mitgeben

Beim Italiener sitzen wir – dieses Mal zu fünft – und essen Pizza aus dem Holzofen. Der Älteste am Tisch, ein Ruderkollege, der dieses Jahr seinen 80sten Geburtstag feiert, erzählt von früher. Er arbeitete vor 50 Jahren, als junger, ambitionierter Mann, für einen Schweizer Industriebetrieb in Afrika. Alles klingt sehr abenteuerlich: Der Aufbau der Fabrikationshalle in Südafrika, als zwei Eingänge in dasselbe Gebäude nichts Aussergewöhnliches waren – einer für die Weissen, einer für die nicht Weissen. Das Partyleben der befrakten Ausländer, das Liebesleben mit den einheimischen, nicht weissen Frauen.

Doch plötzlich landet das Anekdotische im Aktuellen. Er erzählt vom Alltag. Von Tagen an denen er mit niemandem sprechen könnte, wenn da nicht seine Freundin in Deutschland wäre. Ein eigentlicher Glückstreffer nennt er sie.

Denn vor fünf Jahren ist seine Ehefrau gestorben und mit ihrem Tod sind jahrelange Freundschaften weggebrochen. Haben plötzlich nicht mehr existiert. Er formuliert seine nachvollziehbare Enttäuschung. Er erzählt, wie schwierig es ist, auf vermeintlich Verlässliches zu zählen und dann aber vor einer Leere zu stehen. Er sagt: In seinem Alter sei es fast nicht mehr möglich, ein neues Netz aufzubauen.

Nicht dass er resigniert hätte. Nein, er jammert nicht. Er stellt fest, reflektiert.

Als wir uns von ihm verabschieden und zu viert im Auto sitzen, sind wir nachdenklich und zugleich froh, dass wir beim Nachmittagskonzert, das wir miteinander besuchten, unseren gemeinsamen Bekannten zufälligerweise trafen und ihn in der Pause fragten, ob er sich zum Abendessen uns anschliessen wolle.

Er sagte spontan zu.

Am Frühstückstisch ist unser Ruderkollege nochmals Thema. Doris und ich denken, dass er möglicherweise seine Erkenntnisse uns auf unsere Lebenswege mitgeben wollte.

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4 Gedanken zu “mitgeben

  1. Das tat gut, das zu lesen vor dem ersten Tee! Dieser bemerkenswerte alte Herr hat nicht nur Euch was mitgegeben! (Ich denke auch, dass er sehr gerade geht, kein in sich zusammengesunkenes Schrumpelmännlein ist!)

    Gefällt 1 Person

    1. ja, er hat bei mir jedenfalls einige gedanken ausgelöst. auch, wie verhalte ich mich in ähnlichen situationen. wie fülle/lebe ich meine rolle, um zu unterstützen oder auch um «vorzusorgen».
      übrigens: tee trinken ist auch mein tages-einstiegs-ritual! lieber gruss. barbara

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  2. Diese Situation, dass ein Teil des Freundeskreises wegbricht, kenne ich besonders bei Scheidungen – es sei denn, das getrennte Paar kann gut und vernünftig miteinander umgehen. – Ist dieser Ruderfreund Ausländer oder ist er Schweizer?

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