere Sachen merken möchte – z.B. Anfänge eines Posts oder so. Ohne es aufzuschreiben, hätte ich es zu Haus vergessen. – Ich suche mir eine ruhige Stelle und diktiere dann meine Gedanken in die „Kiste“ – habe ich es verarbeitet, wird es gelöscht. – Ich fühle mich wie zwischen den Welten – der alten analogen und der neuen digitalen.
    Mit lieben Grüßen von mir

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  3. Silke G. schreibt:

    Ich nutze gern die Möglichkeiten, die unsere Zeit uns bietet. Die Foto- und auch die Notizen-Funktion meines Smartphone haben mir schon manches Mal geholfen, Gedanken festzuhalten: so das Marti-Zitat (vgl. „gehen“), das ich im Baden-Badener Festspielhaus fotografiert habe, und das folgende, erst vorgestern entdeckte (Autor/in unbekannt): „Ein Schiff ist sicher, wenn es im Hafen liegt – aber dafür werden Schiffe nicht gebaut.“ Passt auch gut hierher, finde ich …

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