warum – darum

Oft hat mich die Frage beschäftigt, ob ich als dauerferien-Frau wirklich Ferien benötige? Möglicherweise zur Ablenkung oder um der Langeweile zu entfliehen?

Diese Frage habe ich meiner um fünf Jahre älteren Schwester, die seit ihrer Pensionierung oft in den Ferien ist – Indien, Burma, Paris – auch gestellt. Meistens hat sie schon neue Pläne, bevor sie den Koffer für die anstehende Reise gepackt hat. Sie meinte: «Neue Eindrücke beflügeln mich».

Heute Morgen in Fluðir, als ich mich in der <Secret Lagoon>, Islands ältestem Geothermalbad, auf dem Rücken durch das heisse Wasser treiben liess, kam ich zu einer weiteren Antwort: Mir ist aufgefallen, dass jetzt, wo ich weg vom Alltag bin, meine kreisenden Gedanken ebenfalls Ferien machen. Sie haben sich aufgelöst wie der Dampf der Heisswassersquelle.

Seit gestern bin ich auf dem Reithof <Eglisstaðir 1>: Am Nachmittag striegle ich mein Islandpferd <Güstür> und tölte auf seinem Rücken in traumhaften Landschaften durch die Gegend – am zweiten Tag schon besser als am ersten. Anschliessend führe ich ihn zurück in sein Gehege und denke an meine Schwester: «Neue Eindrücke beflügeln.» Heute ist mir zudem noch aufgefallen, dass die Frage: «Wie gestalte ich als frisch Pensionierte wohl die neue Lebensphase?», hier nicht existent ist; sie jedenfalls diesen Gedanken nicht zum Kreisen bringt. Nur schon deswegen braucht es trotz dauerferien Ferien.

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selbstverständlich

Ich denke, irgendwo nach Reykjavik – auf dem Weg zum Reitstall – werde ich einen Tee oder Kaffee trinken. Nach gut einer halben Stunde Autofahrt durchs Hochland kommt inmitten des Vulkan schwarzen Gerölls eine Tankstelle mit Kaffeebar.

P1110664Ich halte an und bin beim Eintreten von den Socken, weil ich nicht damit rechnete, was mich erwartet: eine Fussballwelt. In den buntesten Farben hängen Schärpen, Fahnenwinkel, Fotos von internationalen Klubs und Stars – auch von deutschen, englischen und spanischen. Selbstverständlich auch von isländischen. Im Unterschied zum Resten der Welt gibt es auf Island allerdings auffallend viele Frauen-Stars.

Als ich das Lokal verlasse, verspreche ich, dass ich, sollte ich wieder kommen, einen Schal des FC Zürich mitbringen werde, denn das Emblem eines Schweizer Klubs fehlt im «Nowhere» noch.

P1110660P1110661

immer wieder

hat mich heute Morgen in die «Agglo» von Reykjavik gefahren: In Kopavogur, dem zweitgrössten Ort Islands, arbeiten gegen 30 Kunstschaffende in umgenutzten Industriegebäuden.

Ich warte bereits um 9 Uhr vor der Harpa, dem Kultur- und Konferenzzentrum Reykjaviks, auf die Abfahrt des Shuttles zu den Ateliers. , der Chauffeur, ist kurz vor mir eingetroffen. Ich helfe ihm noch die Hinweis-Tafel aufstellen. Dabei erfahre ich, dass er und seine Frau seit 10 Jahren als Tourguides im Business sind und sich erst vor kurzem selbständig gemacht haben. Nebenbei erwähnt er noch, dass seine Frau Martina auch Malerin ist und sich ihr Atelier ebenfalls in Kopavogur befindet. Leider sei sie aber ausgerechnet heute als Reiseleiterin unterwegs. Wir fahren los.

Und es klingt schon fast trivial: Ihre Bilder sind spezieller als andere. Und er ist ein leidenschaftlicher Landschaftsfotograf. Dies hat er nicht erwähnt. Ich erfahre es von einer Isländerin, die anstelle der beiden deren Atelier hütet.

