aushalten (1)

Vor langem habe ich sie letztmals gesehen. Die ehemalige Biologin, die nach der Pensionierung sich nochmals in ein Studium der Germanistik kniete. Nun steht sie ebenfalls an der Kasse in der alten Fabrik in Rapperswil-Jona weil sie an den Stadttalk kommt, den meine langjährigste Freundin einmal im Monat mit Gästen führt. Am vergangenen Freitag sprach sie mit einem Bauern, der auch Bestatter ist, und einer Betreuerin einer Pflegeabteilung für Alte.

Die beiden reden übers Paradies, Sterben, vergangene Lebensjahre. Jedesmal ist es spannend und auch überraschend, was Menschen erzählen, wenn meine Freundin fragt, zuhört, fragt und ihre Gegenüber öffnet. Über den Talk will ich aber nicht schreiben, sondern übers ritualisierte Nachher.

Im Anschluss an die Veranstaltung trifft sich der harte Kern immer noch zu Kebab und Bier. Dort finden  die Gespräche jeweils ihre Fortsetzung. Dort wird auch über anderes geredet.

Neben mir sitzt nun die Literatur affine Biologin. Selbstverständlich landen wir bei «meinem» Thema. Als ich ihre Frage nach meinem «neuen» Leben mit «Ja, ja – es geht», beantworte, gibt sie zu bedenken, dass auch alles seine Zeit braucht. Ihre Erfahrungen, die  ähnlich sind wie die meinen, liegen inzwischen 10 Jahre zurück. Als sie von den rundum Sitzenden gefragt wird, wie sie denn heute ihre Woche konkret verbringe, beginnt sie aufzuzählen: An drei Tagen belege sie Vorlesungen an der Universität. Dann tauche sie oft in die Atmosphäre der Bibliotheken, die sie so liebe, oder gehe ins Kino. «Ich muss einfach aus der Wohnung», bringt sie ihr aktives Leben auf den Punkt. Dazu streckt sie die Arme eben aus und die Hände in die Höhe – so als ob das, was sie nun sagt, nicht zu nahe kommen darf: «Ich ertrage es nicht, zu Hause rumzusitzen.»

Aushalten, denke ich – aber was genau?

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