berührt

Den Tag, den ich gestern beschrieb, hatte dann ja noch seine Fortsetzung – unter anderem mit Turnen.

Wie fast immer stelle ich mich auf den selben Platz gleich neben dem Fenster und wie fast immer steht Montag für Montag dieselbe Frau mir gegenüber. Vor fünf Monaten verlor sie ihren Mann. Dem Paar blieb fürs Abschiednehmen wenig Zeit. Sehe ich in ihre Augen, sehe ich eine tiefe Traurigkeit – oft, wie aus dem Nichts, gefüllt mit Tränen.

Sie erinnert mich immer wieder an meine Zeit der Trauer, gerade jetzt Mitte April. Genau vor acht Jahren ist meine langjährige Partnerin an ihrer Krebserkrankung gestorben. Und deshalb kann ich mit der Frau, mir gegenüber, so gut mitfühlen. Ich weiss, wie es ist, wenn man als Zurückgebliebene bis in seine Grundfesten erschüttert ist. Auch mir entglitt damals der Boden unter den Füssen. Auch meine Verunsicherung war immens, selbst dann noch, als ich mich in Doris frisch verliebte.

Heute ist wieder so ein Tag, an dem sich mein «Turngspöndli» beinahe auflöst. Während wir den Anleitungen der Physiotherapeutin folgen, kann ich förmlich zusehen, wie sie ihre Stabilität, selbst mit der grössten physischen Anstrengung, nicht findet; wie sich ihr innerer Seelenzustand auf ihre Standfestigkeit auswirkt und sich im äusseren Gleichgewicht das innere spiegelt. Je fragiler und aufgeweichter sie ist, desto schwerer fallen ihr die Übungen. Je wackliger ihr Stand, desto dunkler ihre Augenumrandungen und desto länger ihre Umarmung zum Abschied, wenn ich ihr viel Kraft für die kommende Woche wünsche.

Doch dieses Mal schafft sie, was sie immer gerne angenommen hätte und zuletzt dann doch noch ablehnte. Wir – sie und ich, die beiden, die Ähnliches erlebten – verlängern das Zusammensein. Wir setzen uns ins nahe gelegene Kaffee, bestellen ein Bier und reden und reden. Zum Abschied legt sie ihre Arme um mich; sie scheinen weniger schwer zu sein, als sonst und dazu ein Lächeln, was wiederum mich berührt.

11 Gedanken zu “berührt

  1. Das ist sehr schön.. menschlich.. schnüff.. und schön, dass du das gesehen hast. Die eigenen Geschichten machen das manchmal möglich, sowas auch bei anderen zu sehen.. nicht bei allen Menschen, aber bei einigen.. und man muss gar nicht mal unbedingt die ganze Geschichte austauschen.. es reicht, wenn man spürt, da ist einer oder eine.. die weiss wovon die „Rede“ ist… und wie es einem geht… weil sie ähnliches selber mitgemacht hat
    Das verbindet… und“man“ fühlt sich in dem aufgehoben.

    S.

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  2. Ich glaube, du hast ihr damit das geschenkt, was Trauernde so dringend brauchen: einen zuhörenden Gesprächspartner, mit dem man über den geliebten Menschen sprechen kann.
    Ich habe es 1996 erlebt und bin auch lange, lange nicht darüber hinweggekommen.
    Einen lieben Gruß an dich!

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  3. Bernadette Meier schreibt:

    Liebe Barbara berührt: ich habe vor über zwei Jahren meine geliebte Schwester verloren durch Krebs, es hat auch mich erschüttert, noch heute gibt es Momente der tiefen Trauer. Es braucht viel Zeit. Ich schaute mir den Film Freeheld an und auch den von Doris Dörri Grüsse aus Fukushima. Beide Filme erlebte ich als sehr berührend nie rührselig oder sentimental. Und ich war nie alleine im Kinosaal! Beim Gruss aus Fukushima war höchstens der Einstieg etwas hergeholt, aber dann war ich sehr betroffen vom Ausmass der Zerstörung und der Kraft der zurückgebliebenen Menschen.

    Bernadette

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