Nach drei Stunden schauen und reden, wandere ich nach Reykjavik zurück. Und mein intensiver Kulturtag geht am Abend in der Harpa zu Ende. Neben mir sitzt ein gleichaltriger Franzose, der sich nach der Veranstaltung mit einem Lächeln von mir verabschiedet und meint, dass wir uns sicher nochmals begegnen werden. «Weisst du», sagte er: «Wer einmal in Island war, kommt immer wieder.» Er verrät mir, dass sein Einstieg vor 30 Jahren war und dass er sich vor vier Jahren eine Wohnung in Reykjavik gekauft hat.

Wenn seine Prophezeihung je eintrifft, wüsste ich jedenfalls seit heute, bei welchen Tourguides ich Wanderungen ins Landesinnere buchen würde. Aber vorerst geht’s morgen bereits weiter – nach Südosten zum Reiten.

P1110646 Landschaftsbild von Reiseleiterin Martina

P1110641 Harpa, das KKL von Reykjavik

doch noch

Heute ist es am frühen Morgen wieder nass und grau. Wenn ich ehrlich bin, ist es eigentlich noch grauer, noch nässer und noch windiger als gestern. Aber hier tun alle so, als wäre dem nicht so – inklusive ich. Meine Lebenspartnerin würde mich so nicht wieder erkennen.

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Ich bin zum ersten Mal stadtauswärts gewandert – der Schirm blieb in der Tasche, die Kapuze zog ich über die Mütze und marschierte neben der Schnellstrasse der Küste entlang. Zufälligerweise kam ich zur Landzunge, wo die Briten im Mai 1940 während des zweiten Weltkrieges unter der Verletzung der isländischen Neutralität 25’000 Soldaten stationiert hatten. Ein Jahr später wurden die Engländer von den Amerikanern abgelöst. Auf diesen Teil der Geschichte weist heute nur noch eine Informationstafel mit Fotos von Baracken und Lagerhallen hin. Ansonsten ist’s, wie wenn es nie gewesen wäre. Bis vor wenigen Wochen war mir diese Tatsache noch unbekannt. Im Island-Krimi «Todeshauch» von Arnaldur Indriðason habe ich erstmals darüber gelesen.

Anschliessend erwanderte ich auch noch das andere Ende der Stadt. Da befindet sich eine Art Do-it-yourself-Laden, der unter anderem auch unzählige  Zwischenstecker im Angebot führt. Den Tipp erhielt ich von einer Supermarkt-Verkäuferin.

Zufrieden, dass ich durch Fragen weiterkomme – Jòhann, mein Vermieter, hat sich nämlich nicht mehr gemeldet -, packe ich meinen Badeanzug ein, um mich auch heute im «Sundhöll Reykjvikur» zu entspannen und im Hot Pot aufzuheizen.

nass und grau

Heute ist so richtiges Islandwetter. Es klatscht der Regen an die Zimmerscheiben, der Wind jammert, das Nachbarhaus ist heute dunkelgrau.

Zum Glück weiss ich, dass es auch anders sein kann.

Am Dienstag, bei meiner Ankunft, schien die Sonne. Es war für Island «sommerlich» warm: 7 Grad. Die einen sassen noch am Abend vor den Kaffees, die andern werkten im kurzen T-Shirt im Garten. Auch ich hatte – trotz Fleece, Windjacke und Kappe – das Gefühl: Hier ist es fast so warm wie in Zürich. Jedenfalls war ich froh in diesem Moment froh, dass ich den Wintermantel doch noch zu Hause gelassen habe.

Heute passe ich das Programm der Witterung an – Besuch im Fotomuseum und allenfalls nochmals mich aufheizen im Hot Pot des «Sundhöll Reykjvikur», ohne wenigstens dort nasse Socken zu bekommen – weshalb erfährst du in .

Und dann hoffe ich vorerst noch nicht gerade auf besseres Wetter, aber auf Jòhann, meinen Vermieter, dass er mir den Adapter für den dreipoligen Stecker beschafft … Dies könnte, trotz Regen, ein schöner Reykjavik-Tag werden.

