Anschluss

Früher wusste ich, wie es ihm geht. Seit geraumer Zeit ahnte ich, dass sein Leben noch schwieriger geworden ist. Doch beklagt hat er sich darüber nie – auch nicht, als ich ihn im vergangenen Sommer seit langem wieder einmal im München besuchte.

Früher telefonierte meine damalige Partnerin regelmässig mit ihm, meist war es sonntags. Nach ihrem Tod war ich es, die ihm Karten schrieb, von wo immer ich auch war. Er freute sich darüber, weil reisen für ihn aus verschiedensten Gründen nicht mehr in Frage kam.

Selten telefonierte ich ihm. Er selber machte es nie, er griff nur dann zum Hörer, wenn es bei ihm läutete. Dessen war ich mir bewusst. Trotzdem machte ich es immer weniger – auch weil ich unsere Gespräche so schwierig fand. Mir ging es meist gut, ihm nicht. Ich hatte Projekte, er nicht. Und zwischen unseren Sätzen gab es mehr Stille als Worte. Schwer haushaltbar.

Zum Jahreswechsel dann der Wunsch, mit ihm wieder einmal zu reden. Der Kontakt war schneller hergestellt, als sonst. Doch die Stimme gehörte der Computerfrau, die mitteilete: «Dieser Anschluss ist nicht mehr in Betrieb.»

!!!

So oft wie dieser Tage habe ich in all den vergangenen Jahren nie mehr an ihn gedacht.

Bei der Suche helfen nun drei Freunde. Allerdings ist auch ihr Draht zu ihm immer loser geworden. Selbstverständlich reden wir bei dieser Gelegenheit über ihn und ich erfahre Geschichten, die er mir nie erzählte, aber vielleicht erzählen wird, wenn wir es schaffen, den Anschluss wieder in Betrieb zu nehmen.

dranbleiben

Ich komme die Treppe hoch. Die Nachbarin, mit der ich unlängst im Kaffee sass (ja, es war schon wieder dieser eine Ort), steht im Gang vor dem Lift. Die Tür bereits in der Hand. Sie öffnet diese noch bis zum Anschlag, schaut mich, währenddessen sie einen Schritt macht, herausfordernd an. Lächelnd sagt sie: «Übrigens – am Tag nach unserem Gespräch fragte ich meine Psychiaterin, was der Sinn des Lebens ist.»

Ja, antworte ich – fragend im Tonfall.

Redend hält sie inne – einen Augenblick nur, bis die Tür sich in den Kontakt schnappt und sie dahinter zum Schatten wird.

Erfahren habe ich in diesem kurzen Moment unseres Begegnens: Dass die Psychiaterin 70-jährig ist, dass sie beim Antworten keinen Moment zögerte und dass sie, die Nachbarin, mir später einmal erzählen will, was sie, die Therapeutin, dazu zu sagen hat. Während der Lift mit der Nachbarin in die Tiefe sinkt, denke ich «Affaire à suivre» – was in diesem Fall soviel bedeutet, wie: dranbleiben.

ernüchternd

Auf dem Weg von dort nach dort schiebe ich schon dort, schon bald ritualsmässig, noch einen Zwischenhalt ein.IMG_1616

Konkret im «Café du Bonheur», das all jenen, die regelmässig meine Geschichten lesen, langsam so bekannt ist, wie mir selber.

Dieses Mal habe ich meinen Platz ganz an der Wand gefunden, ich blättere im Zürcher «Tages-Anzeiger» und bleibe bei der Überschrift «Der ständig schneller drehende Irrsinn» hängen. Die Geschichte schrieb Sybille Berg, die gekonnt Sezierende dieser Gesellschaft. Unlängst sah ich im Theater am Neumarkt ihre Geschlechterstudie «How to sell a Murderhouse».

Ein Mann setzt sich neben mich. Vor ihm bereits Kaffee und Tageszeitung. «Jetzt regnet’s und es sollte doch schneiden», murmelt er in meine Richtung.

Ja.

Ich lese weiter.

Berg, die, so entnehme ich ihrer Geschichte, wie jedes Jahresende in Israel weilt, hat am Neujahrstag zufälligerweise miterlebt, wie in der Nähe ihrer Wohnung in Tel Aviv ein Attentäter auf Menschen schoss. Sie schreibt: «Vielleicht war es ein ganz normaler Irrsinniger, der von den Anschlägen in Tunesien und Paris inspiriert wurde. Vielleicht war es ein Palästinenser, vielleicht ein Jude, vielleicht war er verwirrt, vielleicht echt sauer. Es ist doch so egal, wer er ist. Für viele Menschen wird das Leben nie mehr werden, was es war. Für alle Opfer des ständig schneller drehenden Irrsinns wird die Welt nie mehr sein, was sie war, und Terror und Wahnsinn haben eine neue Stufe erreicht.»

