Anschluss

Früher wusste ich, wie es ihm geht. Seit geraumer Zeit ahnte ich, dass sein Leben noch schwieriger geworden ist. Doch beklagt hat er sich darüber nie – auch nicht, als ich ihn im vergangenen Sommer seit langem wieder einmal im München besuchte.

Früher telefonierte meine damalige Partnerin regelmässig mit ihm, meist war es sonntags. Nach ihrem Tod war ich es, die ihm Karten schrieb, von wo immer ich auch war. Er freute sich darüber, weil reisen für ihn aus verschiedensten Gründen nicht mehr in Frage kam.

Selten telefonierte ich ihm. Er selber machte es nie, er griff nur dann zum Hörer, wenn es bei ihm läutete. Dessen war ich mir bewusst. Trotzdem machte ich es immer weniger – auch weil ich unsere Gespräche so schwierig fand. Mir ging es meist gut, ihm nicht. Ich hatte Projekte, er nicht. Und zwischen unseren Sätzen gab es mehr Stille als Worte. Schwer haushaltbar.

Zum Jahreswechsel dann der Wunsch, mit ihm wieder einmal zu reden. Der Kontakt war schneller hergestellt, als sonst. Doch die Stimme gehörte der Computerfrau, die mitteilete: «Dieser Anschluss ist nicht mehr in Betrieb.»

!!!

So oft wie dieser Tage habe ich in all den vergangenen Jahren nie mehr an ihn gedacht.

Bei der Suche helfen nun drei Freunde. Allerdings ist auch ihr Draht zu ihm immer loser geworden. Selbstverständlich reden wir bei dieser Gelegenheit über ihn und ich erfahre Geschichten, die er mir nie erzählte, aber vielleicht erzählen wird, wenn wir es schaffen, den Anschluss wieder in Betrieb zu nehmen.

2 Gedanken zu “Anschluss

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