wieder

Und wieder werde ich von dort nach dort fahren. (Vielleicht werde ich, wenn dieser Satz gelesen wird, bereits dort sein – vielleicht im Büro, vielleicht beim Turnen oder Nachtessen mit meinen Freund, der sonst in Schweden lebt).

Bevor ich aber von dort nach dort reise, packe ich einmal mehr meine Tasche mit allem möglichen: mit Computer, Brillen, Agenda, Schlüsseln … Und auch mit Büchern («Der Krieg hat kein weibliches Gesicht» von Swetlana Alexijewischt und «GEHEN, GING, GEGANGEN» von Jenny Erpenbeck), damit ich dort lesen kann, womit ich dort begonnen habe.

Und einmal mehr schaue ich davor Doris in die Augen – am Spiegel, während des Frühstücks, beim Abschied. Und einmal mehr werde ich kurz darauf ein letztes Mal zurückblicken.

Alles Wiederholungen, die sich als «einmal mehr» notieren lassen.

Doch jede Wiederholung ist letztlich etwas Wiederkehrendes, das auch im Wiederkehrenden nichts anderes ist, als ein einzigartiger Moment.

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aktuell

Regelmässig unregelmässig besuche ich Hilde Domins facebook-Seite. Und fast jedes Mal ist es, als ob sie noch lebte. Dabei ist sie, 97-jährig, 2006 gestorben. Doch ihre Lyrik, die auf diesem Forum jeweils publiziert wird, hat an Aktuellem nichts verloren. Zum Beispiel:

~ Ein blauer Tag
 die Kriegserklärung
 Die Blumen öffneten ihr Nein
 Die Vögel sangen Nein ~

 

Spiel

Wir verabschieden uns von einander gegen 21 Uhr. Die eine wird von der anderen heimgefahren. Mich fragt sie, ob ich ebenfalls mit will. «Danke fürs Angebot», sage ich und weise darauf hin, dass ich mit dem Fahrrad unterwegs bin. Worauf die andere, die im selben Quartier wohnt wie ich und wir deshalb schon oft miteinander nach Hause radelten, zu meinem Erstaunen sagt: «Nein, in der Nacht fahre ich nicht mehr Velo, das ist mir zu gefährlich.»

Ich denke an früher. Oft machte sie sich über uns lustig. «Weichlinge» nannte sie uns, weil wir unsere Fahrräder bei Schnee und Kälte lieber im Keller überwintern liessen.

Die Zeiten ändern sich. Das sage ich aber nicht.

Verändert hat sich auch unsere Jassrunde. Die ursprüngliche Viererrunde gibt es seit dem Tod meiner früheren Lebenspartnerin nicht mehr. Nun ist die Zusammensetzung immer wieder mal anders, der Kern trifft sich seitdem auch nicht mehr in derselben Häufigkeit und inzwischen sagt eine meiner Freundinnen: «Ich spüre das Alter, meine Konzentration lässt einfach nach.»

Obwohl sich die Zeiten ändern und wir inzwischen alle pensioniert sind, bleibt einiges unverändert. Die Leidenschaft fürs Tennis zum Beispiel. Dieses Mal wird unsere Runde deswegen relativ schnell aufgelöst. Denn die beiden leidenschaftlichsten – die bald 80-Jährige und die bald 70-Jährige – wollen ungestört mit Roger Federer mitfiebern, der gegen Novak Djokovic spielt und letztlich den Match wegen oder trotz seines Alters für sich entscheiden kann.

Soviel zum vergangenen Dienstag – 16 Stunden bevor bei mir  Wochenende war.

Wochenende (2)

Erschrocken sind wir beide – er und auch ich.

Noch sitze ich in meinem Büro, das ich im Hinblick auf meine bevorstehende Pensionierung schon ein Jahr vor dem eigentlichen «Ereignis» mietete. Hier schreibe ich nun, überlege. Ich ordne und entleere den Computer-Papierkorb «sicher», weil das Foto-Programm das Öffnen verweigerte. 22’365 Objekte sind zu löschen. Es dauert. Das Warten hat sich gelohnt.

Nach Erfolg und anschliessendem Abrunden meiner Aktivitäten, verabschiede ich mich beim Verlassen der Räumlichkeiten von meinem Vermieter, der am Computer arbeitet. Vor ihm liegt Erledigtes auf dem Boden – Couverts die zur Post gebracht werden sollten.

Und dann geschieht das Überraschende, das uns beide kurz so etwas wie erschreckt und ins Stocken bringt: «Tschau», sage ich und wünsche: «Ein schönes Wochenende.» JETZT – im Moment, als ihn am Gesagten etwas irritiert -, realisiere ich: Es ist nicht Freitagabend, sondern Mittwoch, kurz nach 13 Uhr. Für die meisten ist es Halbzeit einer normierten Arbeitswoche und für mich, die am Büroausgang steht, gefühlsmässig bereits Wochenende.

Blüten

Ideales Fahrrad-Wetter ist es noch immer – bei dieser frühlingshaften Temperatur erst recht. Auf relativ direktem Weg fahre ich an diesem Morgen in den Kreis 5, um in meinem Büro eine begonnene Arbeit abzuschliessen.

Doch dazwischen gibt’s immer auch ein Unterwegs.

