Welten

Da meine Agenda an diesem Tag bloss aus einem Rahmen besteht (siehe gestern «Bonheur»), will ich am späteren Nachmittag für einen Film ins Kino, den ich schon lange auf dem Radar habe. Kurz entschlossen schreibe ich  ein sms an sieben Frauen – alle zwischen Ü65 und Ü70 -, worin ich meine Absicht mitteile und frage, welche mich dabei begleiten möchte – treffen uns kurz vor 16 Uhr an der Kinobar.

Leider nein                Ein anderes mal           Schön, dass du an mich denkst, aber             Habe schon andere pläne                Schade, aber hinterher noch apéro?

«Köpek» heisst der Film, in dem die schweizerisch-türkische Doppelbürgerin Esen Isik das Leben dreier Menschen während eines Tages in der Millionenstadt Istanbul miteinander verwebt. Die Geschichten handeln von einem Kind im Schulalter, das sich als Strassenverkäufer verdingen muss. Von einer Mutter, die von ihrem ehemaligen Verlobten aufgesucht wird und der Ehemann deswegen ausrastet. Und von einer transgender Prostituierten, die von ihrem Geliebten verlassen wird. Alle drei haben eines gemeinsam: Sie sind in der Welt der patriarchal geprägten Gesellschaft massivster, alltäglicher Gewalt ausgesetzt.

Zu zweit sitzen wir im Film und halten diese Gewalt, die für viele Ausübende und Empfangende «Normalität» ist, kaum aus. Es ist geradezu befreiend, der Möve zuzuschauen, die das Kursschiff begleitet, auf dem der Knabe mit seinem Freund den Bosporus überquert, um den andern Stadtteil zu entdecken. Weil in solchen Momenten Verbindendes einfach gut tut, flüstere ich meiner Freundin ins Ohr: «Die Möven sind wohl die einzigen freien Wesen im Land, das möglicherweise schon bald zur EU gehört.»

Als wir den Kinosaal verlassen, gäbe es noch so Vieles darüber zu reden. Doch die beiden, die uns nun zum Apéro erwarten, kommen aus ihrer Welt, die in diesem Moment nichts mit unserer zu tun hat, aber doch sehr viel mehr, als mit derjenigen, mit der wir gerade konfrontiert waren. Als jede ihr Getränk hat, sagen wir zwei Kinogängerinnen beim Anheben des Glases dann doch noch: «Zum Glück sind wir mit einem Leben in dieser Welt beschenkt worden.»

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