Schattenseiten

Als wir auf der Sonnenterasse sitzen, Capucciono trinken und uns ein Stück Bündner Nusstorte teilen, winken die beiden Frauen, die zusammen mit ihren Männern im selben Hotel wie wir ihre Ferien verbringen, schon von weitem.

Ja, doch gerne, meinen sie, als sie sich zu uns an den Tisch setzen.

Wir erzählen einander von den Wanderungen durch die verschneiten Landschaften – sie auf den präparierten Wegen, wir durch unberührtes Weiss dank der Schneeschuhe.

Die eine meint, als das Gespräch schon etwas fortgeschrittener ist, dass ich das pensioniert Sein sicher geniesse. Eine Annahme, die ich schon oft hörte und die meist Übergangslos mit «das schönste, was einem geschehen kann», verbunden ist.

Ich erzähle, was ich Doris während eines Nachtessens sagte, nur noch etwas pointierter: Wen kümmert’s, was ich mache, wann ich aufstehe. Ich könnte es ebenso gut sein lassen, niemand würde etwas bemerken – ausser vielleicht mein engstes Umfeld. Und bevor ich die Gegenfrage stelle, mit der ich wissen will, ob ihr der Schritt vom aktiven Berufsleben ins «Nicht-mehr-müssen»-Leben leicht gefallen sei, erwähne ich noch, dass ich mich in diesem neuen Abschnitt des Älterwerdens noch immer nicht richtig eingefunden habe.

Daraufhin erinnert sich die eine an ihren letzten Arbeitstag. Zum Abschluss habe sie 50 Rosen erhalten. Im Zug habe sie mit dem riesigen Blumenstrauss auf dem Schoss während der ganzen Heimfahrt nur noch geweint und sich gefragt: «War es das nun gewesen?»

Und? War es das gewesen?

Eigentlich schon. Ja, wenn ich ehrlich bin.

Klar – meint daraufhin die andere: Manchmal wünschte sie sich auch, dass nochmals so was richtig Grosses kommt. Und, als sie realisiert, was sie eben sagt – so jedenfalls meine Wahrnehmung -, relativiert sie sofort: «Es ist schon gut, so wie es jetzt ist.»

Ich interveniere nicht. Doris ebenfalls nicht. Doch fragen wir uns beide, als wir wieder alleine an der Sonne sitzen, was so schlimm daran ist, auch über die Schattenseiten zu reden; nicht bloss im Zusammenhang mit Pensionierung und Alt werden.

 

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Winterzauber

Ich wandere mit Doris durchs Dorf in den Bündner Bergen. Sie hat einige Tage frei und ich, die Pensionierte in Dauerferien, finde es toll, dass wir zusammen dort sind, wo wir vor zwei Jahren schon einmal miteinander waren: in Splügen – ein Ort am Hinterrhein mit vier Hotels, einigen Bauernhöfen, einem Sportgeschäft, einer Molkerei, einer Metzgerei, einer Posthaltestelle. Langer Aufzählung kurzer Sinn: ein halbwegs intaktes Dorf – ganz nach unserem Geschmack, nicht zuletzt weil wir hier mit den Schneeschuhen durch die verschneite Gegend schlarpen können. Auf unserem frühmorgendlichen Dorfrundgang sind wir auf der Suche nach Veränderungen und finden bei dieser Kälte, etwas, das wir beide schon lange nicht mehr gesehen haben. Es ist eine Reminiszenz an unsere Kindheit – die Eisblumen am Fenster und sinnigerweise hat sich dieser Winterzauber das Fenster des Antiquriats ausgesucht.

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eingraviert

Spontan telefoniere ich meinem Arboner Freund und mache mit ihm ab – in 20 Minuten im Restaurant «Sternen». Es ist ein typischer Landgasthof mit seinem eigenen Charme, den ich liebe – vor dem Haus der Bahnhof und die Geleise, dahinter eine stillstehendes Fabrikgebäude.

Vor der Tür steht die Servierfrau, schlotternd. Sie komme gleich.

Kein Stress. Sie könne die begonnene Zigarette in aller Ruhe zu Ende rauchen.

Der «Sternen» kannte bessere Zeiten. Früher sassen hier die Arbeiter der nahegelegenen Mosterei. Doch inzwischen hat der Betrieb dicht gemacht und im Lokal ist es entsprechend ruhiger.

Wie ein Wahrzeichen leuchtet vom Boden, was ein Stühlerücken notwendig machte: All die Geschichten – fröhliche, alkohlgeschwängerte, traurige, tragische, erfolgreiche -, die man sich am runden Stammtisch erzählte. Ebenfalls eingraviert sind die kummervollen – ausgelöst durch das Ende des Mostereibetriebs.

Draussen zwängt sich der Wintersturm durch die Ritzen, als ich drinnen fotografiere.

Es wimmert und singt, als ob der Boden das Erzählen übernommen hätte – der Freund führt mich in seine neue Werkstatt. Sie ist in der alten Mosterei, wo die Stammtischgeschichten, die sich im «Sternen»-Boden eingraviert haben, ihren Anfang nahmen.

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Armlänge

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©M.J. Rose

Heute habe ich auf der Facebook-Seite meines schwedischen Freundes dieses Bild entdeckt! Er wiederum hat den Link geteilt. Publiziert wurde das Foto ursprünglich von M.J. Rose. Sie schrieb dazu: «That makes me cracy and sad».

Mir wiederum gefällt die Symbolik dieses Bildes.

Schon oft fragte ich mich, ob die Wahrnehmung der Welt weiter als eine angewinkelte Armlänge weit reicht?