Rahmen

Doris, die arbeitsbedingt eine randvolle Agenda hat, meinte vor zwei Tagen, als sie «Bonheur» gelesen hatte, dass das Fahrrad aus dem Keller holen, danach Kaffee trinken und anschliessend im Büro rumnuschen, alles andere als ein Agendatag sei, der wie ein Bild befreiter Rahmen aussehe.

Dem muss ich einfach widersprechen. Denn ich finde schon, dass es ein Unterschied ist, ob ich beim Betrachten der Bildfläche schon das Bild erkennen und ihm allenfalls noch einige Pinselstriche Veränderbares zufallen lassen kann. Oder, ob ich während des Tages noch nicht definierte Farben und Materialien zusammenfüge und ineinander schichte, so dass sich mit einem gewissen Abstand, am Ende des Tages, die Fläche zu einem Bild entwickelt hat.

Selbstverständlich ist mir klar, dass Menschen im Arbeitsprozess wenig Spielraum haben. Dafür sind meine Erfahrungen diesbezüglich noch zu frisch. Aber sicher stehe ich seit der Pensionierung an dem Punkt, wo es für mich keine Alternative gibt, als den Bild befreiten Rahmen neu zu bespielen. Auch wenn sich Farben und Materialen in vielem ähnlich bleiben.

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Welten

Da meine Agenda an diesem Tag bloss aus einem Rahmen besteht (siehe gestern «Bonheur»), will ich am späteren Nachmittag für einen Film ins Kino, den ich schon lange auf dem Radar habe. Kurz entschlossen schreibe ich  ein sms an sieben Frauen – alle zwischen Ü65 und Ü70 -, worin ich meine Absicht mitteile und frage, welche mich dabei begleiten möchte – treffen uns kurz vor 16 Uhr an der Kinobar.

Leider nein                Ein anderes mal           Schön, dass du an mich denkst, aber             Habe schon andere pläne                Schade, aber hinterher noch apéro?

«Köpek» heisst der Film, in dem die schweizerisch-türkische Doppelbürgerin Esen Isik das Leben dreier Menschen während eines Tages in der Millionenstadt Istanbul miteinander verwebt. Die Geschichten handeln von einem Kind im Schulalter, das sich als Strassenverkäufer verdingen muss. Von einer Mutter, die von ihrem ehemaligen Verlobten aufgesucht wird und der Ehemann deswegen ausrastet. Und von einer transgender Prostituierten, die von ihrem Geliebten verlassen wird. Alle drei haben eines gemeinsam: Sie sind in der Welt der patriarchal geprägten Gesellschaft massivster, alltäglicher Gewalt ausgesetzt.

Zu zweit sitzen wir im Film und halten diese Gewalt, die für viele Ausübende und Empfangende «Normalität» ist, kaum aus. Es ist geradezu befreiend, der Möve zuzuschauen, die das Kursschiff begleitet, auf dem der Knabe mit seinem Freund den Bosporus überquert, um den andern Stadtteil zu entdecken. Weil in solchen Momenten Verbindendes einfach gut tut, flüstere ich meiner Freundin ins Ohr: «Die Möven sind wohl die einzigen freien Wesen im Land, das möglicherweise schon bald zur EU gehört.»

Als wir den Kinosaal verlassen, gäbe es noch so Vieles darüber zu reden. Doch die beiden, die uns nun zum Apéro erwarten, kommen aus ihrer Welt, die in diesem Moment nichts mit unserer zu tun hat, aber doch sehr viel mehr, als mit derjenigen, mit der wir gerade konfrontiert waren. Als jede ihr Getränk hat, sagen wir zwei Kinogängerinnen beim Anheben des Glases dann doch noch: «Zum Glück sind wir mit einem Leben in dieser Welt beschenkt worden.»

Bonheur

Ich steige mit dem Vorhaben in den Keller, die Räder meines Velos aufzupumpen und mich danach auf den Weg ins Büro / Atelier zu begeben. Doch soweit kommt es vorerst gar nicht. Denn eine meiner Nachbarinnen tauscht Sommerkleider gegen Winterklamotten und da wir uns schon lange nicht mehr gesehen haben, erkundige ich mich nach ihrem Befinden. Seit Wochen, erklärt sie, wanke sie mit permanentem Schwindel, der sie selbst im Schlaf spüre, durch die Welt.

