wachsen

Meine Schwester ist selbst dann, wenn sie weit weg fliegt (à-propos fliegen – siehe gestern), immer wieder bei mir, weil sie selbst jetzt, wo sie in Indien Ferien macht, regelmässig auf meine Ü60-Geschichten klickt. So bleibt sie nahe, auch wenn ihr bei Massagen Europa und Verspannungen weggeknetet und dafür Ruhe und Ausgeglichenheit eingeölt werden.

Dennoch macht sie sich Gedanken zu meinem Schweizer Alltag.

Unlängst schrieb sie mir, was für ihre Freundin, die sie zu Teil zwei der Reise, zur Kur begleitet, nach der Pensionierung das schwierigste ist – nämlich nirgends mehr dazu zu gehören. «Ich kann sie gut verstehen und du bestimmt auch», heisst es im Mail meiner Schwester.

Ich habe mir, bevor ihr Mail in meinem elektronischen Briefkasten aufs Geöffnet werden wartete, ähnliche Gedanken gemacht und dabei realisiert, dass seit dem altersbedingten Ausscheiden die Verbindungen zu Bekannten aus der Berufswelt praktisch inexistent geworden sind. Rückblickend, so meine Erkenntnis, war die Arbeit fast der einzige Faden, der vieles zusammenhielt.

Die raren Ausnahmen, die bleibenden Freundschaften, waren schon davor ganz anders verankert.

Erst unlängst, also nach dem Mail meiner Schwester, traf ich spontan und unverhofft die Freundin, mit der ich vor einer Woche in Basel war. Wir tranken Kaffee, redeten, gingen auseinander. Auf dem Weg nach Hause sah ich im «nirgends mehr dazu gehören» den Vorteil: Ein strukturbefreiter Rahmen und weissflächige Agendablätter schaffen Luft für Neues und für neu Verbindendes; für etwas, das sich unter der Last der Arbeitswelt zu wenig entfalten konnte.

Was daraus wohl alles (er)wachsen wird?

 

4 Gedanken zu “wachsen

  1. Wie bei allen Schwestern gibt es große Unterschiede, allein schon im Augenblick der Geburt. Man hat jedes Mal andere Eltern. Einen anderen Lebenslauf. Deine Schwester ist weniger bodenständig?
    Nirgends mehr dazuzugehören, dieses Gefühl habe ich nicht, denn in den letzten Jahren meiner Berufstätigkeit fühlte ich mich unter den Kollegen nicht wohl, mir fehlte das allgemeine Lehrergehabe, ich habe es nach wie vor gernstens mit Büchern zu tun. Freundinnen und Freunde gibt es auch – und Familie eh. Das langt für ungefähr dreißig Leben 🙂

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  2. Ich habe Geschwister immer sehr vermisst. Mein 12 Jahre älterer Halbbruder ist aus der DDR weggegangen, als ich 4 war – und damit war er aus meinem Leben verschwunden. – Und da mein Vater verunglückte, als ich 8 Monate war, bekam ich auch keine jüngeren Geschwister, da meine Mutter nie mehr einen neuen Partner hatte.
    Deswegen wollte ich immer 3 – 4 Kinder haben – es wurden (aus bestimmten Gründen) aber leider nur 2, die keinen guten Kontakt zueinander haben.
    So ist das Leben!
    Mit nachmitternächtlichem Gruß von Clara

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