Rezept

Wir treffen uns zum Abendessen – ausser Doris und ich sind alle zwischen 70- und 80-jährig. Auf dem Tisch ist viel Essbares – eine Art Sammelsurium, das aber irgendwie zusammen passt. Von der Gastgeberin sind Suppe und Käse und die Eingeladenen bringen ebenfalls etwas mit, das irgendwie zur Tafel passt; sie bunter werden lässt. Ein Paar steuert den wunderbar grossen, selbstgemachten Zopf und die grünen Oliven aus Frankreich bei, das andere Paar den marktfrischen Salat mit eigener, spezieller Sauce, von Doris und mir kommt die Dekoration –  über den Tisch verstreute Apfelringe vom Bodensee. Von der Ältesten sind Kartoffelsalat und Guetzlis.

Wir schmausen und reden. Zwar haben wir uns in dieser Kombination noch nie getroffen, doch kennt jede (auch der einzige Mann in der Runde) irgend jemanden, die wiederum eine kennt, die an diesem Abend am Tisch meiner Freundin sitzt. Die Stimmung ist vertrauensvoll.

Zu Kaffee und Tee gibt’s schliesslich die Vanillekipferl, die die 80-Jährige, mit der ich unlängst die Jassrunde gewann, backte. Als ich ihr Gebäck lobe und gleich mehrmals nach einem weiteren greife und dieses in meinem Mund verschwinden lasse, schaut sie mich etwas eindringlicher an, als es ihre Gewohnheit ist. Das Rezept, erzählt sie, sei von der Köchin ihrer Grossmutter. Sie habe es eigenhändig abgeschrieben und über all die Jahre behalten.

Ich bin gerührt. Denn diese Geschichte steht am Anfang von Shoa und ihrer Flucht. Über die USA, wohin die Familie 1940 auswanderte, kam das Kind nach Jahrzehntelanger Emigrationen als Erwachsene nach Zürich und damit auch das Rezept von Grossmutters Köchin, das seinen Ursprung in Wien hat.

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