Grausam.

Wir reden, sie erzählt, bis ich frage, ob wir unser Begegnen nicht bei einem Kaffee fortsetzen wollen.

Ja, schon.

Ich denke, das Büro kann warten und schlage deshalb das «Café du Bonheur» vor, da wo ich schon so viele gute Momente verbrachte.

Aber …

Ich versichere, dass ich einen frei gestaltbaren Tag vor mir hätte. Und erwähne noch, ich sei stolz, dass mir dies auch sonst über weite Strecken gelinge.

Beim Kaffeetrinken definieren wir «Sinnstiftendes» als etwas, das nur den eigenen Ansprüchen genügen sollte. Und kommen, als wir mein Einfinden in ein Leben ohne den von aussen vorgegebenen Strukturen thematisieren, zum Schluss, dass ein weitgehend struktur-reduziertes Leben nicht heisst, sich mit Aktivismus zuzudecken.

Wir sind uns einig, dass es bei all den schwindelerregenden Möglichkeiten – um im Jargon zu bleiben – schwierig ist, selektiv zu bleiben, da es bestimmt um einges einfacher wäre, weisse Seiten einzuschwärzen. Aus dem Nichts entwickeln wir die Idee einer Agenda bestehend aus Terminblättern, die bloss umrandet sind – also mit herausgeschnittenen Flächen.

An diesem Gedanke gefällt uns die Vorstellung, dass der Rahmen um Leere, Räume schafft für eine eigene, sinnige (eigensinnige) Farbigkeit.

Adventskalender

Eigentlich bin ich eine Bastlerin, aber nicht von Adventskalendern. Würde ich jedoch einen gestalten, wäre hinter dem Fenster mit der Nummer «19» dieses Bild:IMG_2587

«Magic Hour» – Samstagabend. Zu viert rudern wir in die Lichter des vorweihnachtlichen Zürichs.

Und hinter dem Sternentörchen mit der Nummer «20» des nicht gebastelten Adventskalenders zeigt sich:

IMG_2595

Es ist derselbe Ort an dem meine Nachbarin und ich, wir zwei Umbrecherinnen, vor fünf Tagen Halt machten. Heute schaue ich nun mit Doris auf dem «Kretenweg zur Besserung» über die Nebeldecke hinweg. Diese Wortkombination findet eine Freundin interessant. Mir gefällt sie ebenfalls, vor allem in der Kombination mit dem Bild. Denn im Ensemble liegt ja auch Interpretationspotential.

Einerseits könnte damit mein gesundheitlicher Zustand gemeint sein. Andrerseits wäre denkbar, darunter zu verstehen, dass Weitblick der Seele besser tut, als Eingeschränktes, Vernebeltes. Oder dass es sich bei Klarheit besser reden und denken lässt.

Jedenfalls waren, um nochmals auf den immaginären Adventskalender zurückzukommen, die realen Momente rund um die realen Bilder zu Tag «19» und «20» einfach bereichernd.

Menschen

Der Tag an dem ich meine Erkältung kuriere, versetzt mich immerhin in den Zustand der Ruhe, die mir wiederum ermöglicht, nichts anderes zu machen, als zu lesen – von mittags bis abends.

Als ich das Buch nach 348 Seiten ausgelesen habe, sehe ich auf den folgenden zwei Seiten all die Namen, die Jenny Erpenbeck geholfen haben, dass sie den Roman GEHEN GING GEGANGEN schreiben konnte. Ich lese die Namen von denjenigen Menschen, mit denen sie Gespräche führen konnte. Hassan Adam, Malu Austen, Saleh Bacha, Yaja Fatty, Adam Koné, Bashir Zaccharya – um nur einige zu nennen – die der Autorin ihre Geschichten erzählten und durch ihre Redebereitschaft wiederum dazu beigetragen haben, dass dieses Buch Einblick in eine Welt der Flüchtenden gewährt. Gedanken anregt. Es zeigt auf, wie absurd die Verkettung all der europäischen Gesetze ist. Und es schafft vor allem in seinen dokumentarischen Passagen, dass die flüchtende «Masse» die Summe einzelner Menschen mit ihren individuellen Geschichten ist, die in Europa warten, wie über sie entschieden wird.

