erinnern (2)

«Ich danke dir dann noch!» – «Ja, wofür denn?», frage ich nach. «Für die Karte aus Island», sagt meine langjährigste Freundin, als ich mit ihr telefoniere.

Ich kann kaum glauben, dass diese erst gestern in ihrem Briefkasten gelandet ist. Denn meine langjährigste Freundin gehörte zur ersten Postkartenrunde, die ich, kaum in Island angekommen, für meine Liebsten schrieb, die mich zu Hause gedanklich begleiteten – dazu gehörten meine Lebenspartnerin, Schwester und Schwager und auch sie. Alle hatten sich bereits darüber gefreut, ausser sie.

Um ehrlich zu sein: Ich dachte deshalb, dass sie nach meiner sieben wöchigen Abwesenheit einfach vergessen hatte, sich für die Zeilen zu bedanken, weil ich dabei von mir aus ging. Schon oft habe ich die Erfahrung gemacht, dass mich mein Gedächtnis im Stich lässt. Erst behauptete ich: «Nein, nie gehört!», oder: «Nein, nie gesehen!», bis dass das «verlorene» Objekt, wie aus einem Nebel, in einer Langsamkeit aufzutauchen begann, um sich im aktiven Bewusstsein wieder festzukrallen. Inzwischen habe ich aus solch komprimitierenden Situationen gelernt. Ich versuche, nicht zu schummeln und offen zu deklarieren, dass ich mich nicht mehr erinnere.

Nun – bloss nicht auf Panik machen. Bei meiner Vergesslichkeit handelt es sich um eine absolut normale Folge des Älterwerdens, die ich, bis sie mich selber traf, nur vom Hörensagen kannte. Vergesslich war ich nur in Sachen Literatur und Film – kaum gelesen, kaum gesehen war vieles schon wieder vergessen.

Tatsache ist allerdings, dass Alter oder grosser psychischer Stress immer wieder mal unkontrolliert die «delete»-Taste betätigen. Manchmal schafft man es, unter Anstrengung, zurückzuholen, was verloren ging. Schön wäre, wenn das menschliche Hirn, wie ein Computer auf die Tasten-Kombination «command»/ «z» reagieren würde. Tut es aber nicht.

Zurück zur Karte, der es nicht viel anders ergangen ist als mir: Sie benötigte, um anzukommen, einfach ihre eigene Zeit – so wie ich. Wir beide – sie und meine Seele – haben sich praktisch gleichzeitig im Briefkasten Schweiz, wo alles kleiner und enger ist, eingefunden. Und Island, das bereits seit mehr als vier Wochen Vergangenheit ist, bleibt an beiden haften – als Bild, als Erinnerung und bei mir nicht nur im Gedächtnis, sondern auch im Herzen.

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3 Gedanken zu “erinnern (2)

  1. Barbara, wie ist das schön, hier zu lesen, dass auch dich die Vergesslichkeit fest in ihren Klauen hält. – Bei mir muss so ein kleiner Teufelskerl ständig und immer auf der delete-Taste sitzen 🙂
    Einen lieben Claragruß zu dir!

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