Flucht (2)

Er ist ein kleverer Junge. Als ich meine Fahrkarte löse, schiebt er sich langsam in mein Blickfeld. Er zeigt mir, wohin Billet und Rückgeld fallen. In der Hand, mit der er mir Anweisungen gibt, hält er einen leeren Pappbecher, der jede seiner Bewegungen mitmacht.

Zwei Tage später stehe ich mit meiner Schwester und ich am selben Ort. Wiederum lauert der Junge wartend hinter dem Automaten und hofft auf wenige Münzen Trinkgeld. Ich realisiere erst jetzt, dass er hier, in der Wärme der U-Bahnstation, mit Mutter und zwei Geschwistern lebt. Ich frage ihn nach Herkunft und Alter. Er zeigt sieben Finger und sagt: «Rumania.»

Weil ich kategorisch gegen Geldgaben bin, kaufen wir im nahe gelegenen Lebensmittelladen Mandarinen, Bananen sowie Schockolade und überreichen den gefüllten Plastiksack im Vorbeigehen.

In unseren Rücken hören wir Freude.

Geschichten über angekommene Flüchtlinge sind in den Tageszeitungen täglich ein Thema. Immer wieder wird in den Lokalteilen die überforderte Lageso (Landesamt für Gesundheit und Soziales) heftig kritisiert, die erst vor kurzem im Stadtteil Moabit Zelte aufgestellt hat, …

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… damit die Menschen nicht in Kälte und Regen auf ihre Registrierung warten müssen. In der heutigen «taz.berlin» wirft die Sprecherin für Integration, Migration und Flüchtlinge der Grünen dem amtierenden Sozialsenator (CDU) vor, den Notstand zu inszenieren. Die Politikerin wird mit folgendem Satz zitiert: «Da sollen Bilder produziert werden, die die hilfsbereite Stimmung kippen lassen.»

Dieses Berlin will ich nicht ohne Augenschein verlassen und fahre deshalb mit der U-Bahn nach Moabit. Ich folge dem Strom und keine fünf Minuten später sehe ich, worüber ich oft gelesen habe: die unzählbar vielen Menschen in den von Helfenden verteilten Pelerinen. Sie stehen Schlange vor roten Amtsgebäuden, auch vor der Impfstelle und vor dem Wagen fürs Röntgenbild.

Ich frage mich, wie werden diese vielen Menschen integriert werden können? Welche  Zukunft erwartet sie? Wie wird sich dieses Land entwickeln? Fragen ohne Antworten. Fragen mit Befürchtungen.

Am Ende dieses Nachmittages steige ich wieder einmal am Rosenthaler Platz aus. Ich gehe dem Bahnsteig entlang; mein Blick geschärft. Doch die Bank ist leer, der Junge nirgends.

Ich wünschte mir für sie eine bessere Zukunft.

6 Gedanken zu “Flucht (2)

  1. Darf ich fragen, wieso Du kategorisch gegen Geldgaben bist?
    Ich denke nämlich genau anders: ich gebe fast immer Geld, nur manchmal einen Kaffee und ein Croissant oder Hundefutter für die Punkhunde, weil ich denke, dass die Menschen wenigstens diese Autonomie haben sollten: zu kaufen, was sie sich kaufen möchten und nicht bei jedem Bissen den Geschmack zugedachter Almosen schmecken.
    Mit dieser Anmerkung möchte ich in keiner Weise Deine sehr großzügige und liebevolle Geste schmälern. Das Thema beschäftigt mich einfach und ich würde sehr gerne wissen, nach welchen Kategorien Du z.B. handelst.

    Lieben Gruß

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    1. erst einmal: danke für dein herausforderndes nachfragen.
      bei diesem knaben zum beispiel war meine überlegung, dass er von seiner familie (möglicherweise auch seinem clan) – um es krass zu formulieren -, missbraucht wird, geld zu sammeln und nicht mitbestimmen darf, wofür die münzen verwendet werden. bei süchtigen zum beispiel vertrete ich die persönliche (und ich weiss auch moralische) haltung, dass ich sucht nicht unterstützen mag. bei strassen-magazin-verkäufer/innen zum beispiel kaufe ich das magazin und gebe ihnen ein zusätzliches trinkgeld, weil ich ihr engagement durch ein zusätzliches zeichen unterstützen will.
      und: ich unterstütze hilfsorganisationen (zb «helvetas»), die sich vor ort für schul- und berufsausbildung jugendlicher einsetzen, mit grosszügigen spenden. denn ich bin der meinung, dass das vermitteln von wissen jugendliche vor ort stärkt und sobald sie eine berufliche zukunft haben, ihre familien mittragen können. ich glaube, dass diese wirkung grösser ist und mehr zukunftsperspektive beinhaltet, als das «batzen-geben» auf unseren strassen. dies sind meine überlegungen. mit liebem gruss. barbara

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  2. Entschuldige, dass ich so spät antworte.
    Die Geschichte mit dem Jungen, also den Grund, warum Du ihm konkret kein Geld in die Hand geben wolltest, verstehe ich.
    Schwierig finde ich es, wenn man für andere denkt und entscheidet. Das entmündigt die Menschen aus meiner Sicht. Ich finde jeder soll mit dem Geld, das ich ihm zudenke machen was er möchte. Und wenn er (sie) Zigaretten oder Bier kaufen möchte, bitte schön…

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      1. Ich verstehe was Du meinst. Trotzdem denke ich, dass auch das eine Entscheidung ist, die wir ihnen nicht abnehmen können und die sich manchmal (z.B. bei Obdachlosen) auch aus ihrer Lebenssituation ergibt.
        Nüchtern auf der Straße leben?
        Natürlich gibt es da Grenzen, die ich nicht überschreite. ich gebe Junkies kein Geld um sich weiter zu zerstören. Dem obdachlosen Alkoholiker hingegen gebe ich schon welches und hoffe, dass er sich dafür etwas zu essen kaufen wird. (Was er wahrscheinlich nicht tut).
        Schwieriges Thema, aber deswegen so interessant mit Dir darüber zu reden.

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      2. finde ich ebenfalls ein schwieriges thema – die einen schaffen es, die andern nicht, wegen dieser gesellschaft in dieser gesellschaft einen platz zu finden. doch was helfen beispielsweise 5 franken / 5 euro, wenn sie am nächsten eck für bier ausgegeben werden und damit ein grosskonzern seinerseits wiederum unmässig viel verdient. da unterstütze ich wirklich um einiges grosszügiger als mit 5 franken eine institution, die obdachlose oder andere abhängige unterstützt, eigenständig zu werden.

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