«Die Zeit macht etwas mit einem Menschen, weil ein Mensch keine Maschine ist, die man an- und ausschalten kann. Die Zeit, in der ein Mensch nicht weiss, wie sein Leben werden kann, füllt so einen Untätigen vom Kopf bis zu den Zehen» (aus GEHEN GING GEGANGEN von Jenny Erpenbeck).

 

bestärken

Auf der Bühne fliegen messerscharfe Sätze. Seziert wird der Mann in seiner Rolle. Das Stück von Sybille Berg «How to sell a Murderhouse» handelt von Geschlechterkampf, Emanzipation und Gleichstellung. Meiner Schwester und mir gefällt’s sehr, unserer Bekannten etwas weniger. Wir applaudieren vor allem anerkennend der jungen Schauspielerin, die die verunfallte Hauptdarstellerin (Caroline Peters) für die restlichen drei Vorstellungen zu ersetzen hat.

Anschliessend sitzen wir im Foyer zusammen, veruchen zusammenzufassen, weshalb uns die Genderkritik gefällt. Wir werden uns nicht ganz einig. Macht nichts. Jedenfalls fragt mich die Bekannte, ob ich auch einmal Schauspielerin hätte werden wollen?

Ja!

Ich erzähle, dass ich deshalb hier, an diesem Theater, während der  Mittelschulzeit als Garderobiere arbeitete. So konnte ich jeweils nach Beginn der Vorstellung fürs Stück in den Zuschauerraum. Und nachdem das Publikum jeweils gegangen war, tranken wir hier, wo wir nun ebenfalls sitzen, mit den Darstellenden Bier und Wein.

Das war vor 47 Jahren, als unsere Eltern fanden: «Schauspielerin ist doch kein Beruf». Überhaupt wuchsen meine Schwester und ich in einem Milieu auf, das uns eher zurückband als uns im Entfalten förderte.

Als ich zwei Tage später im wärmenden Bad meine Erkältung kuriere, sinniere ich über direkten und indirekten Kontakt zum Publikum und bin dann doch noch froh, dass ich erst beim nächsten Mal  «das ist doch kein Beruf» (Journalismus) hartnäckig blieb und als Quereinsteigerin zum  Fernseh-Journalismus fand – trotz vieler Zweifel. Doch gab es einige (nicht meine Eltern), die mich glücklicherweise darin bestärkten.

 

bloggen

«Heimat ist nicht unbedingt der Ort, an dem man geboren wurde, sondern der Ort, an dem man sich aufgenommen fühlt», lese ich im Zürcher Tages-Anzeiger (16.12.2015). Die Aussage ist von Ensaf Haidar.

Ihre eigentliche Heimat, Saudiarabien, ist nicht mehr ihre Heimat. Ägypten auch nicht mehr. Und auch der Libanon ist ihr ebenfalls keine Heimat mehr. Heute lebt sie mit ihren drei Kindern in Kanada.

Denn Raif Badawi, der Blogger und diesjähriger Sacharow-Preisträger, ist ihr Ehemann. In seinen Bloggeschichten schrieb er über seine Visionen einer freien, liberalen Gesellschaft. Weil er dies in Saudiarbien tat, wurde er wegen «Gotteslästerung» zu 1000 Stockschlägen und 10 Jahren Haft verurteilt.

Dies ist auch der Grund, weshalb seine Frau und seine Kinder flüchten mussten. Aber auch in Ägypten und im Libanon wurden sie bedroht und waren nicht sicher.

Politisches Asyl und Freitheit hat Ensaf Haidar mit ihren Kinder in Kanada gefunden. Deshalb konnte sie nach Brüssel reisen und am Mittwoch den Sacharow-Preis, den «Preis für die geistige Freiheit», für ihren Mann entgegen nehmen. Denn Raif Badawi, der eigentliche Preisträger, sitzt für seine Meinungsäusserung noch immer im Gefängnis.