schade

Am Tag nach DEM Ereignis unterhalte ich mich mit meiner langjährigsten Freundin über die mediale Berichterstattung. Wir sind uns einig: Zum Glück arbeiteten wir als Journalistinnen in einer Zeit, in der ethische Werte unser Handwerk bestimmten. Froh sind wir auch, dass wir heute nicht mehr in diesem Geschäft tätig sein müssen, das sich über die Jahre hinweg stark verändert hat. Oft ärgern wir uns beim Zeitungslesen über Selbstgefälligkeit,  Besserwisserei, Zynismus und feine Seitenhiebe. So auch als EWS – Eveleline Widmer-Schlumpf, Bundesrätin und eidgenössische Finanzministerin – ihren Rücktritt bekannt gab.

Dabei war ihr Auftritt einfach nur souverän.

An der von ihrem Departement einberufenen und live übertragenen Pressekonferenz zählte sie den Anwesenden noch einmal auf, welche Inhalte sie nicht zuletzt durchs Kompromisse finden, vorangetrieben und durchs Parlament gebracht hat. Bei welchen «Feuerwehr-Aktionen» sie im Einsatz stand. Ihre Liste an Wesentlichem ist lang.

Sie erzählt, dass sie durch Gespräche mit Familie, Mitarbeitenden, Parteiverantwortlichen, Freunden zur Überzeugung gelangt sei, dass jetzt der Zeitpunkt für ein Leben nach der Politik richtig sei.

Doch all das, wollen viele nicht hören. Eigentlich suchen sie ihr mit entsprechenden Fragen, das Bekenntnis zu entlocken, dass sie nach dem Wahlsieg der populistischen Rechtspartei genug vom Politisieren habe – auch weil sie um ihre Wiederwahl fürchte.

Doch darauf geht sie nicht ein. Sie bleibt souverän, witzig, aufmerksam, bestimmt. Sie beantwortet Fragen, ausser suggestive und diejenigen, die auf Privates zielen. Sie korrigiert, wo interpretiert und spekuliert wird.

Sie schaue vorwärts, sagt sie einmal. Beim Entscheiden sei auch wichtig gewesen, was sie nach ihrem politischen Engagement noch an Sinnstiftendem machen möchte. Die anschliessende Atempause bleibt kurz: «Fragen dazu», sagt sie, «beantworte ich nicht.»

Und dann verabschiedet sich EWS. Keine Reue – «entschieden ist entschieden». Ihr Schritt ist bestimmt. Nur wir, die Zurückgebliebenen, die keine Sympathien für die Brandstifter  haben, finden es schade und wünschten uns, dass Eveline Widmer-Schlumpf Bundesrätin bleiben würde. So auch ich.

Werbeanzeigen

3 Gedanken zu “schade

  1. Nina Stieger schreibt:

    Frau Widmer ist das kompetenteste Mitglied des Bundesrats, das ich je in Bern gesehen habe.
    Dass Frau Widmer von der Machtlobby ununterbrochen angegriffen wurde und diese letztlich erfolgreich war, ist ein Armutszeugnis sondergleichen. Jetzt wird wieder eine mittelmässig oder sogar unqualifizierte Person nachrutschen, wenn ich die von der Populistenpartei gebotenen Namen höre.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s