Das herbstliche Sonnenlicht beleuchtet heute Ecken und Wände besonders zauberhaft, so dass ich gar nicht anders kann, als Vergängliches festhalten. Es wäre ein Jammer, an solch wunderbaren (Kunst)-Blüten unachtsam vorbeizufahren. Ich steige vom Rad.

Betrachte.

Ich veräume vor den gesprayten Botschaften und bin fasziniert – auch weil meine Botschaft an mich, sich langsam am Verankern ist (siehe «Kunst»). Währenddem ich fototgrafiere, «erwischt» mich meine Schwester. Sie will wissen, was ich auf meinem Weg «Richtung sehr gut» entdeckt hätte. «Du wirst sehen», gebe ich zur Antwort.

Hier nun, liebe Schwester, ist die Auswahl an Stadtblüten, für die ich an der Brauerstrasse 126 ein erstes Mal inne hielt.

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Kunst

Ich wusste, auf meine Schwester ist Verlass. Sie hat, nachdem sie meine Geschichte zu «Moment» gelesen hatte, tatsächlich telefoniert und mir gratuliert: «Du bist richtig gut unterwegs!», sagte sie. «Sich von Zwängen zu lösen, ist die Qualität des pensioniert Seins!»

Sie meinte damit den Tag, als ich mein vorgesehenes Tageskonzept über den Haufen warf, mich urplötzlich fürs Rudern zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit entschied und daraufhin erst noch nicht den Zug bestieg, den ich eigentlich wollte. An diesem eben beschriebenen Tag, erinnerte ich mich, als ich erst einige Züge später unterwegs nach Zürich war, des Öftern an Reimer Gronemeyer’s «Alt werden ist das Schönste und Dümmste, was einem passieren kann». Es war nicht das erste Mal, dass mir seine Überlegungen als Gedanken durchs Hirn flossen. Schon in der Woche davor, als ich mich kurzerhand entschloss, nicht länger im Büro zu verharren, sondern an den Bodensee zu reisen. Der Auslöser für mein «Auf und Davon» war damals meine Sehnsucht nach Doris und nicht etwa Gronemeyer’s Epilog, an den ich mich in diesem Moment erinnerte – aber auch, um ehrlich zu sein.

In seinem Buch schreibt er unter anderem über den Lebensabschnitt, in dem ich mich jetzt befinde: «Es geht nicht um einen Weg, der uns von einem nachdenklichen, unsere Sinne vertiefenden Alter «ab-lenkt». Es geht nicht darum, den Sinnenfreuden dieser Welt zu entsagen und sich in eine Eremitenklause zu verkriechen. Vielmehr geht es darum, das Leben nicht dadurch zu versäumen, indem man sich der Ablenkung verschreibt.» Weiter heisst es: «Wie schön dieses Wort «versäumen» ist. Es kommt aus der einfachen Tätigkeit des Nähens, bei dem man den Saum falsch nähen kann, man versäumt sich. Man kommt vom Wege ab. So kann man das Altwerden versäumen.»

Nicht vom Weg abkommen, sich nicht ablenken und dennoch nicht Leben und Altwerden versäumen – eine anspruchsvolle, herausfordernde Kunst, die ich fortan versuche, in meinem Alltag umzusetzen, so als ob es nichts Einfacheres geben würde.

 

Moment

Meine Schwester wird mir möglicherweise jetzt, nachdem sie wie fast jeden Morgen meinen Blog gelesen hat, telefonieren oder eine Mail schreiben und mir, wie schon einmal, mitteilen: Du befindest dich auf dem Weg «Richtung gut».

Ich hörte sie schon in Gedanken, als ich am Morgen nicht dasjenige realisierte, was ich ursprünglich einmal im Sinn hatte: Nämlich mit dem Zug um sieben Uhr 41 von dort nach dort zu fahren.

Es kam anders.

Schon als ich neben Doris erwache und noch im Dunkel die Schönheit des Morgens anhand der leuchtenden Sterne erkenne, wünsche ich mir für den Start in den Tag urplötzlich ein Sein zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit.

Heaven wait ist eben etwas anderes als: Heaven can wait.

Und so fahre ich also früh morgens, noch dort, zum Klub und bin mit meinem Ruderboot «hope» bereits auf dem See, bevor der von mir einmal avisierte Zug nach dort, Richtung Zürich, rollt. Ich setze meine Ruderblätter in der Kulisse der aufgehenden Sonne, der lachenden Möwen und Algen fressenden Schwanenpaare; und irgendwo, jedenfalls weit weg, die Geräusche der Zivilisation.

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Um 10.03 Uhr verlässt der für später angepeilte Zug ein weiteres Mal den Romanshorner Bahnhof ohne mich; ebenfalls um 10.41 Uhr. Erst nach einem Kaffee mit Doris, die unverhofft zu einer Arbeitspause kommt, mache ich mich schliesslich auf den Weg – einfach dreieinhalb Stunden später, als ursprünglich einmal angedacht.

Unterwegs frage ich mich unweigerlich, war es ein Morgen des Verdrängens und Aufschiebens? Ich finde nein. Denn das urspüngliche Konzept hatte kein Schweben zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit vorgesehen. Und deshalb denke ich, als Antwort auf meine Frage: Dass ich es richtig gut gemacht habe, weil mir heute (genauer gestern) gelungen ist, im Moment den Moment zu leben, ohne dabei die Welt zu vergessen.

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