Schnecke

Die einen hüten, wenn sie pensioniert sind, noch regelmässiger ihre Enkelkinder, andere leben in den Tag oder reisen noch häufiger als früher. Und er, der 73-jährige, hütet von Montag- bis Freitagnachmittag «sein Kind», das er vor bald acht Jahren dem Nachfolger übergeben hat.

Am Montag treibt mich mein «Gluscht» auf etwas Süsses durchs Quartier. Als ich um die eine bestimmte Ecke biege, sehe ich sogleich, dass das, was mich unter anderem hierhin schlendern liess, bereits weg ist – die in Teig gebackenen Apfelringe. Dennoch nehme ich die drei Tritte, weil mir «Oski» entgegenlacht, als er mich sieht.

Wir begrüssen uns, wie wir das schon seit Jahren machen: «Sali, wie häsch es?» und die Antwort auf die Frage nach dem Befinden ist durch den Tonfall schon gegeben, ohne dass noch gesagt werden muss «guet».

Er zählt auf, was an Süssem zu dieser Zeit noch übrig geblieben ist. Ich wähle «contre coeur» eine Alternative und erkundige mich, als Pensionierte, ob es ihm, als Pensioniertem, gefalle, noch regelmässig im Laden der Bäckerei zu stehen, die nicht mehr die seine ist.

Drei Tage, wie bei der Übergabe einmal abgemacht, wären ihm lieber. Aber seine Herzallerliebste, sagt er, hätte bei der Bitte nach vermehrter Präsenz nicht nein sagen können.

Auf meine Bemerkung «typisch Salamitaktik» schmunzelt er und meint:  «Wenn du den kleinen Finger reichst, dann …» Dabei würde er gerne einfach so und ohne all die Werktätigen zur Rigi hochfahren oder auch einmal für etwas länger unterwegs sein, als dies früher möglich war.

Ich kann ihn bestens verstehen und sage es auch.

Das Gespräch unter uns Fachverständigen können wir diesbezüglich nicht mehr weiterzuführen. Der Laden füllt sich, wie meistens. Ich verabschiede mich, indem ich ihm symbolisch noch den positiven Gedanken über den Ladentisch werfe und sage, dass wir, die Kundschaft, froh sind, dass «sein Kind», die Quartierbäckerei, noch immer existiert – «nicht zuletzt dank deiner Anwesenheit, Oski!»

Seine Augen strahlen, noch mehr als sonst. Denn dieses Kompliment scheint für ihn ebenso süss zu sein, wie die Schnecke, die ich auf dem Heimweg genüsslich verzehre.

5 Gedanken zu “Schnecke

  1. Ich weiß nicht mehr, wie ich heute morgen auf diese Seite kam, aber ich habe mich fest gelesen. Jetzt bedaure ich es, aufhören zu müssen…die Arbeit ruft.

    Liebe Grüße.
    Mitzi.

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  2. Schnecken… lecker…
    Ende Mai werde ich bei einem Besuch in Bern ein Franzbrötchen von hier gegen ein Buttercroissant aus dem Quartiercafè eintauschen.:-) Denn die waren da die Besten ( vor 7 Jahren), und dort gibt es eine Mitarbeiterin, die Franzbrötchen sehr mag.. 🙂
    S.
    So wie du schreibst, sehe ich immer gleich Bilder vor mir..und der Oski hat in meinem „Film“ bergseeblaue Augen..

    Gefällt 1 Person

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