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Zu Hause habe ich einer Island-Begeisterten noch die Frage gestellt, wie es wohl mit den Steckdosen und den Stromanschlüssen sei. So wie bei uns, meinte sie und schickte mir als Beleg noch ein Foto – darauf ist ein iPad zu sehen, das mangels Platz in der Küche in einem Toaster steckt und daneben, gut sichtbar, die isländische Steckdose; nichts Auffälliges. Das Bild könnte durchaus auch in der Schweiz gemacht worden sein. Ich packte also unbesorgt meine Elektronik in den Koffer – Film- und Fotokamera, Handy und Computer.

Allerdings realisiere ich heute, kurz nach dem Schwimmen, welche Konsequenzen dies hat: Vergebens suche ich mit meinem dreipoligen Stecker nach der entsprechenden Dose. Auch mein B&B-Vermieter kann mir nicht weiterhelfen, obwohl er mich via sms anleitet, die diversen Schublade zu durchsuchen, was ich selbstverständlich schon längstens gemacht habe.

Zum Glück sind meine spanischen Zimmernachbarn meine Rettung – noch spät in der Nacht, als sie nach Hause kommen, klopfe ich an ihre Tür. Allerdings reisen sie bereits morgen weiter. Wenigstens für eine neue Ladung Strom hängt nun mein Computer an ihrem Reisestecker.

Was ich dabei auch noch lernte: Brasilien, so sagten sie, habe dasselbe Modell Stecker wie wir in der Schweiz.

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«Sundhöll Reykjvikur», Reykjaviks ältestes Schwimmbad, liegt ganz in der Nähe meiner Unterkunft.

Die Regeln sind strikt und die entsprechenden Hinweis-Schilder unübersehbar. Der Umkleidebereich kann nur ohne Schuhe betreten werden. In den Badebereich darf nur, wer den ganz nackten Körper mit Seife gewaschen hat – insbesondere die delikatesten Stellen, die auf einer Zeichnung kreisförmig eingefärbt sind.

Der Hot Pot mit 42 Grad heissem Wasser liegt im Aussenbereich. Da sitze ich nun. Der Wind rupft am Haar. Rund um mich isländisches Plaudern. Ich frage mich, weshalb lässt sich der Mann vis-à-vis von mir das Wappen der isländischen Republik auf den linken Oberarm tätowieren. Und er fragt: «Woher kommst Du?»

Aus welchem Land ich angereist bin, ist dem 50-jährigen egal. Er schimpft über die Einflussreichen. Menschen würden ihre Arbeit und Häuser verlieren, weil sich Politiker auf Kosten der Bevölkerung bereichern und dadurch im Geld schwimmen würden. Island sei das korrupteste Land, das er kenne. Er lässt mich nicht mehr als «realy» sagen.

Die Hitze treibt uns bald einmal aus dem Pot zurück zu den Regeln, die einem, sofern man sie einhält, trockenen Fusses zurück zur Garderobe bringen. Wenigstens habe ich für einmal trockene Socken nach dem Schwimmen.

reisen

Auf der Fernseh-Intranet ist zu meiner Pensionierung ein Artikel erschienen – ein Abschiedsbrief von meinem Chef. Vor 40 Jahren sind wir einander erstmals begegnet. Es war in Biel. Wir standen beide am Anfang unserer journalistischen Laufbahn. Wohin uns unsere Berufswege führen würden, wussten wir damals beide nicht. Dass wir zu Letzt über 10 Jahre zusammenarbeiten werden – er als mein Vorgesetzter und ich als „seine“ Angestellte -, wäre uns damals, als wir durch unsere Arbeit die Welt verändern wollten, nie in den Sinn gekommen.

Eigentlich war mir die Vorstellung, dass meine Pensionierung einmal auf der Intranet-Seite verkündet wird, unangenehm; etwas, was ich bestimmt nie wollte. Doch Rituale sind mir im dem Laufe der Zeit immer wie wichtiger geworden – auch fürs reinigende Weinen, wenn es ums Abschied nehmen geht. Deshalb habe ich mir die Erwähnung explizit gewünscht. Dies ist nun geschehen.