Der Mann, offensichtlich ein Zürich Unkundiger, will nun von mir wissen, wo sich der «Pfauen» befindet und zeigt dabei in der Zeitung auf den Spielplan des Schauspielhauses. Ich lese «Meer» und sage deshalb, dass ich an Jan Fosse’s Sprache vor allem die Minimalität, die Kargkeit und die verborgene Mehrschichtigkeit der Sätze liebe.

Damit kann er wenig anfangen.

Ernüchternd zeigt sich der Schluss von Sybille Bergs Artikel: «Wir alle, die nicht morden», heisst es darin, «sind betroffen, denn unser kurzes Leben ist von einer neuen, realistischen Angst bedroht. Der Angst um unsere Familien. Unsere Liebsten. Der Angst, dass die Welt wohl doch nicht der freundliche Ort ist, den wir uns früher erträumt haben.»

Trotzdem nicke ich, als er sich den Regenhut aufsetzt und wünsche: «Einen schönen Tag mit viel Sonne, wenigstens im Herzen.»

Rezept

Wir treffen uns zum Abendessen – ausser Doris und ich sind alle zwischen 70- und 80-jährig. Auf dem Tisch ist viel Essbares – eine Art Sammelsurium, das aber irgendwie zusammen passt. Von der Gastgeberin sind Suppe und Käse und die Eingeladenen bringen ebenfalls etwas mit, das irgendwie zur Tafel passt; sie bunter werden lässt. Ein Paar steuert den wunderbar grossen, selbstgemachten Zopf und die grünen Oliven aus Frankreich bei, das andere Paar den marktfrischen Salat mit eigener, spezieller Sauce, von Doris und mir kommt die Dekoration –  über den Tisch verstreute Apfelringe vom Bodensee. Von der Ältesten sind Kartoffelsalat und Guetzlis.

Wir schmausen und reden. Zwar haben wir uns in dieser Kombination noch nie getroffen, doch kennt jede (auch der einzige Mann in der Runde) irgend jemanden, die wiederum eine kennt, die an diesem Abend am Tisch meiner Freundin sitzt. Die Stimmung ist vertrauensvoll.

Zu Kaffee und Tee gibt’s schliesslich die Vanillekipferl, die die 80-Jährige, mit der ich unlängst die Jassrunde gewann, backte. Als ich ihr Gebäck lobe und gleich mehrmals nach einem weiteren greife und dieses in meinem Mund verschwinden lasse, schaut sie mich etwas eindringlicher an, als es ihre Gewohnheit ist. Das Rezept, erzählt sie, sei von der Köchin ihrer Grossmutter. Sie habe es eigenhändig abgeschrieben und über all die Jahre behalten.

Ich bin gerührt. Denn diese Geschichte steht am Anfang von Shoa und ihrer Flucht. Über die USA, wohin die Familie 1940 auswanderte, kam das Kind nach Jahrzehntelanger Emigrationen als Erwachsene nach Zürich und damit auch das Rezept von Grossmutters Köchin, das seinen Ursprung in Wien hat.

festhalten

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«Bitte Abstand halten» – Pausenbild (8) – klebt im Zürcher Museum «Haus Konstruktiv» am Boden. Darüber, an der Wand, hängen eine Reihe farbiger, kleinformatiger Bilder – alle in der Art wie dieses.

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Die Bilder sind von Etel Adnan, 91-Jährig, Schriftstellerin und Malerin, geboren in Beirut.

Meine Schwester und ich besuchen zusammen die Ausstellung. Es war noch vor der Jahreswende.

Als erstes sehen wir uns das Video an – ein Interview, indem die Künstlerin von den Farben redet, die sie lieber mit dem Spachtel aufträgt, damit sie hinterher keine Pinsel reinigen muss. Sie erzählt, dass sich auf jeder Fläche ihrer kleinformatigen Bilder das Gesamte findet. Dass sie die Berge, die sie während 35 Jahren in Kalifornien vor sich hatte, selbst dann malt, wenn sie sich in Paris aufhält.

Wir könnten ihr viel länger zuhören, als dass das Video dauert. Ihre Lebensfreude, ihre funkelnden Augen, ihre Dynamik in Ausdruck und Intonation, ihre Aussagen faszinieren uns.

Einfach toll.

Auch, was wir gerade entdeckt haben.

Lange stehen wir dann auch vor ihren Bildern, den Abstraktionen von Landschaften und erzählen uns, was wir sehen. Wie sie wirken.

Als wir den Raum verlassen, sage ich zu meiner Schwester: «Um Etel Adnan zu beschreiben, gibt es nichts Stimmigeres als den Titel der Ausstellung.» Ich nehme mein iPhone nochmals aus der Tasche und halte fest, was mir so gefällt.

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