so schön

Wir sitzen im Schlaraffenland der Kalorien. Ich komme vom Arbeiten in meinem Atelier und sie, meine Wohnungsnachbarin, von zu Hause. Sie streckt mir ihre rechte Hand entgegen – über Cappuccino, den Sahnetupfer des Erdbeertörtlis und das Aragosta. Ihre Augen leuchten, als sie mich auffordert: «Du kannst mir gratulieren!» – «Wozu?», denn ich habe keine Ahnung. Sie: «Rate doch!»

«Geburtstag?» – «Nein!»

«Neue Stelle?» – «Nein!»

«Letzter Arbeitstag?» – «Nein!»

«Keine Ahnung!»

Kurze Pause – für die Spannung. Danach die Auflösung: Ende Monat sei sie ebenfalls pensioniert. Und ich sehe die Erleichterung, als ich ihre Hand noch fester drücke. Die emotionale Last der selbst gewählten Kündigung und der ungewissen Zukunft ist gewichen, seitdem sie in der vorzeitigen Pensionierung die auf sie zugeschnittene Lösung gefunden hat.

Als ich mich von meinem neuen dauerferien-Klubmitglied verabschiede, streckt sich die 58-Jährige in die Höhe und dehnt sich in die Breite. Dabei atmet sie tief durch und jubelt mitten in der italienischen Konditorei: «Freiheit! Endlich bin ich frei!»

«Eine schöne Geschichte», freue ich mich vorerst einmal innerlich. Ich frage, weil ich denke «schon wieder!», ob es sie störe, dass ich im Blog oft über unsere Begegnungen schreibe und sie dies erst im Nachhinein sehe (zum Beispiel «Aussichten» und «freuen»). «Nein», sagt sie: «Ganz im Gegenteil!»

Wir herzen uns ganz fest, weil wir beide wissen, als wir das Paradies der Süssigkeiten verlassen, dass die Geschichte, die ich im Zug nach Romanshorn sofort niederschreibe, nicht die letzte sein wird. Im Gegenteil: noch manche wird ihr folgen – so schön.

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