Der sehr persönliche Artikel, der mich beim Lesen bewegte, wurde anfangs Mai, als ich schon nicht mehr dort war, aufgeschaltet. Eine Arbeitskollegin, die immer sehr aufmerksame Teamleiterin des Sekretariats der Ausbildung, hat mir eine Kopie nach Hause geschickt. Zu den Grüssen schrieb sie: «schöne Reise!»

Sie dachte dabei an Island. Und ich überlegte, im Moment, als ich die Wünsche las, ob damit wohl beide Reisen gemeint sein könnten – sowohl diejenige in den Norden, als auch jene durch den nächsten Lebensabschnitt.

wärmen

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Mein Koffer für die Reise nach Island, die in fünf Tagen Wirklichkeit ist, steht noch immer im Keller. Eigentlich ist es gar nicht mein Koffer, sondern derjenige meiner Schwester. Ich habe ihn ausgeliehen, weil er viel mehr in sich hinein stopfen lässt, als jedes andere Reisegepäck, mit dem ich in den letzten 40 Jahren unterwegs war.

Eigentlich sollte man meinen, dass, je älter man wird, um so Ballast freier gereist werden kann und zwar in jeder Beziehung. Ich habe es mir zwar vorgenommen. Aber Ausnahmen gibt es immer, so wie dieses Mal.

Denn erstens verreise ich immerhin für sieben Wochen und zweitens zeigt die Wetterkarte, dass in Reykjavik trotz sonniger fünf Grad, die gefühlte Temperatur auf minus eins geschätzt wird.

Deshalb hat mir gestern meine langjährigste Freundin beim letzten gemeinsamen Nachtessen vor meiner Abreise auch zwingend geraten, den Wintermantel einzupacken. «Wenn schon denn schon – du bist ja mit Mietauto unterwegs», das hat auch meine Partnerin gemeint. Und so gibt es neben Thermoswäsche und Fleecejacken noch so manch anderes, das den Koffer füllen wird.

Auch die Badehose wird in einem Zwischenraum Platz finden. Denn das Entspannen in warmem Wasser – in grösseren Badezubern, sogenannten Hotpots, Hallenbädern oder in natürlichen Aussenbecken -, hat in Island Tradition. Es sind Orte – eine Art Landsgemeindeplatz – wo zusammen geschwadert und geplaudert wird.

Auch darauf freue ich mich: Dass ich jetzt schon weiss, dass es trotz Kälte Flecken gibt, wo mir wenigstens vom Hals an abwärts warm wird.

vorbereiten

Der eine Vorsatz ist umgesetzt: Ich habe den Faden zur Bekannten, die ich am 23. Februar zufälligerweise im Schiffbau-Foyer traf, als ich meine langjährigste Freundin zu ihrem 60sten Geburtstag zu «Yvonne, die Burgunderprinzessin» einlud, wieder aufgenommen. Wir haben uns bereits zu einem Kaffee getroffen. Dabei habe ich sie spontan zu meinem Fest  «tschüssUNDsali», das nun auch schon wieder knapp zwei Wochen zurück liegt, eingeladen.

Sie ist gekommen und hat mir zu meiner nächsten Lebensphase das Buch <ALTER(N) ANDERS DENKEN>, das sie mit herausgegeben hat, geschenkt. Darin wird in einzelnen Beiträgen das Alter(n) in unterschiedlichsten Kulturen beleuchtet mit dem Ziel, dass der verengte Blick auf den Jugendlichkeitskult geweitet wird. Ein wichtiger Input, da die demographische Entwicklung nichts anderes zulässt, als Blick, Diskussion und Haltung gegenüber «den Alten» zu öffnen. Schönes Geschenk.

Dennoch: für meine bevorstehende Reise werde ich das Buch nicht in die Koffer packen; es ist mir zu schwer – in jeder Beziehung. Ich habe mir für diese Zeit vor allem Isländisches auf meinen eReader geladen – auch Krimis von Arnaldur Indriðason und seinem Kommissar Erlendur. Ich bin bereits am dritten Fall, weil mich die Geschichten aus Island packen.