Haltung

Um meine Ohren nicht in jedes überlaute Gespräch reinzuhalten, entfalte ich zu Beginn der gut 30-minütigen Bahnfahrt die Neue Zürcher Zeitung zum Vollformat (47x64cm) und bin damit für alle Mitreisenden als «Fossil» erkennbar. Wer liest in Zeiten der Kleinstformate noch gross Papierenes – damit meine ich nicht das Inhaltliche.

Denn was ich auf Seite 5 lese, lässt mich am Ende des Artikels über die Grenzen der persönlichen Bereitschaft reflektieren.

Die chinesische Journalistin Gao Yu war schon zweimal im Gefängnis. Im Frühjar wurde die 71-jährige Regimekritikerin nochmals zu fünf Jahren Haft verurteilt und nun aus gesundheitlichen Gründen vorübergehend entlassen.

Ich lese, wofür sie bestraft worden ist: Angeblich hat sie, so die Anklage, geheime Dokumente der Kommunistischen Partei Chinas beschafft und diese an eine in den USA ansässige chinesische Webseite weitergegeben.

Bei den weitergeleiteten Unterlagen soll es sich um «Dokument Nr. 9» handeln. In diesem wird aufgelistet, worüber an chinesischen Universitäten und in den Medien nicht gesprochen werden darf – über Werte wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte.

Auf der Rangliste der Pressefreitheit, erstellt von «Reportern ohne Grenzen», belegt China unter 180 Staaten Rang 176.

Gao Yu hört trotz Torturen und weggesperrt werden, nicht auf, sich als Bürgerin und Journalistin für die Grundwerte einzusetzen.

Mein Respekt vor soviel persönlichen Bereitschaft und Haltung.

 

(Link zum Artikel: http://www.nzz.ch/international/gao-yu-in-china-aus-haft-entlassen-1.18653658)

 

 

 

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7 Gedanken zu “Haltung

    1. was du schreibst hallt nach. Und tatsächlich finde ich in meinem Regal das rororo taschenbuch «Schwierigkeiten mit der Wahrheit» von Walter Janka – er zeigte haltung und konnte sie bei weggenossen/innen nicht finden, als es wichtig war, sich zu bekennen. das buch habe ich im dezember 98 gekauft – sehe ich im innern.

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      1. Na, da kann ich ja noch ein wenig erweitern. So ca. 2004 wurde ein Studiofilm über Walter Janka gedreht. Regisseur: ? Hergt, ein arbeitsloser Jungregisseur.
        Vornweg ging im Herbst 89 eine Lesung im Deutschen Theater über genau dieses Buch, dass Ulrich Mühe (auch schon tot, wie Janka) in Teilen vorlas. Ich war nicht unter den Tausenden von Zuhörern im Theater, sondern am Radio. Mir flossen die Tränen. Ich setzte mich spontan hin und schrieb einen (Leser-)Brief an W. Janka.
        Aus diesem Briefeschreiberkreis wurden einige herausgesucht, u.a. auch ich, und es wurde ein Film gedreht. Ich hatte ja auch mehr als Schwierigkeiten mit der Staasi, der Schule und den Arbeitsstellen. In meinem Abiturzeugnis stand der „verwerfliche“ Satz: „C. muss sich ernsthaft um eine positive Einstellung zu unserem Arbeiter-und-Bauern-Staat bemühen!“. – Außer, dass ich über diesen Satz sehr stolz war, hat er mir natürlich jegliche anständigen Studienplatzideen versaut.
        So ist das Leben
        In dem Buch (oder Film) wurde die Szene im Gerichtssaal gezeigt, wo ihn Hilde Benjamin (damals Justizministerin) anklagt und verurteilt. Und Leute wie Anna Seghers, die ihm hätten beispringen können, haben ihn im Stich gelassen. – Haltung zu zeigen ist wahrlich eine Sache des Charakters.

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      2. liebe clara – ganz herzlichen dank für deine sehr persönliche antwort und zugleich auch für den einblick in deinen lebensausschnitt/-abschnitt. damals habe ich mir oft überlegt (so wie auch jetzt, als ich von Gao Yu schrieb), wie wäre es mir ergangen? ich weiss nicht, wie mein leben verlaufen wäre.
        und noch etwas zu Anna Seghers. als ich in janka’s essay las, dass sie schwieg, war ich konsterniert/fassungslos. denn ich schätzte sie bis dahin sehr als schriftstellerin. mit lieben grüssen. barbara

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  1. Barbara, wenn du mal Lust und Zeit hast und herzlich lachen willst, dann kannst du hier lesen, wie sorglos ich in meiner Jugend mit der Stasi umgegangen bin. – Das ist alles schon so ewig her, aber manches weiß ich noch wie heute.
    https://chh150845.wordpress.com/2010/01/15/abiturbeurteilung-aus-der-ddr/
    Den Artikel habe ich ziemlich am Anfang meiner Blogzeit geschrieben. Ich denke, wäre ich im Westen aufgewachsen, wäre ich Anwältin oder Journalistin geworden – ob erfolgreich, steht in den Sternen.
    Spätabendliche Grüße von Clara, der Aufmüpfigen

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    1. dann wärst du ja berufskollegin geworden – und wer hätte damals gedacht, dass wir blogkolleginnen werden?! ich nicht. und finde es so toll/schön/anregend, dass wir es heute sind! lieber gruss. barbara

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