provozieren

Wir stehen in einer kleinen Gruppe an einem Partytisch und trinken zusammen noch einen Kaffee. Die eine Kollegin, etwas jünger als ich, erzählt etwas konsterniert von ihrer Begegnung mit einem Kundenberater. Dabei ahmt sie dessen Dialekt und Duktus nach, indem sie ihre Geschichte mit «hey, Mann» beginnt. Als sie sich nach einem neuen Handy erkundigte, hätte der junge Mann unter anderem darauf hingewiesen, dass es Geräte gebe, die für ältere Menschen mit entsprechend grösseren Tastaturen ausgestattet seien.

Die Erzählerin regt sich beim Wiedergeben der erlebten Situation erneut auf und ärgert sich erst recht, als ich trocken meine, dass sie bei einem aufmerksamen Kundinnenberater gelandet sei: «Wir sind für ihn doch alte Frauen – du und ich!»

Sie schluckt leer. Das Vorgefallene findet sie nach wie vor respektlos und mich erst recht daneben. Ich lege ein weiteres Briquet aufs Feuer und sage: «Dem Mann ist möglicherweise aufgefallen, dass du lieber die Augen zusammenkneifst, als dass du eine Brille trägst.»

Ja, ich provoziere immer wieder mal gerne. Doch manchmal hilft’s, um übers eigentliche Thema reden zu können. Ich weiss, dass ich damit vielen zu nahe trete. Und doch mache ich’s.

Aber an diesem Morgen lassen wir das Essenzielle schlummern und wechseln lieber das Gesprächsthema. Allerdings nicht wegen mir.

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11 Gedanken zu “provozieren

  1. Wie köstlich finde ich das denn alles: Die Augenfalten, das negierte Alter, den aufmerksamen Kundinnenberater und die Wurstfinger – und nicht zuletzt das leichte Provozieren, das schon zum Alltag dazu gehören sollte – aber von den meisten ganz, ganz schlecht aufgenommen wird. – Vielleicht nehme ich es auch nicht immer gut auf, bemühe mich aber dann wenigstens, meinen Humor nicht zu verlieren.
    Beste Berliner Grüße von Clara

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  2. Nina schreibt:

    Bald wird es nur noch auf Wurschtfinger, Rollatorfahrende, Begreifstutzige und Leseschwache ausgerichtete persönliche Beratungen geben. Also: die Heymanns im Mediamarkt, beim Fust usf. noch geniessen, so lange sie dort sind und solche Dienstleistungen nicht aus einem Endloswarteschlauf-Callcenter aus China kommen.

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  3. Alt werden, alt sein- für viele Menschen ein furchtbares Stigma. Ich lese inzwischen keinen Satz mehr ohne Lesebrille und ich nehme jede Annehmlichkeit gerne mit, die mir die Technik bietet, um die Herausforderungen des Älterwerdens zu meistern. Immerhin ist das Alter die längste Phase unseres Lebens, da möchte ich mich gleich zu Beginn wappnen.
    Aufmerksamer Verkäufer, finde ich auch.

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    1. «… das alter ist die längste phase unseres lebens …», da bin ich mit dir einig. nur: wo beginnt das alter – da gibt es in der beurteilung offensichtlich unterschiede. ansonsten wäre mein einwand nicht als provokation angekommen.

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    1. das stimmt. kenn ich auch und zum glück gibt es alte menschen, die einem noch viel sinn mit auf den weg geben können.
      doch gewissen dingen kann man ja auch ganz pragmatisch – im übertragenen und wörtlichen sinn – in die augen schauen. und da kann ich das provozieren nicht immer lassen (bei mir mehr! als bei andern – versteht sich doch von selber!)

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